Kann man die Silicon Valley-Giganten mit ihren eigenen Waffen schlagen? Über Parasiten, Kopisten, Strategeme und nützliche Idioten


Meister der Strategem-Lehre
Meister der Strategem-Lehre

In einer digitalen Welt gibt es unendlich viele Kombinationen für neue Dienste und Produkte, die selbst die Big Data-Analysten nicht antizipieren können – auch wenn sie noch soviel Datenschrott sammeln. Es gibt zu viele Variablen, weil immer auch unvorhersagbares menschliches Verhalten eine Rolle spielt. Oder wie es Douglas North, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, ausdrückt:

„Der Preis der Präzision (von theoretischen Modellen, gs) ist die Unfähigkeit, Fragen des realen Lebens zu behandeln.“

In den netzökonomischen Diskursen sollte man mehr auf Sicht fahren und überlegen, wie man die amerikanischen Plattformen für das eigene Business nutzen kann. So kehrt man das parasitäre Gedankengut der kalifornischen Monopolfetischisten ins Gegenteil. Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler können in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen sein. Sie stören die Monopolisten.

„Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt, dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Parasiten stören die Stille. Das ist uns übrigens schon einmal perfekt gelungen. Besonders die deutsche Industrie, konnte ihre Rückständigkeit Ende des 19. Jahrhunderts nur durch kluge Imitation kompensieren.

„Wie heute die Chinesen, haben damals deutsche Maschinenbauer ausländische Erfolgsmodelle in großem Stil eingekauft: Sie zerlegten die Maschinen in England und bauten sie im Siegerland oder im Schwäbischen neu auf. Durchs Nachmachen zu Erfahrung gekommen, haben die Deutschen sodann ihre Maschinen billig ins Ausland verkauft“, berichtet Rainer Hank von der FAZ.

Er verweist auf ein besonders dreistes Kopistenwerk in Solingen. Dort wurden minderwertige Messer aus Gusseisen hergestellt und mit dem Stempelaufdruck „Sheffield“ veredelt – das galt damals als Markenzeichen der englischen Messerproduktion.

„Ironie der Geschichte: Als Abwehrmaßnahme zwang England Deutschland das Label ‚Made in Germany‘ auf, damit man die mindere Ware erkennen sollte. Aber den Deutschen gelang es, das Stigma zum Qualitätssiegel umzuschmieden“, so der FAZ-Redakteur.

Degradieren wir die Silicon Valley-Aufschneider zu nützliche Idioten einer Ökonomie, die mehr Zugänge und Kompetenzen für wirtschaftliche Aktivitäten liefert. Soweit die Zusammenfassung meiner Gedanken, die ich in meiner The European-Kolumne und in einem längeren Beitrag für den Netzökonomie-Campus formuliert habe, der sich am 3. Mai mit dieser Thematik auseinandersetzt.

In Deutschland und Europa muss man Strategem-Kompetenzen aufbauen – nicht zu verwechseln mit Strategie.

„Strategem ist ein anderes Wort für ‚List‘. Unter Strategie verstehen Manager üblicherweise ‚langfristige Planung im Hinblick auf die grundsätzlichen Unternehmensziele‘, im Gegensatz zur Taktik im Sinne von kurzfristiger Ziele“, so der Sinologe Harro von Senger, ein Kenner der chinesischen Strategem-Lehre.

List wird in der westlichen Welt häufig mit Täuschung gleichgesetzt. Von dieser Verengung sollten sich westliche Führungskräfte lösen, fordert Senger und verweist auf die beste chinesische Umschreibung von List:

„Etwas Außergewöhnliches erzeugen, um den Sieg zu erringen.“

List ist also eine schlaue, außergewöhnliche verblüffende Problemlösung. Täuschung spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Wenn sie zur Anwendung kommt, dann eher als Bluff, wie beim Pokern.

In der Wirtschaftswissenschaft wird neben der Netzökonomie auch dieses Thema völlig ausgeblendet, obwohl die Wirtschaft ein idealer Nährboden für die Anwendung von Strategemen ist wegen der zahlreichen Informations-Asymmetrien und der zunehmenden Unordnung des wirtschaftlichen Geschehens durch digitale Innovationen. Bei den Apologeten einer Theorie des rationalen Verhaltens gibt es keinen Platz für listenreiches Handeln.

Was könnte von den 36 Strategemen im Wettbewerb mit den kalifornischen Technologie-Konzernen zur Anwendung kommen? Beispielsweise das Strategem Nr. 7: Aus einem Nichts etwas erzeugen.

„Das Nichts ist kein Vakuum, sondern zum Beispiel eine Mücke, aus der man einen Elefanten macht oder eine verrückte Idee, die sich als Goldgrube erweist“, erläutert Senger.

Es gehe dabei vor allem um einen Kreativitäts-Wettstreit. Man überflügelt die Konkurrenz dank kühner, in Leerräume der Forschung und Entwicklung vorstoßender Ideen und mit phantasievoll-schöpferischem Vorausdenken anstelle eines Nachdenkens, das sich nur vom Alltagstrott treiben lässt.

„Weltübergreifende geistige Offenheit und vernetzendes Denken sind gefragt“, fordert Senger.

