Industrie 4.0 reicht als Konzept für den digitalen Wandel nicht aus – Wo sind die netzökonomischen Kompetenzen? #HM15 #Industrie40


So geht Digitalisierung
So geht Digitalisierung

„Mit der digitalen Vernetzung der Produktion wird sich unser Verständnis von Industrie so nachhaltig verändern wie niemals zuvor“, so VDMA-Präsident Reinhold Festge zur Eröffnung der Hannover Messe. Die deutschen Hersteller seien für diese globale Veränderung bestens gerüstet, betont der oberste Maschinenbau-Lobbyist.

„Für die deutsche Industrie formuliere ich dabei nicht weniger als den globalen Führungsanspruch.“

Klingt famos. Aber die Realität sieht anders aus.

Bisher wird nach Ansicht von Manfred Broy (Professor für Informatik an der Technischen Universität München) und Dietmar Harhoff (Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation) der Industrie 4.0-Ansatz nur von einigen wenigen Unternehmen gelebt.

„Viele der zumeist mittelständischen deutschen Produktionsunternehmen nehmen von der Thematik bisher kaum Notiz und sind bestenfalls ratlos“, schreiben Broy und Harhoff in einem Gastbeitrag für die Montagsausgabe der FAZ.

Die Autoren bemängeln eine konzeptionelle Einengung:

„Digitalisierung und das Internet der Dinge werden auf einen produktionstechnischen Teilbereich reduziert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Teile der deutschen Industrie seien fast erleichtert, dass das ungewohnte und eher unheimliche Thema Digitalisierung durch das Zauberwort Industrie 4.0 seinen Schrecken verliert und gebannt scheint. Aber die Hoffnung der deutschen Industrie, dass mit Industrie 4.0 der Digitalisierung hinreichend Rechnung getragen ist, ist trügerisch.“

Übersehen werde bei der Ausrichtung auf Industrie 4.0, dass die Digitalisierung vor allem Kunden (auch Geschäftskunden! gs) und Märkte verändert. Kein Kundenzugang sei umfassender, enger und schneller als der über das Internet, über internetbasierte Dienste. Hinzu komme, dass die oft als technikfeindlich verpönten Deutschen in Scharen in die schöne neue Welt der Digitalisierung strömen – ob Smartphone, Google, Facebook oder Amazon – das Potential der digitalen Wunderwelt ist höchst attraktiv, gerade auch für deutsche Konsumenten.

Die schnellen Skaleneffekte, die sich international verbreiten, die Ortsungebundenheit des Netze und die beliebige Vervielfältigung von digitalen Diensten lässt sich auch durch deutsche Gerichtsurteile (der Fall Uber) nicht aufhalten, betonen die beiden Wissenschaftler.

„Die Stärken der deutschen Wirtschaft – exzellente Ingenieurleistungen und das Beherrschen technisch anspruchsvoller Produkte – drohen dadurch ein Stück weit ins Hintertreffen zu geraten.“

Die Produkte und Dienstangebote digitaler Technik seien näher am Menschen als jede andere Technik zuvor. Das alles weise darauf hin, das Industrie 4.0 allein kaum eine überzeugende Antwort auf den digitalen Wandel darstellen kann. Reichen die netzökonomischen Kompetenzen von Ingenieuren und IT-Führungskräften für diese Aufgaben aus?

Ich glaube nicht. Und was denkt Ihr? Knackige Statements für meine The European-Mittwochskomumne würden mich erfreuen – die müssten bis Dienstagmittag bei mir eintrudeln. Entweder hier als Kommentar oder via E-Mail an gunnareriksohn@gmail.com

Siehe auch:

Geht schon in die richtige Richtung: MINI Augmented Vision – BMW stellt Smartglasses fuer Autofahrer vor.

Leider auch ein Problem: Weniger Gründungen, weniger neue Konzepte: Willkommen in der Post-Startup-Ära.

Klingt nicht gerade nach einem Industrie 4.0-Siegeswillen: Deutsche Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland.

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2 Gedanken zu “Industrie 4.0 reicht als Konzept für den digitalen Wandel nicht aus – Wo sind die netzökonomischen Kompetenzen? #HM15 #Industrie40

  1. Natürlich ist das Thema so komplex, dass man hier tagelang schreiben könnte. Die Kunst ist es, kurz und simpel zu bleiben. Daher mein Versuch:
    Ich denke, dass im Zeitalter der Digitalisierung nur diejenigen Schritt halten können, die nach dem Motto leben: ‚Potentiale nutzen‘. Es gehört jedoch zur Kultur der Deutschen ‚Risiken vermeiden‘.

    Soviel zum Statement und nun mehr:
    Dies hat sich seit Jahrzehnten auch in unserer Gesellschaft verankert. Unsere Gesetzgebung, unser Datenschutz, und vieles mehr ist nur darauf ausgerichtet. Wie das jedoch meistens so ist: Wenn etwas gut für eine Sache ist, ist es meistens eher hinderlich für eine entgegengesetzte Sache. Ich würde uns als perfektionistische Planer bezeichnen, glaube jedoch das die aktuellen Rahmenbedingungen eher die ’schnellen Macher‘ bevorteilt. Oder anders ausgedrückt: „Fail fast, fail small.“ „Just do it“ usw.

    Ich sage nicht, dass unsere Art und Weise schlecht ist. Im Gegenteil, diese Einstellung war wohl die Grundlage unseres geschichtlichen Erfolgs als Qualitätsmarke Deutschland. Die Rahmenbedingungen haben sich aber geändert. Ob sie uns immer noch gewogen sind, darf bezweifelt werden. Das Problem besteht also nicht im technischen Verständnis von Digitalisierung & Co. sondern in der kulturellen Adaption. Und da helfen keine Gesetze, keine Regeln sondern nur Erfahrung und Zeit.

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  2. Immer neue, größere Schlagworte und Zahlen (Web 2.0, Industrie 4.0) helfen überhaupt nicht weiter. Sie führen eher zu Verunsicherung und Lähmung. Digitale Transformation muss verstehbar, abbildbar, konkret und anwendbar werden. Und zwar individuell für jedes Unternehmen, für jede Branche. Das geht nur wenn der Weg ersichtlich wird von der aktuellen digitalen Situation des jeweiligen Unternehmens zur nächsten Stufe. Also einfach: Unternehmen X -> Digital+

    Uwe Matern

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