Über Befehler, Im-Bild-Steher, Bürostuhl-Quietscher, Flüsterer, Echo-Redner und Bauchbinden-Taucher #StreamCamp14


Der Quatschmacher-Typ

Der Quatschmacher-Typ

In unserem Livestreaming-Buch beschäftige ich mich in einem Kapitel mit der Typologie des Powerpoint-Schwätzers: Da gibt es den „Überflieger“, der uns mindestens zehn Folien pro Minute um die Ohren haut, kurze Kommentare zu jeder Folie brabbelt und vor dem schnellen Weiterblättern noch darauf hinweist, dass die Zuhörer die Wortbrocken später im Detail nachlesen können. Häufig anzutreffen ist der „Im-Bild-Steher“.

„Wahre Könner verbinden beides zu einer erratisch anmutenden Choreografie. Der ‚Im-Bild-Steher‘ verdeckt gerne die Projektion, während er wieder und wieder auf die Folie schaut“, so der Publizist Alexander Ross.

Artverwandt mit diesem Typus ist der schüchterne Hosenscheißer. Er redet zur Folie oder zur Wand, vielleicht auch zu sich selbst – in jedem Fall ist es unmöglich, diesem inneren Monolog zu folgen. Zum Typus des „Befehlers“ gehören nicht nur Top-Führungskräfte, sondern viele, die sich aufgrund ihrer Position wenigstens einen Leibeigenen oder sonstigen Domestiken leisten können. Befehler beschränken sich bei Präsentationen auf das Reden, unterbrochen durch herrische Kommandos an den subalternen Helfer, endlich die nächste Folie an die Wand zu werfen. Für den strebsamen „Vorleser“ ist Ablesen unverzichtbar, da er mit Folien arbeitet, die überquellen und selbst mit Fernglas schwer zu entziffern sind. Typologien verortet Hannes Schleeh in einem anderen Buchkapitel auch bei einigen Hangout on Air-Akteuren – es gibt da bestimmt einige Schnittmengen mit den Powerpoint-Rhetoren. Etwa den Krachmacher:

Er ist ein besonders unangenehmer Teilnehmer in einem Hangout on Air. Unruhig und nervös herumzappelnd kann er eine Livesendung so richtig stören. Ständig hackt er etwas in seine großhubige Uralt-PC-Tastatur. Wenn er mal nicht mit der Tastatur klappert, räumt er lautstark irgendwelche Gegenstände auf seinem Schreibtisch hin und her, schlägt mit der Hand auf den Tisch oder seufzt gelangweilt. Eine Unterform des Krachmachers ist der Bürostuhl-Quietscher. Sein Dreh- und Schaukelstuhl hat noch nie einen Tropfen Öl gesehen und gibt bei jeder Bewegung jämmerliche Töne von sich. Den Bürostuhl-Quietscher stört das überhaupt nicht, im Gegenteil, er benutzt seine Lärmquelle wie ein Musikinstrument. Oft steht der Krachmacher auch mitten im Hangout on Air auf und begibt sich lautstark in die Küche oder noch schlimmer auf die Toilette. Der Mikrofonstörer unter den Krachmachern hat sein Mikrofon so nah am Hemd baumeln, dass es ständig am Kragen anschlägt. Ein anderer Typus des Mikrofonstörers hat seinen Headset-Mikrofonbügel so nah an seinem Bart, dass dieser beim Reden ständig an den Bartstoppeln auf und ab kratzt.

Der Darth Vader-Typ – oder besser gesagt der Dark Vader-Typ – liebt in Hangout die Dunkelheit, zumindest in seinem Gesicht. Er setzt sich immer verkehrt zum Licht. Hinter sich hat er eine gut ausgeleuchtete grellweiße Wand oder ein Fenster mit Tageslicht, am besten mit direkter Sonneneinstrahlung. Er selbst wird nur vom Leuchten seines Bildschirms erhellt, das sich am besten noch in seiner Brille spiegelt. Eine Spielart des Dark Vaders ist das Chamäleon oder der Typ in schwarz vor der schwarzen Wand. Nur seine rot glühenden Augen heben sich vom Tarnhintergrund ab. Chamäleon und Dark Vader scheuen das Tages- und Kunstlicht und sind auch meist sehr zurückhaltend, ganz im Gegensatz zum Krachmacher. Beim Dark Vader kann es zudem vorkommen, dass ein vernachlässigter Padawan-Schüler oder ein hungriges Haustier plötzlich aufaucht und die ganze Aufmerksamkeit des Dark Vaders und manchmal auch der Zuschauer auf sich zieht.

Der Echo Man: Man kennt ihn aus dem Radio. Das sind die Typen, denen der Radiomoderator erst einmal erklären muss, dass sie die Lautsprecher ihres Radios leiser machen müssen. Der Echo Man ist im Hangout schwer zu entdecken, denn immer wenn er spricht, gibt es kein Echo. Die anderen Teilnehmer im Hangout haben die Lautsprecher leise genug oder ein gutes Mikro- fon, welches keine Rückkopplungen produziert. Deshalb ist der Echo Man immer total entsetzt, wenn man ihm die Tonstörung anlastet. O􏰀 ist der Echo Man fast taub und dreht deshalb die Lautstärke seiner Lautsprecher auf Maximum. Headsets oder Kopfhörer hasst der Echo Man, damit kann man keine Rückkopplungen produzieren. Besonders schwierig für den Hangout on Air-Operator wird es, wenn mehr als ein Echo Man in einem Hangout ist. Dann wird die Suche nach dem Verursacher der Rückkopplung richtig schwer. Deshalb gehen die Echo Men gerne zusammen in denselben Hangout.

