Familiäre Erinnerungskultur: Auschwitz und die Euthanasie-Verbrechen der Nazis


Frieda und Wilhelm Sohn, Foto aus den 20er Jahren.
Frieda und Wilhelm Sohn, Foto aus den 20er Jahren.

58 Prozent der Deutschen, das ergab eine aktuelle Bertelsmann-Studie, möchten inzwischen einen Schlussstrich unter die Nazivergangenheit ziehen. Aber wie soll das gehen? Kann man als Träger eines deutschen Passes stolz sein auf Goethe, Beethoven, Mercedes und Fußball – aber vor dem die Augen verschließen, wozu dieses Land in Auschwitz fähig war? Bundespräsident Joachim Gauck hat es richtig gesagt:

„Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“

Die Erinnerungskultur muss an die nächste Generation weiter gegeben werden. Dazu zählt auch die eigene Familiengeschichte:

Meine Großeltern Frieda und Wilhelm Sohn zogen 1932 nach Kuschkow/Spreewald und kauften dort eine Gast- und Landwirtschaft. Hier begann 1935 die Schulzeit meines Vaters. Da mein Opa Jude war, zwang man die Familie Sohn durch Boykottaktionen zum Verkauf des Geschäftes. 1936 zogen die Sohns nach Österreich und eröffneten auf dem Danielsberg in Kärnten eine Hotelpension – den Herkuleshof.

Herkuleshof

Anfang des Jahres 1939 – also kurz nach dem “Anschluss” Österreichs – wurde das Hotel meiner Familie auf dem Wege der sogenannten Arisierung weggenommen und eine Kärntnerin als Eigentümerin eingesetzt. Mein Opa kam in das KZ Dachau – später dann in die „Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn“ bei Koblenz. Der Krankenmord an jüdischen Patienten war Teil der von Hitler befohlenen „Aktion T4“, einer Mordaktion, der von Januar 1940 bis August 1941 70.000 Insassen aus Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer fielen. Sie wurde als geheime Reichssache von einer Bürozentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin (daher die Bezeichnung „T4“) aus organisiert. Die „T4“-Zentrale selektierte anhand von „Meldebogen“ vor allem die nicht arbeitsfähigen Patienten und schickte sie mit Sammeltransporten über „Zwischenanstalten“ in sechs der ihr unterstehende Tötungsanstalten. Hier wurden die Menschen meist am Tag ihrer Ankunft in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet und ihre Leichen sofort in Verbrennungsöfen eingeäschert.

Noch während die „T4“-Sonderaktion lief, ordnete das Reichsinnenministerium mit einem „Runderlaß“ am 12. Dezember 1940 an, dass jüdische Patienten künftig nicht mehr in die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten aufzunehmen seien, sondern nur noch in die „Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn“. Begründet wurde die Anordnung wie beim „Erlaß“ vom 30. August 1940, dass „Juden mit Deutschen“ nicht mehr gemeinsam untergebracht sein sollten. Der „Erlaß“ vom Dezember konnte jedoch aus organisatorischen Gründen nicht im geforderten Umfang umgesetzt werden. Obwohl die Bettenzahl in Bendorf-Sayn Anfang 1940 durch Aufstellung von Baracken von 190 auf 474 erhöht worden war, blieb die Anstalt überfüllt. Allein zwischen Januar und November 1941 waren 251 Neuaufnahmen zu verzeichnen. Die Deportationen der jüdischen Bürger nach dem Osten ab Frühjahr 1942 bedeuteten das Ende von Bendorf-Sayn. Die Anstalt wurde schrittweise geräumt. Waggons mit den Patienten wurden an die Züge gekoppelt, mit denen die Koblenzer Juden im März, April, Juni und Juli 1942 deportiert wurden. Mit dem 10. November 1942 hörte die jüdische Anstalt auf zu bestehen.

Amtlicher Rassismus
Amtlicher Rassismus

Mein Großvater starb unter ungeklärten Umständen kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz am 23. Mai 1942. In der Sterbekunde nannte man meinen Opa übrigens Wilhelm Alfons Israel Sohn – “ohne Beruf, israelitisch”. Das war die perfide Praxis der Nazis. Ein zusätzlicher Vorname, der die Stigmatisierung schon im Ausweis kenntlich machte. Israel für Männer und Sara für Frauen. Und selbst seinen erlernten Beruf als Land- und Gastwirt hat man in der Sterbeurkunde unterschlagen.

Mein Groß-Onkel konnte sich noch nach London absetzen und überlebte. Für meinen Opa reichte das Geld nicht mehr, um den Nazi-Schergen noch zu entkommen.

1939 wurden meine Oma und mein Vater aus der “Ostmark” in das “Altreich” ausgewiesen. Sie zogen nach Berlin. Mein Vater besuchte die 6. Volksschule in Berlin Mitte. Da er nach dem Rassegesetz ein Mischling I. Grades war (meine Oma war Protestantin), durfte er keine höhere Lehranstalt besuchen. Im November 1943 wurden Oma und Paps ausgebombt und zogen zu den Großeltern mütterlicherseits nach Eggersdorf. Hier wollte mein Vater eine Laufbahn als Maschinenbauer beginnen, durfte aber, da das Rassegesetz verbot, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, seine Lehrstelle in Müncheberg bei der Firma Paul Sellin nicht antreten.

Daraufhin wurde ihm eine Lehrstelle als Landwirtschaftslehrling beim Landwirt Kurt Ehlert in Grünberg/Neumark zugewiesen. Als im Januar 1945 dort die Russen einmarschierten, wurde mein Vater als Gefangener nach Landsberg gebracht, kam aber im Juli 1945 wieder zurück nach Berlin. Er arbeitete zunächst in einem Elektrowerk in Köpenick, bis er am 25. September 1945 einen Straßenbahn-Unfall erlitt. Die Folge davon war ein steifes Bein. Nach seiner Genesung und einem langen Aufenthalt in Schweden (daher meine Vornamen Gunnar Erik) bei Onkel Pelle (so nannte ich den Sohn der Gastfamilie) wurde mein Vater ab dem 22. April 1947 Fahrscheinausgeber bei der BVG. Hier gelang ihm später unter sehr großen Anstrengungen eine Karriere in der Verwaltung als Dienstzuteiler – bis zu seiner Pensionierung, die er nur ein knappes Jahr genießen konnte. Er starb nach einem Unfall im August 1990.

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

3 Kommentare zu „Familiäre Erinnerungskultur: Auschwitz und die Euthanasie-Verbrechen der Nazis“

  1. servus Gunnar, danke für deine Geschichte, sie zeigt einmal mehr wie wir alle ein Teil unserer Geschichte sind. Viele hätten gern nur den guten Teil der Geschichte aber Rassismus, Nationalismus und Extremismus stehen jeden Tag vor unserer Tür. Ich habe immer noch die Idee einen Stolperstein vor dem Herkuleshof anzubringen, in Erinnerung an deinen Opa damit wir ihm seinen richtigen Namen und seinen Beruf wieder zurück geben können. Tun wir es gemeinsam? Lg deiner FAMILIE

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  2. Das mit dem Erinnerungsstein sollten wir umsetzen, Hannes. Zudem schreibe ich an der Familienchronik. Es fehlen noch ein paar Infos, um die Zeit der Internierung im KZ Dachau und die Verlegung nach Koblenz sowie die Umstände des Todes zu klären. Es gibt wohl eine Akte im Koblenzer Staatsarchiv – aber da muss ich erst noch vorstellig werden.

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