Wie männerbündlerische Seilschaften die deutsche Wirtschaft beherrschen: Eine Abrechnung


Cowboys sind dagegen harmlos

Cowboys sind dagegen harmlos

Welchen Wandel die Netzeffekte des Social Webs politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich bewirken, hat der Internet-Visionär Howard Rheingold bereits 2002 in seinem Artikel „Smart Mobs – Die Macht der mobilen Vielen“ vorweggenommen: Die Konvergenz der Technologien bewirke neue Formen der Kommunikation. Ortungsfähige drahtlose Organizer, Drahtlos-Netzwerke und zu Computerverbünden zusammengeschlossene Kollektive hätten eines gemeinsam: Sie würden Menschen befähigen, auf neue Arten und in unterschiedlichen Situationen gemeinsam zu agieren. Hat das noch etwas mit den Netzwerken der alten Schule zu tun? Natürlich nicht. Das wird deutlich, wenn man sich mit den Prominenten-Interviews auseinandersetzt, die der Berater Alexander Wolf für sein Buch „Geheimnisse des Netzwerkens“ geführt hat.

Alle jene Diskussionen, die über Transparenz geführt werden, seien eine Illusion.

„So wird es nie sein. Wer in der Politik tätig ist, hat ein Unterstützer-Netzwerk von Leuten, die einem in schwierigen Situationen helfen und denen man auch ab und zu helfen muss. Das läuft immer diskret und kann nicht offengelegt werden“, so Wolf.

Der Journalist Dieter Kronzucker habe es sehr schön ausgedrückt: Social Networks werden alle so schnell wieder vergehen, wie sie gekommen sind.

„Damit meint er nicht, dass es Facebook nicht mehr geben wird, aber er meint die Wichtigkeit, die wir Facebook momentan geben, wird abnehmen. Xing, LinkedIn oder Facebook sind nichts anderes als Online-Adressverzeichnisse und Online-Fotodatenbanken, wo man anderen die Möglichkeit gibt, Dinge schnell zu erfahren. Es sind keine belastbaren Netzwerke. Sie können keine Freundschaften und belastbaren Beziehungen über Xing aufbauen, weil sie kein Vertrauen im Internet aufbauen können. Wir wissen ja noch nicht mal, ob der Facebook-Freund überhaupt existiert“, erläutert Buchautor Wolf.

Letztlich geht es den Netzwerkern des Establishments um gegenseitige Abhängigkeiten. Es sind Seilschaften, Kartelle, Klüngel und Cliquen, die ihre Macht nur hinter verschlossenen Türen entfalten können.

Die Struktur und Logik des Social Webs erschwert die Arbeit der selbst ernannten Elite in Politik, Wirtschaft und Medien. Offene, freie und anarchische Systeme sind Gift für die Controlling-Freaks. Das mussten auch Steve Case und Gerald Levin schmerzlich erfahren. Case war Präsident und Vorstandschef von AOL. Levin leitete den Medienkonzern Time Warner. Sie lernten sich im Weißen Haus kennen bei der Vorführung der Komödie „em@il für Dich“ – einem Film von Warner Bros. mit Schleichwerbung für AOL. Beim Zusammentreffen waren sie von der Vision elektrisiert, mit einer Allianz ihrer scheinbar unversöhnlichen Unternehmen eine perfekte neue Welt erschaffen zu können.

„AOL Time Warner kamen mit einer Riesengeschwindigkeit um die Ecke und rasten direkt in eine Mauer, die sie noch nicht einmal gesehen hatten. Bald wurde dieser Name zu einem Synonym für ‚Debakel‘“, so Tim Wu in seinem sehr lesenswerten Buch „Master Switch“, in deutscher Übersetzung in diesem Jahr im mitp-Verlag erschienen.

Der Aktienkurs rauschte in den Keller und innerhalb kürzester Zeit wurde Case aus dem Unternehmen gedrängt. Levin ging in den Ruhestand und widmet sich heute als Leiter des Moonbeam-Sanatoriums in Südkalifornien der spirituellen Erbauung von gestressten Manager-Seelen.

Beide waren von der Hybris des allumfassenden Informationsimperiums getrieben, die Levin später als eine Form von Geisteskrankheit verbunden mit dem suchtartigen Streben nach nie endendem Wachstum bezeichnete.

„Konnte das mit AOL und Time Warner denn überhaupt funktionieren? Das Unternehmen hätte letztlich den Charakter des Internets verändern und das Netz in eines verwandeln müssen, in dem ‚fremde‘ Inhalte – also alle, außer denen von Time Warner – geblockt oder nachrangig behandelt werden können“, so Wu.

Alte Netzwerker lieben geschlossene Silos, die ihnen die volle Kontrolle über ihre Machtkonglomerate geben. Und genau hier liegt die Schwäche der Deutschland AG, wie der ehemalige Telekom-Personalvorstand mit Verweis auf einen unerhörten Satz belegt, den man in dieser Form noch nie von einem Dax-Granden gehört hat:

„Es gab bisher ein Führungsverständnis, in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger waren als unternehmerischer Erfolg“, klagte Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger im vergangenen Jahr über ThyssenKrupp.

Warum können sich Unternehmen so schlecht aus sich selbst heraus reformieren, fragt sich Sattelberger.

„Immer wieder versagt interne Aufsicht, weil es an Persönlichkeiten mangelt, die nicht voller Angst sind, das eigene Nest zu beschmutzen. Immer wieder reproduzieren Mächtige ihre Seilschaften zur Machtabsicherung, sekundiert von Unternehmenskommunikatoren und PR-Leuten, die Potemkinsche Dörfer bauen, und von Personalentwicklern, die sich als Handlanger instrumentalisieren lassen: Schmidt sucht Schnittchen.“

Unternehmen scheitern nach Ansicht von Sattelberger, wenn Topmanager keine Ahnung haben (wollen) vom inneren Zustand ihrer Organisation; wenn sie so von sich und ihresgleichen beseelt sind, dass sie sich abschotten, blind für innere Verwerfungen, unsensibel für äußere Einflüsse:

„So wie die inzestuöse japanische Elite rund um den Nuklearkomplex des Landes ein Prototyp geschlossener Systeme ist – mit geistigem Tunnelblick, aber offen für Karriere in der Seilschaft. So wie das deutsche Segelschulschiff ‚Gorch Fock‘ lange ein ideales Studienobjekt für ausgrenzende Rituale einer elitären Kultur abgab.“

Der alte Geist von ThyssenKrupp wehe in vielen Institutionen. Interessant sei deshalb, dass niemand aus den männerbündlerischen Seilschaften anderer börsennotierter Konzerne gegen Hiesinger aufgeheult hat.

Interessant ist auch, dass die Sattelberger-Kolumne nicht wie ein Lauffeuer durch die Republik rauscht.

Stand 7. August, um 16:11 Uhr: Magere 17 Likes und 3 Tweets. Unfassbar für so eine offene und schonungslose Abrechnung mit den Führungskräften der deutschen Wirtschaft. Die Sattelberger-Kolumne verdient mehr Resonanz.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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3 Antworten zu Wie männerbündlerische Seilschaften die deutsche Wirtschaft beherrschen: Eine Abrechnung

  1. Maribu schreibt:

    cooles Outfit

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  2. gsohn schreibt:

    Bald is ja wieder Karneval.

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