Über das roboterhafte Gefasel der Marketing-Automaten


Marketing-Schreihälse
Marketing-Schreihälse

„Märkte sind Gespräche.“ Die erste These aus dem populären „Cluetrain Manifest“ zählt wohl zu den größten Missverständnissen der kurzen Rezeptionsgeschichte des Internets. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen der 95 Thesen zum Wesen und Unwesen von Märkten und Marketing ziehen zwei der vier „Cluetrain“-Autoren in der Zeitschrift brandeins Bilanz. Das Manifest ist wohl auf falsche und höchst einseitige Weise zum Kanon der Marketingbranche geworden. Einige Unternehmen würden den Gesprächen in vernetzten Märkten zwar besser zuhören – aber nur, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt.

„Aber die Schwungräder des Business as usual drehen sich weiter, sie betreiben Tracking und Targeting, sie fangen und akquirieren, managen und verwalten ‚ihre‘ Kunden, als ob wir Sklaven oder Vieh wären. Diese Einstellung ist immer noch dominierend, und ich glaube nicht, dass wir das allein auf der Unternehmensseite reparieren können“, so Doc Searls.

Die Menschen, die Kunden, müssten die Führung übernehmen und ihre eigenen Werkzeuge entwickeln.

„Das meiste sogenannte Conversational Marketing ist genau genommen peinlich“, so David Weinberger.

Vieles sei roboterhaftes Gefasel. Netzunterhaltungen werden verfälscht und verseucht. Auch das freundliche „Wir haben verstanden, was darf ich für Sie tun“-Geblubber auf Facebook oder Twitter kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Firmen ihren Kommunikationsmodus immer noch auf Einweg geschaltet haben. Ausführlich nachzulesen im Livestreaming-Opus, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint. Kapitel: Vernetzte und offene Kommunikation im Kundenservice – Warum Unternehmen Netzwerkeffekte unterschätzen, die Kommunikation für Abwesende vergessen und die Weisheit der Kunden missachten.

In extremer Weise ist das bei den Marketing-Maschinen zu beobachten, die sich inflationär in Unternehmen ausbreiten und eine Rückkehr in das alte Denken von kontrollierter Unternehmenskommunikation einleiten – jetzt mit den Mitteln von Software-Automaten. Wenn es um Analysen und personalisierte Website-Infos geht, kann ich das noch verstehen. Alles andere ist aggressives Autoverkäufertum.

Nach Ansicht des Marketingexperten Harald Henn werde die Maschinerie häufig missbraucht, um mit hoher Taktzahl potentielle Kunden zu nerven.

„Insofern kann es sehr wohl als Brechstange missbraucht werden. Nicht notwendigerweise. Wichtig ist der Aspekt, dass man heute Interessenten nicht alle mit der selben Gieskannen-Methodik vertrieblich begleiten soll und kann. Die individualisierte Kaufbegleitung – automatisiert – ist die grosse Chance. Allerdings wird auch hier leider sehr oft zu naiv und technologiegläubig vorgegangen.“

Das Berechnen von Score-Werten, um den Reifegrad eines möglichen Geschäftsabschlusses zu messen, sei mit Vorsicht zu genießen.

„Mögliche Interessenten verhalten sich nicht wie Maschinen und ihr Verhalten lässt sich nicht hundertprozentig prognostizieren. Genau das propagieren allerdings einige Hersteller und gaukeln eine Erfolgsgarantie vor“, kritisiert Henn.

Ein höchst mechanistisches Verständnis, das mit Gesprächen nicht viel zu tun hat.

Es geht um Leads, Leads und immer wieder Leads – ohne zu dokumentieren, wie viele Geschäftsabschlüsse nun wirklich dabei herausspringen und wie viele potenzielle Kunden dabei genervt werden. Das Ganze ähnelt doch sehr dem Geschwurbel der Big Data-Heizdeckenverkäufer.

Ich werde mir die Anbieter mal zur Brust nehmen und etwas genauer hinschauen, wie viel Einweg-Blabla in diesen System steckt. Zahlen, Daten, Beweise und keine Kalendersprüche gefragt. Recherchen führe ich auch gerne mit Hangout-Interviews durch, damit die Netzöffentlichkeit partizipieren kann. Also meldet Euch.

Auf Facebook habe ich die Debatte schon angestoßen.

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

3 Kommentare zu „Über das roboterhafte Gefasel der Marketing-Automaten“

  1. überall nur blablabla, roboterhaft, ja, ich hab gestern in unserer Zeitung gesehen die Japaner haben eine Roboterfrau als Nachrichtensprecherin eingesetzt, ich muss nochmal suchen ob ich den Artikel wiederfinde. gruss und angenehmen Tag

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