Netzwerk statt Silo: Inhalte dort anbieten, wo Nutzer aktiv sind


Käsekuchen-Diskurs über Eco- und Ego-Strategien im Netz
Käsekuchen-Diskurs über Eco- und Ego-Strategien im Netz

Meine Website, meine Kontrolle über Content, meine Online-Marketing-Strategie, mein Link, meine Wagenburg – mit dieser egozentrischen Sichtweise kann man im Social Web schon lange nicht mehr punkten. Dennoch sprechen Berater, Verleger und Marketingmanager inflationär von Zielgruppen, Segmentierungen und KANÄLEN. Man läuft einer dümmlichen Schimäre der Übersichtlichkeit hinterher, die man angeblich über das Management von „Kanälen“ steuern kann. Diese Klarheit ist im Netz verschwunden. Und das wusste schon der von mir vielfach zitierte Zettelkasten-Soziologe Niklas Luhmann, obwohl er nie mit der digitalen Sphäre in Berührung kam – seine Werke erarbeitete er mit einem Karteikarten-Kombinatorik-System. Es gebe keine klar identifizierbaren Sender und Empfänger mehr, betont Luhmann:

“Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.”

Oder in den Worten des Luhmann-Schülers Dirk Baecker:

„Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden.“

Daran ändern auch die Manipulatoren und Clickbaiter des Netzes nichts, die mit durchsichtigen Tricks die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. User durchschauen recht schnell, wenn man versucht, ihr Handeln in bestimmte Bahnen zu lenken – auch wenn Volkspädagogen ständig das Gegenteil herunterleiern. Es gibt wohl ein elementares menschliches Bedürfnis, mit Gründen überzeugt, statt mit Reizen gesteuert zu werden. Den Faktor Unberechenbarkeit können auch die LEAD-SEO-ONE-TO-ONE-PROPAGANDA-ALCHEMISTEN nicht vom Tisch räumen.

Für die Silo-Strategen ist das eine bittere Erkenntnis. Denn es reicht schon lange nicht mehr aus, Lockmittel im Netz zu verbreiten, um Nutzer auf die eigene Website zu bringen. Buzzfeed-Chef Jonah Peretti hat das kapiert und geht mit seinen Inhalten dort hin, wo sie auch rezipiert werden.

Peretti schaut nicht mehr aufs einzelne Werk, er betrachtet ausschließlich das Netzwerk.

„Und deshalb zählt für ihn auch nicht mehr nur der monetäre Umsatz, den man durch die Vermarktung oder den Verkauf von Werken machen kann. Er will Netzwerk-Effekte erkennen, diagnostizieren und vorhersagen (na sagen wir mal lieber ‚erahnen‘, gs). In diesem mit dem Begriff ‚Daten‘ unzulänglich beschriebenen Bereich liegt das Geschäftsmodell von Buzzfeed“, schreibt Dirk von Gehlen.

Inhalte werden verschenkt, um im Gegenzug Daten zu sammeln.

Buz­zfeed wird also ver­stärkt Inhalte direkt auf den Platt­for­men ein­stel­len, anstatt Links zu pos­ten.

„Das Unter­neh­men habe sogar ein eige­nes Team namens ‚BFF‘ gegrün­det, das nur damit expe­ri­men­tiere, wie man Inhalte dort ver­brei­ten könne, wo die Nut­zer aktiv sind – sei es Ins­ta­gram, Pin­te­rest, Face­book oder Twit­ter –, ohne die Erwar­tung, dass die Nut­zer dar­über auf die Buzzfeed-Website gelang­ten“, so Online Marketing Rockstars.

Wo die Inhalte angezeigt werden, entscheidet das Rezipienten-Verhalten. Da empfiehlt sich keine Einweg-Politik. Auch der Verzicht auf eigene Websites wäre kurzsichtig. Es wird auch irgendwann eine Post-Facebook-Ära geben. Zudem dürfen die Risiken nicht verschwiegen werden, etwa die AGB-Restriktionen der Silicon Valley-Puritaristen. Gebot der Stunde: Plattform-Neutralität.

Die radikale Gegenposition vertritt FAZ-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron in seinem Beitrag „Facebook will das Internet für sich allein“. Wer will das nicht 😉 Es wird wohl niemand so blöd sein, Informationen nur noch über das Zuckerberg-Imperium zu platzieren.

Beim Käsekuchen-Diskurs des Netzökonomie-Campus haben wir das in aller Ausführlichkeit behandelt – übrigens wird da in alter Werner-Höfer-Frühschoppen-Tradition auch geraucht.

Weitere Meinungen würde ich gerne in Interviews via Hangout on Air einfangen. Meldet Euch hier über die Kommentarfunktion oder direkt via E-Mail unter gunnareriksohn@gmail.com

Sympathisch unaufgeregt hat Christoph Kappes die Facebook-Absichten in einem Interview mit dem Deutschlandradio kommentiert.

Interessant auch der Beitrag von Roman Rackwitz als Nachlese zur Käsekuchen-Runde in Köln, bei der er live aus München zugeschaltet wurde: Return on Attention vs Return on Investment.

Diese Sache macht Sinn 🙂 Initiative erprobt das katzenlose Netz – bin eh ein Hundefreund.

Man hört, sieht und streamt sich im Netz.

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3 Gedanken zu “Netzwerk statt Silo: Inhalte dort anbieten, wo Nutzer aktiv sind

  1. Es läuft auf Virilios Universalmonitor hinaus und den hält weder Ochs noch Esel auf aber ohne die strukturelle Kopplung Von Niklas Luhmann und ohne das Weh Ach und Disziplinierungs – Geschrei von den Aufklärungskritikern von Adorno bis Foucauld, sondern genthleman start your engine… lets welcome die Paradoxie der Aufklarüng und die Abenteuer der Kommunikation in den Echtzeitmassenmedien der Hochmoderne. Legitimation und Erfolg gibts nur noch für àventure mit fortune und der Weg führt über Venture Capital und parasoziales Vertrauen dass direkt per pay eingelöst wird und zur Not auch durch – passend zu den kommenden Ostertagen durch ein search und funding with a litlle help from my friends aus der Crowd.

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