Alltagsrassismus in der bürgerlichen Mitte


 Jägerzaun

Mach eine einwöchige Schiffsreise mit 35 deutschen Touristen und Du erfährst eine Menge über die Komfortzone des Alltagsrassisten, über die Lebenswelt der stockbürgerlichen Biedermänner und Biederfrauen, die in Großstädten auf die Straße gehen und gegen die Islamisierung Deutschlands protestieren. Unsere persönlichen Erlebnisse sind sicherlich nicht repräsentativ. Die Sommererlebnisse an Bord eines inselhüpfenden Dampfers mit Übernachtungsmöglichkeit brachten aber wie in einem Brennglas Einsichten in die Lebenswelt des moralisch überlegenen Alltagsrassisten, der ohne mit der Wimper zu zucken von Kanaken und Negern redet, die sein deutsches Leben belasten.

Alles, was das Weltbild in Unruhe versetzen kann, wird als Naivität oder moralistisches Geschwätz abgetan. Und es muss doch noch erlaubt sein, vom Neger oder Kanaken zu sprechen. Schließlich arbeitet der Alltagsrassist hart für Staat, Volk und Familie und hält den Wohlstand zusammen. Für den Alltagsrassisten ist das Leben recht simpel.

Am laufenden Band erzählt er Horrorgeschichten

Er entscheidet, wer zu den guten oder schlechten Ausländern zählt. Da gibt es den guten Griechen, den guten Italiener oder den guten Jugo. Alle drei sind prächtige Exemplare im Wahrnehmungskosmos des Alltagsrassisten, mit denen keine Probleme bestehen. Schließlich zählen sie zu den bevorzugten Anlaufstellen, um sich mit scharfen Zwiebeln, Grill-Spezialitäten, gigantischen Pizzen oder Gyros-Komplett-Menüs den rassistischen Wohlstandsbauch anzufuttern. Regelmäßige Pauschalurlaube in der Türkei sind der Beleg für die polyglotte Lebenskunst des Alltagsrassisten.

Die meisten Bediensteten können Deutsch und sind ja nicht zu vergleichen mit den arbeitsfaulen, unberechenbaren, kriminellen und islamistisch-radikalen Kanaken im eigenen Wohnbezirk. Die schleppen doch nur die vom Staat gewährten Leistungen so schnell wie möglich in ihr Heimatland, um den Alltagsrassisten den wohlverdienten Ruhestand zu versauern. Es müsse in Deutschland endlich mal für Recht und Ordnung gesorgt werden, um diesem Gesindel zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wer nicht spurt, wird ausgewiesen, da ihm der Alltagsrassist nicht die Gnade gewährt, zu den guten Ausländern gezählt zu werden.

Am laufenden Band erzählt er Horrorgeschichten von bösen Ausländern, die die Bekannte eines Schwagers erlebt hat oder der Freund eines Arbeitskollegen. Alles ganz schrecklich, alles geduldet von einem Staat, der nicht mehr durchgreift, „wie früher“. Da der Alltagsrassist seine Kontakte auf die guten Ausländer und die Konversation auf das Ablesen der Speisekarte des guten Ausländers beschränkt, reduzieren sich die schrecklichen Geschichten auf Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung und die vielen Erzählungen von Bekannten, Verwandten und Freunden, die zur Entourage des Alltagsrassisten zählen.

„Aber“

Hier findet er die nicht endende Bestätigung seiner politischen Grundhaltung, die Deutschland vor dem Untergang rettet, wenn endlich die von Brüssel gesteuerte politische Klasse abgesägt wird und ordentliches Personal in die Parlamente kommt. Nur so lässt sich das Leben des Alltagsrassisten wieder ins Lot bringen. Info-Agenten im Auftrag der guten Sache. Schließlich darf sich Deutschland nicht abschaffen.

