Management: Intelligente Störenfriede gesucht


Absperrung

Manager sollten lieber ihren Kunden hinterher laufen, statt ihrem Plan, so der unkonventionelle Rat der Beraterin Anne M. Schüller. Ähnlich sieht das der Organisationswissenschaftler Gerhard Wohland. Die gängige Managementlehre führt nach seiner Ansicht in viele Denkfallen. Sie geht von Voraussetzungen aus, die längst nicht mehr gelten. Über Generationen fuhr man gut damit, Managementprobleme mit den Methoden des industriekapitalistischen Taylorismus zu bearbeiten.

“Fast die gesamte Betriebswirtschaftslehre ruht auf diesem Fundament“, so Wohland, Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung.

Diese Methodik machte Sinn, als die Märkte noch überschaubar und träge waren.

„Unter den Bedingungen enger und dynamischer Märkte ist sie das Problem, für dessen Lösung sie gehalten wird. Die Zukunft ist so unsicher geworden, dass ihre Vorwegnahme für Zwecke der Unternehmenssteuerung nicht mehr gelingt. So laufen Planung, Budgetierung und Anreizsysteme – die das Rückgrat des Taylorismus bilden ins Leere. Derart ihrer Orientierung beraubt, erzeugt die Steuerung statt Wertschöpfung mehr und mehr ökonomischen Unsinn“, erklärt Wohland.

Planung helfe bei Überraschungen nicht weiter. Hier würden sich Unternehmen schwertun, die klassisch organisiert seien. Das seien keine Höchstleister.

„Höchstleister gehen mit Problemen anders um. Sie planen nicht im Kontext hoher Dynamik. Denn da nutzt Planung überhaupt nichts. Mit Plänen werde ich berechenbar und kann leichter von der Konkurrenz angegriffen werden. Höchstleister sind hingegen die Quelle der Dynamik. Sie sorgen für Überraschungen, unter denen die anderen leiden. Deshalb ist es so wichtig zu wissen, wie diese Höchstleister funktionieren“, empfiehlt Wohland.

Viele Unternehmen in Deutschland seien keine Höchstleister. Sie würden aus dem bestehen, was sich in der Vergangenheit als funktionstüchtig erwiesen hat.

„Sie haben ihr eigenes Gedächtnis und halten sich damit mehr schlecht als recht über Wasser. Und es ist schon erstaunlich, was für ein Unsinn dabei herauskommt. Wenn man versucht, seine eigene Organisation durch Intelligenz zu verändern, kommt selten etwas Vernünftiges heraus. Die Beharrungskräfte sind einfach zu stark“, weiß Wohland.

Kreativität bleibe dabei auf der Strecke, meint Innovationsberater Jürgen Stäudtner:

„Wir haben einen Projektplan, ein klares Enddatum und kontrollieren regelmäßig, ob noch alles nach diesem Plan läuft. Dabei ist ein Projektplan und ein festgelegtes Ende überhaupt nicht relevant für den Erfolg eines Produktes. Dafür sind ganz andere Faktoren wesentlich entscheidender.”

​Ein Werkzeug gegen verkrustete Planwirtschaft in Unternehmen sei das so genannte Labor, so Wohland. Ein Problem werde präzise und transparent vom Vorstand kommuniziert und sollte die Talente im Unternehmen provozieren, das Problem zu lösen.

„Die Wände des Labors sind gläsern. Jeder darf es besuchen und sich auf Augenhöhe mit den dort arbeitenden Talenten austauschen. Wenn das Labor erfolgreich ist, dann beginnt die Organisation mit dem Aufsaugen. Ein Change-Manager ist dabei nicht vonnöten. Das Ganze breitet sich von alleine aus und wirkt ansteckend. Es wächst die Bereitschaft, sich von dem alten Kram und den alten Zöpfen zu verabschieden. Wenn das eintritt, habe ich die Organisation überlistet“, sagt Wohland.

Die verkrusteten Strukturen könnten sich gegen das eigene Unternehmen wenden, so dass einem die eigene Macht im Weg steht.

“Und genau das muss geändert werden. Nur die Macht zu reduzieren oder Hierarchien abzuflachen, ist Romantik. Das sind irrationale Vorstellungen über das, was eine Organisation kann. Um Höchstleister zu werden, braucht man sogar Controller, die denken können. Sie sind ja nicht doof. Man braucht sie als Bündnispartner, um mit dynamischen Märkten fertig zu werden”, empfiehlt Wohland.

​Das findet man aber nicht in den Lehrbüchern der BWL und schon gar nicht an den Business Schools, bestätigt Management-Experte Alexander Ross:

„Die Business-Schools sind überteuert, der Unterricht weltfremd, die Forschung schmalspurig und die MBA-Absolventen versagen in Serie.”

Ein MBA verwalte, würde aber nichts unternehmen. So weisen die Business-School-Experten Stuart Crainer und Des Dearlove darauf hin, dass MBA-Absolventen bei erfolgreichen Unternehmensgründungen auffallend unterrepräsentiert sind. Wenn sie selbstständig seien, dann meist mit einem Beratungsunternehmen.

Was an den meisten Manager-Kaderschmieden abgespult werde, sei reine Stoff-Bulimie, kritisiert Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule in Karlsruhe:

„Reinschaufeln, auskotzen, vergessen. So funktioniert die Wirtschaftswissenschaft bislang wie ein Jahrmarktsverkäufer. Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, beklagt sich Zerr.

Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings.

„In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metapher verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu machen. Das ist das Programm unserer Universität“, sagt Zerr.

Manager müssten heute intelligent stören.

Gute Frage: Warum schalten die Datenkraken genauso uneffektiv Werbung wie alle anderen auch? Die haben wohl auch keinen Plan.

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

3 Kommentare zu „Management: Intelligente Störenfriede gesucht“

  1. Nur, das intelligente Störer heute aus dem System eher ausgeschlossen werden, als dass sie Freiraum zur Entfaltung erhalten…. Noch steckt der Kopf im Sand und noch ist der Sand nicht so knapp = die Krise noch nicht so sehr spürbar, dass die Köpfe freigelegt werden. Umdenken beginnt halt im (freien) Kopf…

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