Bonner Science TweetUp und Netzdiskurs mit einem klagenden Telekom-Chef – Über die Datenmisere der Netzbetreiber #wiss14


Da freuten wir uns noch auf die Netzdebatte in der Bundeskunsthalle
Da freuten wir uns noch auf die Netzdebatte in der Bundeskunsthalle

Sind Netzbetreiber wie die Telekom die geschundenen Esel, die für Silicon Valley-Riesen wie Google die schweißtreibende Arbeit für die Bereitstellung der Infrastruktur leisten müssen, damit die Internet-Stars ihre Datengeschäfte machen können? Oder waren die Telekommunikations-Konzerne einfach zu blöd, attraktive Geschäftsmodelle im Internet zu etablieren – stationär und mobil? Aktuell muss Google als Feindbild für die Telekom herhalten, um das lecken der eigenen Wunden erträglicher zu machen. Diesen Eindruck gewann man jedenfalls beim Auftakt der Follow me-Auftaktveranstaltung in der Bundeskunsthalle mit dem Telekom-Chef Timotheus Höttges, Netzaktivist Markus Beckedahl, Kryptographie-Professor Jörn Müller-Quade und der Medienwissenschaftlerin Caja Thimm.

Um die Klagelieder der Telekom etwas besser zu beurteilen, lohnt ein Blick auf die Versteigerung der UMTS-Lizenzen vor rund vierzehn Jahren, die die Netzbetreiber kurzseitig in Champagner-Laune versetzte.

50,8 Milliarden Euro spielte die Vergabe der Mobilfunk-Lizenzen in die Kasse des Bundes. Vier Jahre später wurde klar, dass die Netzbetreiber nicht in der Lage waren, die enormen Ausgaben wieder zu Geld zu machen. Trotz der „Alles-wird-gut-Kommentare“ zu UMTS auf der 3GSM Summit in Cannes waren die Zeichen nicht zu übersehen, dass die Hoffnungen auf Erfolge und Geschäfte mit UMTS im Grunde ad acta gelegt wurden. Bis 2006 hatten es die Netzbetreiber und auch die Hersteller nicht einmal geschafft, attraktive und leistungsfähige Endgeräte bereitzustellen. Betreiber und Hersteller zerhackten sich damals mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Wo lag die Ursache für das UMTS-Debakel? Es existierten keine überzeugenden Dienste, die mobiler Datenverkehr mit höheren Bandbreiten auf einem Handy oder Smartphone erfordern.

Als der große Run auf die UMTS-Lizenzen stattfand, träumte die Branche vom mobilen Surfen, Location Based Services und Navigationssystemen, mobilem Payment und vielfältigem M-Commerce. Außer den eher wenig erfolgreichen Versuchen, den japanischen i-Mode Service auch in Europa zu platzieren, war jeder Versuch, werthaltigen Content bereit zu stellen, bereits schon in der Produktentwicklung steckengeblieben. Display-Logos und Klingeltöne stellten den einzigen mobilen Content dar, für den bezahlt wurde.

Die grundlegenden Probleme der 3G-Netze waren aber nicht technischer Natur. Es fehlten nutzerfreundliche Endgeräte, smarte Dienstprogramme und Marketingideen. Die TK-Branche hat mit wenigen Ausnahmen nie Inhalte bereitgestellt, sondern immer als Transportmedium fungiert und damit ihre Profite erzielt. Die stolzen Geschäftsmodelle für UMTS basierten aber substantiell auf Erlösen für Content. Der durchschnittliche monatliche Umsatz pro Subscriber im 3G-Netze auf 60 Euro und mehr geschätzt. Das haben die Netzbetreiber aber nie erreicht. Es zeichnete sich ab, dass genau das eintreten wird, wovor Experten schon vor Jahren gewarnt haben: wenn die TK-Konzerne es nicht schaffen, das Nutzerverhalten und damit auch die alltäglichen Gewohnheiten der Anwender in Richtung mobile Anwendungen zu modifizieren, wenn die Mobilität sich nicht in den täglichen Bedürfnissen der Anwender und in ihren Lebensprozessen wieder findet, bleibt der Mobilfunk im bloßen mobilen Telefonieren stecken und somit weiterhin ein Transportmedium.

Für den Durchbruch von werthaltigem Content und entsprechende Umsätze zählen nicht die technischen Features, sondern überzeugende Anwendungen, die schnell die kritische Masse im Markt erreichen und dann einen Anwendungs-Standard bilden. Auf diesem Feld haben die Netzbetreiber kläglich versagt. Dann kam der 9. Januar 2007. Apple stellte der Öffentlichkeit einen Prototyp des iPhones auf seiner Macworld Conference & Expo in San Francisco vor. Was konnten wir dann lesen. Auf der Mobile World in Barcelona sprach man vom iPhone-Schock.