Fragen nach persönlichen Erlebnissen über den bösen Ausländer in den vielen Lebensjahrzehnten des Alltagsrassisten beantwortet der Befragte erst mit Schweigen. Nach dreimaligen Luftholen gelingt ihm dann doch noch eine faktenreiche Replik: Er habe schlichtweg Glück gehabt. Auch die Zahl der bösen Ausländer in der eigenen Wohngegend beschränkt sich auf die Finger seiner rechten Hand. „Aber“ seine vielen Verwandten, Bekannten und Freunde seien ja der lebende Beweis für die Untaten des bösen Ausländers. Wie diese Erzählungen von meiner serbischen Frau aufgenommen werden, deren Eltern als „Gastarbeiter“ am deutschen Wirtschaftswunder mitwirkten, kommt dem Alltagsrassisten nicht in den Sinn.

„Du bist doch in Deutschland geboren worden und wirkst gar nicht wie eine Ausländerin.“

Im Gedankenkosmos des Alltagsrassisten wird sie zu den guten Ausländern gezählt. Welche Gnade. Was könnte man dem national gesinnten Alltagsrassisten in sein deutsches Stammbuch schreiben?

Nationalismus lehrt Dich, stolz auf Dinge zu sein, die Du nicht vollbracht hast und Menschen zu hassen, die Du nicht kennst. Dem Alltagsrassisten wird das egal sein. Er hat ja seine Verwandten, Bekannten und Freunde, die sein Vorurteilsbiotop immer aufs Neue speisen und sich nun auch noch kollektiv in deutschen Großstädten auf die Straße wagt.

Siehe auch:

Pegida-Faktencheck: Die Angstbürger

Protestmärsche: Pegida-Anführer sind Polizei als kriminell bekannt

„PEGIDA“-Kundgebungen bedienen diffuse Ängste und spielen mit Emotionen. Fakten spielen oft kaum eine Rolle.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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12 Antworten zu Alltagsrassismus in der bürgerlichen Mitte

  1. heinersieger schreibt:

    Mich wundert es nicht, was sich da zur Zeit zusammenbraut. Das liegt aber vor allem an unserern arroganten und abgehobenen Poltikern aller Coleur, die viel zu weit weg sind vom Bürger und nur wenig und daher schlecht auf dessen Ängste und Sorgen eingehen, die um ihren Wohlstand und Einschnitte in der Komfortzone fürchten. Irgendwann, ich fürchte leider sehr bald, läuft das Fass über – obwohl eine wirkliche Bedrohung derzeit noch eher selten wirklich stattfindet.

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  2. gsohn schreibt:

    Das sehe ich etwas anders. Da wird etwas instrumentalisiert, was sich in der Realität als Fata Morgana herausstellt. Welche Ängste und Sorgen sind es denn, die den Handwerker, den Banker, die Verwaltungsangestellten und Selbständigen umtreiben? Also konkret – nicht abstrakt.

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  3. heinersieger schreibt:

    Die Angst vor Überfremdung – erlebbar in meiner eigenen Familie. Mein Vater, Jahrgang 1930, fürchtet bereits seit rund 15 Jahren, dass der Kölner Dom bald zur Moschee wird. Meine Kinder, Mario Jahrgang 89, Stella 92 und Luisa 95, die täglich mit S- und U-Bahn durch München fahren, fühlen sich regelmäßig bedrängt durch aggressives Verhalten andersstämmiger Mitfahrer. Also da ist die Angst um Verdrängung der eigenen Religion, der körperlichen Unversehrtheit. Bei mir selber ist es zusätzlich die Sorge um Eigentum, wenn herumstreifende Rumänen bis in meinen Garten vordringen – am hellen Tag und vorgeben, Arbeit zu suchen, während Tage zuvor in der Nachbarschaft ein Haus ausgeraubt wurde. Der Bürgermeister hat mir bestätigt, dass Bürger meiner Gemeinde überlegen, sich zu einer Bürgerwehr nach US-Vorbild zusammenzu tun. Die Polizeistation in unserem Ort wurde vor anderthalb Jahren geschlossen. Und ich lebe nicht in Sachsen sondern in Oberbayern. Und ich möchte hier nicht wiedergeben, was meine Eishockeyfreunde in Miesbach in der Kabine zu diesem Thema zum Besten geben – insbesondere nicht die Vorschläge, wie mit den „Negern“ umzugehen sei.

