Herkules, marode Streitkräfte und der Stall des Augias #Bundeswehr


Die Kindergarten-Truppe braucht neues Spielzeug

Die Kindergarten-Truppe braucht neues Spielzeug

„Wäre der Zustand der ‪#‎digitalen‬ ‪#‎Infrastruktur‬ doch genauso wichtig wie der der Bundeswehr“, schreibt der Gaming-Experte Christoph Deeg auf Facebook. Er meint natürlich die plötzliche Empörung über die desolate materielle Einsatzbereitschaft der Streitkräfte, die in einem Bericht für den Verteidigungsausschusses dokumentiert wurde. Angeblich liegt es ja an der Industrie, die nicht in der Lage ist, die Bundeswehr mit neuer Technik zu versorgen oder Ersatzteile zur Verfügung zu stellen. Vielleicht ist das Ganze auch hausgemacht. Wenn Christoph den Zustand der digitalen Infrastruktur anspricht, kann man als Beispiel das IT-Mammutvorhaben der Bundeswehr mit dem martialischen Namen „Herkules“ anführen. Es ähnelt eher dem Stall des Augias, der ausgemistet werden muss.

Ein Bericht des Bundesrechnungshofes, den die Wochenzeitung „Die Zeit“ unter Einsatz des Informationsfreiheitsgesetzes vor einiger Zeit ans Tageslicht brachte, lässt den Abgrund des technologischen Irrsinns von Bundesbehörden erahnen. Es ist ein Dokument des Scheiterns, wie die „Zeit“ süffisant berichtet:

„Die Rede ist von verfehlten strategischen Zielen, Verzögerungen und dem Verzicht auf vertraglich vereinbarte Leistungen. Zudem habe die Truppe womöglich gegen das Vergaberecht verstoßen.“

Das Budget sei nachträglich ohne Ausschreibung erhöht worden. Was Siemens und IBM bei dieser öffentlich-privaten Partnerschaft mit einem Budget von rund 7,1 Milliarden Euro glücklich macht, könnte Konkurrenten auf die Barrikaden treiben – etwa mit einer Klage vor der Vergabekammer. Diese juristische Instanz könnte das gesamte Vergabeverfahren wegen Formfehlern aufheben – eine nachträgliche Erhöhung des Budgets sieht die Vergabeverordnung nicht vor.

IT-Rohrkrepierer

Das Heldenepos ist aber wohl nicht nur juristisch angreifbar. In der Truppe häufen sich Beschwerden über ausgefallene Server, Netzwerkverbindungen, Drucker und Anwendungen.

„Die überwiegende Mehrheit der Herkules-Nutzer glaubt mittlerweile sogar, die Bundeswehr hätte ihre Computertechnik ebenso gut selbst erneuern und managen können“, so die „Zeit“.

Was vor sieben Jahren mit Vorschusslorbeeren startete, mutiert zu einem Rohrkrepierer – auch was die Abhängigkeit gegenüber den externen Anbietern anbelangt.

Nach Analysen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr verfüge das Militär nicht über umfassende Erfahrungen im Betrieb der stationären IT.

„Im Klartext: Die interne Expertise im Umgang mit den Computersystemen geht stark zurück. Stattdessen ist die Truppe nun dauerhaft auf zivile Unterstützung von außen angewiesen“, schreibt die „Zeit“.

Ein Fehler im System – nicht nur in der Bundeswehr. Statt IT-Spezialisten fest anzustellen und angemessen zu bezahlen, beauftragt man externe Berater mit satt dotierten Tagessätzen.

Berater moderieren Schuldfragen

Und die nisten sich in den Behörden wie Filzläuse ein – mit Tagessätzen von 1.000 Euro und mehr. Besonders wenn aufwendige Technologie-Vorhaben des Staates aus dem Ruder laufen und in den Behörden das interne Gemetzel über Schuldfragen einsetzt, steigt die Laune der Consultants. Nachdem sie die Grabenkämpfe eine Weile beobachtet haben und womöglich dem ein oder anderen pfiffigen Beamten einfällt, dass hochbezahlte Berater zur Problemlösung eingekauft wurden, ist das Allheilmittel schnell gefunden: Ein Projektbüro in der Behörde, das ist die Lösung! Um effizient handeln zu können, zieht mit dem Berater mindestens noch ein pickliger Junior-Consultant mit ein und gemeinsam erfreut man sich am behördlichen Dauerstreit, der die Honorar-Uhr glühen lässt. Im Grunde reduziert sich diese Form der Berater-Tätigkeit auf die Protokollierung des organisatorischen Elends – man nennt das auch Excel-Tabellen-Selbstbefriedigung. Was allerdings keine 1.000-Euro-Tagessätze rechtfertigt: Protokolle anfertigen ist selbst in Bundesbehörden originäre Aufgabe der Sekretariate.

Aus sichereren Quellen wurde mir das Ende eines solchen Elends glaubhaft versichert. Nachdem das Projektbüro mit den öligen Worthülsendrehern protokollierte, bis die Finger wund und die Kassen voll waren, empfahl man der Behörde, das Projekt einzustampfen. Für das Aufsetzen eines gänzlich neuen Projektes stünde man natürlich gerne zur Verfügung. So etwas nennt man dann wohl einen Berater-Kreislauf.

Berater schaffen weiteren Beratungsbedarf

Im Prinzip sorgen so die Schnösel im Dreiteiler selbst für weitere Beraterfälle. Und das ist auch in Zahlen belegbar.

„Zwei Drittel des gesamten Beratungsumsatzes stammen aus Folgeaufträgen“, schreibt der TV-Journalist Thomas Leif in seinem Opus „beraten & verkauft“.

Bei der so erfolgreichen Bundeswehr-Reform glänzte Roland Berger durch die „Unterstützungsmaßnahme Integriertes Reform-Management der Bundeswehr. Aus dem ‚Pfadfindervertrag‘ zum Start, wie die Branche den Mechanismus nennt, erwuchsen für Berger in den folgenden 19 Monaten neun weitere Verträge“, so Leif. In diesem Wust kann man schnell die Orientierung verlieren, ob überhaupt externe „Expertisen“ notwendig sind. Um das zu prüfen, beauftragen die Staatsdiener wahrscheinlich direkt einen Berater.

War eigentlich der griechische Nationalheld Herkules beim Ausmisten des Augias-Stalls erfolgreich? Das konnte in endlosen Sitzungen im Machtzentrum von König Augias nicht endgültig geklärt werden:

„Die Beratungen verschleppten sich so lange, bis Herkules schließlich den ihm gewährten Vorschuss aufgebraucht hat. Herkules, der zudem von Gläubigern bedrängt wird, sieht sich gezwungen, im Zirkus des Tantalos aufzutreten. Als den Helden in dieser aussichtslosen Lage die Botschaft des Königs von Arkadien erreicht, in der dieser gegen ein Honorar und Reisespesen um die Beseitigung der Stymphalischen Vögel bittet, beschließen Herkules und seine Geliebte Deianeira gemeinsam das Land unausgemistet zu verlassen“

Wenn das kein gutes Omen für die Bundeswehr ist.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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Eine Antwort zu Herkules, marode Streitkräfte und der Stall des Augias #Bundeswehr

  1. gsohn schreibt:

    Um den desolaten Zustand der Truppe zu prüfen, beauftragt die liebe Zensursula übrigens wieder Berater……

    Gefällt mir

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