Die Explosion an intelligenten Datendienste läuft bis heute an den Telcos vorbei. Ohne Steve Jobs hätte es keinen 3G-Aufschwung, keine App-Economy und auch keine nutzerfreundlichen Smartphones gegeben. Einfache und kostengünstige Entwicklerwerkzeuge sowie neue Vertriebsformen über das weltumspannende Netz schufen eine Ökonomie mit neuen Regeln, in gewisser Weise sogar eine neue Welt. Alte Grenzen wie die zwischen Telefonie und Computer oder Fernsehen lösen sich auf.Wenn Unternehmen der Telekommunikation nicht dazu in der Lage sind, aus der Bereitstellung von Breitbanddiensten am Cash Flow der aufkommenden App-Economy zu partizipieren, die Schere zwischen den Netzbetreibern und Firmen wie Apple und Google immer weiter auseinander geht, dann könnten Übernahmeschlachten auch mal umgekehrt laufen. Die Schwergewichte der Web-Welt kaufen sich einfach die Netzbetreiber.

Vielnutzer sind schuld, Google ist schuld, Youtube ist schuld, Gott-und-die-Welt sind schuld – sie alle und noch viel mehr bereiten der Telekom Datenschmerzen. Dabei war und ist es doch eher die Flatrate-Propaganda der Netzbetreiber, die zu dieser Gemengelage führte.

Von Experten ist vor diesem Szenario gewarnt worden: Eine Umkehr sei nur möglich, wenn die Netzbetreiber konsequent in Innovationen, Inhalte und neue Geschäftsmodelle investieren. Diese Warnung kam vom TK-Berater Roman Friedrich: Die Agenda für Netzbetreiber sei eigentlich klar. Man sollte an der App-Welle partizipieren. Die Zahl der App-Downloads werde weltweit in den nächsten fünf Jahren von 1,4 Milliarden auf rund 19 Milliarden steigen. Dieses Volumen bringe den Anbietern einen App-Umsatz von 17 Milliarden Euro ein. Zudem sollten Netzbetreiber über die Vermarktung eigener mobiler Werbeformen nachdenken und ihre Aktivitäten im Videogeschäft ausbauen. Notwendig seien konvergente Betreibermodelle, eine radikale Kostenreduzierung und die Entwicklung zum „Smart Innovator”. So smart operieren Netzbetreiber wie die Telekom leider immer noch nicht: Übrig geblieben ist nur noch das Wehklagen über Google und Co. sowie die Erhöhung der Transportgebühren, nachdem andere heilige Kühe nicht mehr gemolken werden können, wie etwa SMS und Sprachdienste. Wo man doch so lange Skype und andere Angebote blockieren wollte. Auch WLAN-Hotspots sind über lange Zeit nur mit der Zange angepackt worden, um nicht das eigene Brot-und-Butter-Geschäft zu gefährden.

Kann man den Google-Argumenten der Telekom wirklich folgen?
Kann man den Google-Argumenten der Telekom wirklich folgen?

Immer ging es nur darum, als Quasi-Monopolist den schnellen Euro mit möglichst geringem Aufwand zu verdienen – ohne sich das Gehirn über neue Geschäftsmodelle zu zermartern. Nun klagt Telekom-Chef Timotheus Höttges über die marktbeherrschende Stellung von Google, bemängelt die Bevorzugung von Diensten des Mountain View-Konzern, beschwert sich beim EU-Wettbewerbskommissar über den Suchmaschinen-Marktführer und lenkt damit von den eigenen Plänen ab, im Internet über die Bevorzugung von eigenen Angeboten wie Home Entertain eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu schaffen. Ein durchsichtiges Manöver des TK-Dinosauriers aus Bonn.

Deshalb bleibe ich bei meiner Schlussfolgerung: Wir erleben in Deutschland eine Koalition der Google-Heulsusen.

Und so sieht die Realität des Datenschutzes in Deutschland aus: Innenminister de Maizière: “Deutsch-amerikanische Beziehungen sind wichtiger als das Thema NSA”

Genauso spannend: Wie aus der NSA-Affäre eine Google-Affäre wird.

Was hinter der aktuellen Anti-Google-Kampagne steht.

Wie aus der Spähaffäre so langsam eine Googleaffäre wird.