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  4. gsohn schreibt:

    Bist Du denn überfallen worden, wurdet Ihr ausgeraubt, ist jemand eingebrochen? Wie Du weißt, bin ich nicht in Oberbayern aufgewachsen, sondern in Berlin-Neukölln. Kann da nichts Negatives berichten. Und meine Religion kann nicht verdrängt werden, da ich Atheist bin.

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  5. gsohn schreibt:

    Meine Nachbarin, die schon die 80 überschritten hat, wurde vor ein paar Wochen an der Haustür von einem Mann bedrängt, der ihr Bargeld aus der Tasche ziehen wollte. Nach meiner Intervention hat er mich wüst beschimpft und einige Drohungen ausgesprochen. War aber ein Deutscher…..

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  6. heinersieger schreibt:

    Na ja, der Typ hat die Gartentür geöffnet, hat unberechtigt das Grundstück betreten, ist um das Haus herum in den Garten gelaufen – ein Fall von Hausfriedensbruch. Zufällig war ich dort mit Gartenarbeiten beschäftigt, was man aber von der Straße nicht sehen konnte. Aber deswegen sage ich ja nicht, alle Rumänen sind Einbrecher. Und als Du in Neukölln aufgewachsen bist, stand da in der Nähe noch eine Mauer mit Stacheldraht…die wünschen sich nicht wenige Zeitgenossen wieder zurück. Und das ist gefährlich.

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  7. gsohn schreibt:

    Ich bin auch heute noch häufig in Neukölln in der Hermannstraße, denn da wohnt meine Mutti. Und mit der Mauer hat dat nun gar nichts zu tun. Hatte viele türkische Freunde in meiner Schulzeit und auch in meinem Fußballer-Leben bei VFB Neukölln. Dann war ich auch noch Jugendtrainer in Bonn mit einer Multi-Kulti-Truppe. Entscheidend ist der direkte Kontakt, denn da zählt der Mensch und nicht Nationalität oder Herkunft. Erzählungen aus dritter Hand helfen da nicht weiter.

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  8. heinersieger schreibt:

    Damit hast Du völlig recht! Was man nicht selbst erlebt, kann man nur als Vorurteil weitergeben. Da aber weit mehr Vorurteile als persönliches Erleben im Vordergrund dieser Entwicklung stehen, ist auch klar, wo der Hebel liegt. Begegnung ist alles.

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  9. Brasch & Buch schreibt:

    Schön geschrieben. Doch leider müssen wir uns eingestehen, dass so was nur zum Luft ablasen taugt. Denn jegliches argumentative oder auch polemische anschreiben dagegen ist letztlich Donquichotterie. Solche Menschen sind nicht zu erreichen und zu verändern. Überhaupt sind Menschen ja kaum geneigt, sich Meinungen zu bilden, weil sie ja schon immer eine haben. Mich erwischte es vor kurzem mit einer Rezension zu dem Buch „Adressat unbekannt“ auf amazon: http://www.amazon.de/review/R1B505F7MF6LU6/ref=cm_cr_rdp_perm

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  10. gsohn schreibt:

    Es mag ja so sein, dass sich nicht viel ändert. Aus meiner Familiengeschichte habe ich allerdings gelernt, dass Schweigen noch viel weniger wirksam ist.

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  11. Werner schreibt:

    Ein etwas abweichender Beitrag zum Thema – nach meiner Meinung aber durchaus interessant zu lesen
    http://eussner.blogspot.fr/2014/12/das-zdf-und-die-angebliche-islamisierung.html#more

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  12. Pingback: Bürgerwehr gegen die Schnee-Migration vonnöten! #schneegida | Ich sag mal

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