Anwesenheit sagt nichts über Arbeitsqualität: Gute Entscheidung, Microsoft – Kommt doch zum #Streamcamp14


Slow Media Institut über Revierstress
Slow Media Institut über Revierstress

Ich finde es sehr beachtlich und löblich, dass sich ein großer Konzern wie Microsoft in Deutschland vom Anwesenheitswahn löst.

„Anwesenheit sagt nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern aus, sondern liefert häufig sogar ein falsches Bild“, sagt Microsoft-Personalchefin Elke Frank nach einem Bericht der FAZ. Viele Mitarbeiter hätten den Wunsch, von zu Hause, im Café oder unterwegs zu arbeiten. Entscheidend für Microsoft sei nur das Ergebnis.

„Gerade das konzentrierte Arbeiten an einem Projekt ist nach Ansicht der Personalchefin in offenen Büros nicht immer einfach“, schreibt die FAZ.

Wer in Ruhe arbeiten wolle, arbeitet von zu Hause. In der neuen Firmenzentrale in der bayerischen Landeshauptstadt würde es zwar noch Büro-Arbeitsplätze geben, aber nicht für jeden. Die Erfahrung habe gezeigt, dass ohnehin nie alle Mitarbeiter gleichzeitig kommen – so dass der Platz normalerweise reicht.

Revierstress im Büro

Warum die Gewerkschaften prompt vor der Gefahr einer Rund-um-die-Verfügbarkeit warnen, liegt wohl eher an einer etwas naiven Idealisierung der klassischen Büroarbeit, die von Überstunden, Stress im Berufsverkehr und vom Fluch der ständigen E-Mail-Erreichbarkeit geprägt ist. Die Wissenschaftlerin Sabria David vom Bonner Slow Media-Institut spricht sogar vom Revierstress und der Revierverteidigung. Das spiele sich vor allem in Unternehmen ab, die noch eine ausgeprägte Präsenzkultur von ihren Mitarbeitern verlangen.

Arbeitnehmer sind konditioniert, ihr Interaktionsfeld zu bewachen, die Kollegen im Auge zu behalten, die Nähe zu Vorgesetzten zu suchen und möglichst spät das Büro zu verlassen. Anwesenheit werde gleichgesetzt mit Engagement und Einsatzbereitschaft. Überträgt man eine solche Präsenzkultur in das digitale Zeitalter, steigt nach Erkenntnissen von David der Druck exponentiell.

„Während bisher selbst nach langen Überstunden irgendwann einmal das Revier bestellt war, hat sich das berufliche Revier nun mittels digitaler Möglichkeiten in ungeahntem Maße ausgedehnt: zeitlich auf 24 Stunden an sieben Tage der Woche. Diese Kombination aus Präsenzkultur und digitaler Verfügbarkeit ist eine für Arbeitnehmer höchst riskante und belastende Konstellation“, erläutert David.

Es fehlen im Büroalltag die natürlichen Rückzugsräume und Filter, um Beruf und Privatleben voneinander zu trennen. Sich entziehen zu können und verpassen zu lernen sind nach Ansicht von David die zentralen Lektionen, die es im Umgang mit digitalen Medien zu erlernen gilt.

Die Gewerkschaften sollten sich auch noch einmal die Umfragen des Berliner Dienstleisters Value5 etwas genauer anschauen. Hier werden von Mitarbeitern Gründe genannt, die für eine dezentrale und flexible Arbeit sprechen: Es sei die beste Form, um Familie und Arbeit in Balance zu halten:

„Genau so wollte ich immer arbeiten. Kein Stress und keine Krankheitsausfälle.“

Ein anderer Mitarbeiter gibt zu Protokoll, dass die Homeoffice-Tätigkeit nach einem schweren Verkehrsunfall die erste Möglichkeit war, über eine Initiativbewerbung wieder arbeiten zu können: „Und mir geht es sehr gut dabei.“ Weitere Stimmen: Zu Hause sei der beste Platz zum Arbeiten ohne Mobilitätsaufwand. Das Alter spiele bei der Bewerbung keine Rolle. Es sei die optimale Beschäftigungsform:

„So etwas wollte ich schon immer tun. Ich kann Familie und Arbeit in Einklang bringen.“

Arbeiten ohne Flurfunk und Mobbing

Flurfunk und Mobbing fallen weg, Konkurrenzdenken gegenüber Kolleginnen und Kollegen bleibt aus, Zeitdiebe wie Rushhour und ewige Parkplatzsuche bestimmen nicht mehr den Tagesablauf. Selbst bei einer Organisation mit festem Standort ergeben sich nach Erfahrungen von Value5-Geschäftsführer Thomas Dehler die Vorteile der Flexibilisierung, weil Mitarbeiter nicht jeden Tag ins Büro müssen – man kann zwischen privater und betrieblicher Arbeitsstätte wechseln. Gleiches gilt beim Angebot von freiberuflichen und festangestellten Mitarbeitern – auch hier werden die Teams in hybrider Form gebildet. Nachholbedarf gibt es allerdings in Fragen des Distanz-Managements. Das haben Führungskräfte und das Personal-Management bislang noch nicht gelernt.

Man kann das sehr schnell ändern. Beim Streamcamp in München wird am 18. und 19. Oktober in Kooperation mit dem Fraunhofer IAO dazu eine Session angeboten: „Führung auf Distanz will gelernt sein – Warum Unternehmen virtuelle Medienkompetenz benötigen.“ Es gibt noch Wochenend-Tickets.

Siehe auch:

Unendlich Urlaub? Unendlich Home-Office? Zwischen unendlicher Selbstoptimierung und Selbstausbeutung steht die Kultur des (Selbst-)Vertrauens.

Urlaub jederzeit, keine Arbeitsplatzbindung: schöne, neue Arbeitswelt.

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