Tools erzählen keine Geschichten – Über neue Mündlichkeit und aphoristische Twitteratur


Merkwürdige Marketing-Schwurbeleien - aber immerhin handgeschrieben

Merkwürdige Marketing-Schwurbeleien – aber immerhin handgeschrieben

Je höher die Innovationsgeschwindigkeit ist, desto weniger veraltungsanfällig sind alte Lebensformen, so die überraschende Feststellung des Philosophen Odo Marquard, die wie eine Paradoxie klingt. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf wieder bei einem vorbeikommt. Gerade die neuesten Technologien benötigen die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Unsere Arche Noah im Umgang mit der Überinformation sei eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. Das war schon zur Zeit des Buchdrucks so.

„Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist“, schreibt Marquard in seinem überaus klugen Essay „Zukunft braucht Herkunft“.

So bleiben die schnellen Informationsmedien zähmbar und in der Reichweite der langsamen Menschen. Auch die neue Welt kommt ohne die alten Fähigkeiten nicht aus. Marshall McLuhan hat das in seiner Tetrade am Beispiel des Radios dokumentiert, das zu einem Wiederaufleben des gesprochenen Wortes führte. Ähnliches erlebt man in den Livestreaming-Diskursen der TV-Autonomen, die sich in der Kunst des guten Gesprächs üben. Bei Twitter gibt es gar eine Renaissance der Schriftkultur in aphoristischer Form. Man braucht sich nur die herrlichen Veröffentlichungen des Frohmann-Verlages anschauen. Twitteratur als neue Ausdrucksform einer experimentierfreudigen Autorenschaft, die auf der Bühne des Lebens mit digitalen Technologien spielen. Es zählt das Menschliche, es zählt das Leben, es zählen persönliche Erlebnisse und ungefärbte Betrachtungen. Weit entfernt von den Prozess-Exzessen, die Storytelling-Tool-Schamanen wie Benjamin Minack zum Besten geben. Er sollte nicht Omas Gutenacht-Geschichten beerdigen, sondern den Erzählungen von Menschen folgen, die etwas zu sagen haben. Tools können nichts erzählen.

Auf Facebook kann sich der Tool-Häuptling anschauen, was man von seinem Autoren-Nekrolog hält.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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Eine Antwort zu Tools erzählen keine Geschichten – Über neue Mündlichkeit und aphoristische Twitteratur

  1. Thomas Michl schreibt:

    Hat dies auf Toms Gedankenblog rebloggt und kommentierte:
    Stichwort: #ContentMarketing via @gsohn

    Gefällt mir

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