Mit Harro von Senger werde ich wohl wieder mal ein Interview machen müssen. Was fällt Euch denn an Strategemen ein, die man im Wettbewerb mit Google, Facebook, Apple und Co. zur Anwendung bringen könnte? Wir können das gerne auch in Live-Hangouts diskutieren. Meldet Euch einfach bei mir. Entweder via E-Mail: gunnareriksohn@gmail.com oder über die Kommentarfunktion des Blogs.

Ob Klagen ausreichen als Vademecum gegen die „Silicon Valley-Weltherrschaft“? Wohl eher nicht.

Die Digitalisierung selbst ist nicht das Problem.

Wir Abgehängten – Plädoyer für eine Managementwende.

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5 Gedanken zu “Kann man die Silicon Valley-Giganten mit ihren eigenen Waffen schlagen? Über Parasiten, Kopisten, Strategeme und nützliche Idioten

  1. Ja, der Denkrichtung und Aufforderung am Ende kann ich mir nur anschließen und will sie gelingen sehen. Allein: „Man überflügelt die Konkurrenz dank kühner, in Leerräume der Forschung und Entwicklung vorstoßender Ideen und mit phantasievoll-schöpferischem Vorausdenken“ – das zu erreichen heißt doch aber fast zwangsläufig, ein „to out-Google Google“ anzustreben. Selbst in meinen optimistischsten Phasen sehe ich keinen Akteur in Europa, der so etwas hinbekommen kann. Allein der iterative Ansatz von Amazon, Google, Facebook, Tesla (fail fast), den zu wagen nur der erste Schritt von vielen wäre, widerspricht allen Grundsätzen von 150 Jahren deutscher Industriepolitik. Ich war bis vor 1-2 Jahren auch der Meinung, in Europa müsse man sich nur entschließen, die von Harro Senger angesprochene geistige Offenheit und das vernetzte Denken zu praktizieren statt darüber zu diskutieren, aber mittlerweile zweifele ich, dass es für irgendjemanden hier lohnt, genau das zu tun.

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  2. Wenn die Zerstörung vieler bekannter Monopolisten zum Aufbau ein paar weniger noch größerer Monopolisten führt, dann ist das sicher nicht im Sinne der vielen kleinen Erfinder.

    Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit einem genialen Entwickler zu sprechen. Fast schon entschuldigend führte er am Ende des Gesprächs an, dass sein Produkt mit einer optionalen Komponente auch in „Internet der Dinge“ kommunizeren könne.

    Fast scheint es mir, als ob wir im digitalen Zeitalter die Innovationen alle in der gleichen Ecke erwarten, so wie Goldgräber, die in der Nähe von anderen erfolgreichen Goldgräbern eine Mine aufbauen.

    Was ist, wenn große Innovationen bereits in einem ganz andern Bereich entstehen und wir sie nicht mitbekommen, weil sie nichts mit Kommunikationstechnologie zu tun haben und niemand darüber berichtet?

    Genau, da hilft nur Eines:
    Die geistige Offenheit
    bzw. die Überwindung der geistigen Trägheit

    Andererseits lassen sich kleine Fortschritte mit der richtigen Kommunikationsunterstützung auch als Riesig verkaufen, während große Ideen unbeachtet bleiben, weil sie in der Informationsflut untergehen.

    So bekommt jede Gesellschaft die Innovationen, die sie für nötig hält.
    Ob diese immer die gesellschaftlich besten Lösungen sind, ist ein anderes Thema.

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  3. Sehr nützliche Ergänzungen zum Thema. Vieles wird in Kalifornien einfach besser aufgeblasen und inszeniert im Vergleich zum drögen deutschen Ingenieur, der auf der Bühne wie ein holpriger Professor daherkommt. Es gibt viele Möglichkeiten, wieder auf die Beine zu kommen – das Beispiel „Made in Germany“ ist dafür ein fundierter Beleg. Wir sollten aufhören, in Schönheit zu sterben und listenblind ins Messer zu laufen. Insofern bin ich auf den nächsten Netzökonomie-Campus gespannt. Wenn Ihr wollt, machen wir zu diesem Themenkomplex in den nächsten Wochen Live-Hangouts. Kann auch in den Abendstunden laufen, wenn man sein Tagesgeschäft absolviert hat. Kontaktiert mich einfach via E-Mail. Adresse im Blogpost 🙂

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  4. Nach der Internet Revolution wird die naechste grosse Social Revolution kommen – 3DPrinting im Verbund mit Robotik und AI – das wird unsere Welt umkrempeln – und da haette die deutsche Wirtschaft und Industrie mit ihren vielen mittelstaendischen innovativen Unternehmen eigentlich gute Karten . Von meinen fuenf Enkeln – sieben bis zehn – nehmen bereits zwei in Málaga jeweils einmal in der Woche an einem Robotica Seminar teil ( veranstaltet von der Kaufhaus Kette El Corte Ingles – gemeinsam mit LEGO und einem lokalen Unternehmen ) – und die drei anderen werden demnaechst folgen .

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  5. Aus den Hidden Champions müssen öffentlich bekannte Champions werden. Klappern gehört zum Geschäft. Das müssen auch deutsche Ingenieure lernen.

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