Der Nasenbär-Typ

Der Nasenbär-Typ

Der Flüsterer ist ein harmloser Zeitgenosse, das komplette Gegenteil vom Krachmacher. Dezent zurückhaltend und immer zu leise für die Zuschauer. Bei Hangout-Flüsterern sollten man immer den Mikrofonschieber im Regie-Tool ganz nach rechts aufziehen. Trotzdem wird es schwer, ihn oder sie zu verstehen. Manche Hangout-Flüsterer sind auch einfach zu weit weg von der Mikrofonkapsel. Sie halten sich das Mikrofon an den Bauch und nicht an den Mund. Eine Variante des Flüsterers trifft man auf Veranstaltungen. Trotz vorheriger glasklarer Anweisung spricht er überallhin, nur nicht in das Mikrofon. Der Arm mit dem ach so schweren Ton-Aufnahmegerät sinkt immer weiter vom Mund zur Gürtelschnalle hinunter. Er ist häufig identisch mit dem schüchternen Powerpoint-Hosenscheißer. Ein anderer Subtyp turnt trotz vorheriger Absprache durch den gesamten Raum, obwohl er vorher zugestimmt hat, am Pult stehen zu bleiben, wo das Mikrofon passend angebracht wurde. Gegen diese Variationen des Mikrofonflüsterers helfen nur Headsets, durch die das Mikrofon direkt und unverrückbar vor dem Sprechorgan des Flüsterers platziert wird.

Zu den besonders lustigen Zeitgenossen zählt der Bauchbinden-Taucher, ein naher Dark Vader-Verwandter. Die Ausleuchtung ist ihm egal. Mit dem Bauchbinden-Taucher können Sie im Technik-Check alles perfekt ein- stellen, den Abstand zur Kamera, die Ausrichtung der Beleuchtung. Es hilft nichts, in der Sendung wird er sich weit zu Ihnen vorbeugen. Damit verschwindet sein Kopf halb hinter der Bauchbinde. Bei extremen Bauchbinden-Tauchern kann man den Mund nicht mehr sehen. Der Grund für ihr Verhalten liegt entweder an ihren hohen Dioptrienwerten oder an dem Wunsch, das Gegenüber im Hangout durch extreme körperliche Zuwendung zu beeindrucken.

Wie man diese Fehler verhindern kann, erläutern wir ausführlich im Opus, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint. Beim StreamCamp in München am 18. und 19. Oktober kommt das sicherlich auch zur Sprache. Das könnten wir in einem Workshop aufgreifen.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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7 Antworten zu Über Befehler, Im-Bild-Steher, Bürostuhl-Quietscher, Flüsterer, Echo-Redner und Bauchbinden-Taucher #StreamCamp14

  1. tobiasfoltyn schreibt:

    Das mit den Leuten am Mikrofon kenne ich gut 😀 mache öfter die Tontechnik an meiner Schule und es gibt einfach viele Leute die es nicht schaffen ein Mikrofon korrekt zu benutzen 😀

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  2. gsohn schreibt:

    Bei einer Liveübertragung via Hangout an verteilten Plätzen besonders blöd, weil man keine Chance zur Justierung hat.

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  3. Darragh McCurragh schreibt:

    Interessante Typologien. Treffend. Die, die wenig zu sagen haben, reden am längsten. Andere, die echte Lexika wären, trauen sich nicht. Verkehrte Welt. Habe irgendwo gelesen, mehr als zehn Folien im Vortrag (ahem, nicht in der Minute …) seien eh zu viel. Kriegen die meisten aber nicht hin, weil sie statt Mnemotechnik die Folien als Gedächtnisstütze brauchen.

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  4. gsohn schreibt:

    Es lebe die Kunst der freien Rede.

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  5. Pingback: Trainingslager für Live-Videos beim StreamCamp in München | Hanser Update

  6. Kev schreibt:

    Ha ha, sehr witzig. Aber wahrscheinlich findet sich jeder mehr oder weniger darin wieder. 😉 Gegen Eigenarten kann man „leider nichts tun“ aber gegen schlechte Arbeitsmaterialien wie z.B. ein quietschender Bürostuhl kann man etwas tun. Ich hatte auch eine Zeit lang so ein schrecklich quietschendes Ding. Nachdem es alle meine Kollegen genervt hat, hat sich mein Chef erbarmt, mir einen neuen zu kaufen (hier). Also wenn euch euer Kollege/in damit nervt, nervt ihr euren Chef! 😉

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  7. Pingback: Das könnt Ihr besser, liebe Google Mitarbeiter/innen! #HangoutOnAir – schleeh.de

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