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2 Gedanken zu “Bonner Science TweetUp und Netzdiskurs mit einem klagenden Telekom-Chef – Über die Datenmisere der Netzbetreiber #wiss14

  1. Die Telcos wollen von der Flatrate-Politik gar nicht abrücken, dann sollten sie auch nicht mehr über die Flatrate-Falle klagen. So schreibt VATM in einer Pressemitteilung, die heute bei mir landete: Die bei Verbrauchern so beliebten Pauschaltarife für Telefonie und Daten (Flatrates) wird es trotz der enormen Investitionskosten für den verstärkten Netzausbau auch in Zukunft weiter geben. Beim Strategie-Panel des VATM zum Thema „Netzqualität und Netznutzung – Brauchen wir Geschäftsmodelle jenseits der Flatrate?“ waren sich alle teilnehmenden Experten einig darüber, dass es Flatrates auch in fünf Jahren noch geben wird, sich diese aber verändern dürften. Die Diskussionsrunde fand im Rahmen des Kongressprogrammes der ANGA COM statt. „Mengen- und Qualitätskomponenten werden in der Zukunft für die Verbraucher, aber auch für die Unternehmen und die deutsche Wirtschaft – Stichworte Industrie und Gesellschaft 4.0 – immer wichtiger werden“, sagte VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner in seinem Impulsstatement.

    „Für den Großteil der Kunden sind Flatrates das richtige Angebot“, zeigte sich Peter Zils, Vorstandsvorsitzender der ecotel communication AG, überzeugt. Unternehmen und Privatkunden seien aber durchaus bereit, für Qualität und Service auch mehr zu bezahlen. „Die Ausdifferenzierung der Flatrate-Angebote werde sicher fortschreiten“, so Johannes Pruchnow, Vorsitzender der Geschäftsführung der Versatel GmbH. „Wichtig ist, dass für den Verbraucher Transparenz herrscht“, sagte er unter Zustimmung aller Panelisten. Bei Geschäftskunden sei die stärkere Differenzierung schon durchaus üblich – zum Beispiel mit unterschiedlichen Bandbreiten, Upstrams und Servicepaketen. „Eine höhere Qualität der Angebote ist technisch möglich“, erklärte Pruchnow.

    Die Debatte um die Dienstequalität und Netzneutralität war Schwerpunkt in der VATM-Runde. Dabei herrschte Einigkeit unter den Panelisten, dass das Best-Effort-Prinzip im Internet beibehalten werde. „Es geht nicht darum, Best Effort gegen qualitätsgesicherte Dienste auszuspielen und das Eine durch das Andere zu ersetzen. Sondern es geht darum, zusätzlich zum Best-Effort-Internet weitere Dienste anzubieten, die gewünscht und nachgefragt werden“, verdeutlichte Dr. Andrea Huber, Geschäftsführerin der ANGA Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber. Wenn die EU-Regulierung so käme, wie sie derzeit diskutiert werde, könnten viele für Kunden interessante Dienste nicht umgesetzt und angeboten werden.

    „Best Effort ist das Standardangebot”, betonte auch Dr. Stephan Korehnke, Head of Regulatory Strategy and Law, Vodafone GmbH. Es werde aber immer mehr Dienste etwa bei der Verkehrslenkung und Telemedizin in Echtzeit geben, die eine besondere Qualität benötigen. Man bekenne sich weiterhin zum Grundsatz der Diskriminierungsfreiheit – auch dies wurde von den anderen Diskutanten bestätigt. „Wir haben überhaupt kein Interesse daran, die Angebotsvielfalt künstlich zu beschränken. Das würde uns nur selbst schaden. Letztendlich entscheidet der Endkunde über jedes Geschäftsmodell. Wir sollten die Entwicklungen abwarten, bevor wir hier zu Verboten kommen“, appellierte Dr. Korehnke. Ansonsten würden europäische Telekommunikationsunternehmen im Vergleich zu amerikanischen aufgrund unterschiedlicher Regelungen zurückfallen. Was mit dem Single-Market-Entwurf als Wachstumspaket auf EU-Ebene gedacht war, werde dann eher zum Hemmnis. „Deutschland muss bei den Verhandlungen in Brüssel eine ganz aktive Rolle spielen“, forderte er.

    Dr. Jan Krancke, Vice President Regulatory Strategy and Economics bei der Deutschen Telekom AG, ging auf das Spannungsfeld zwischen stark wachsendem Datenverkehr und großem Investitionsbedarf in den Breitbandausbau ein. „Wenn die Politik strenge Regeln für die Netzneutralität schafft, ist die Entscheidung gefallen: Nur der Endkunde zahlt und nicht die Diensteanbieter, die auf Basis der Infrastruktur riesige Gewinne einfahren“, sagte der Regulierungsexperte der Telekom. Angesichts der konvergierenden Netze und Dienste müsse das Thema Netzneutralität auf globaler Ebene diskutiert werden. „Ich würde mir in Europa mehr Pragmatismus wünschen“, so Dr. Krancke. Die Politik solle zunächst beobachten, ob wirklich ein Problem bei neuen Qualitätsklassen und Angeboten auftauche. „Wenn wir beim Thema Netzneutralität in Europa falsche Regelungen bekommen, werden wir mit unserer Internetwirtschaft gegenüber den USA weiter zurückfallen. Das können wir uns nicht leisten“, warnte er.

    Peter Zils von ecotel betonte noch einmal die Rolle des Wettbewerbs. „Die Politik muss den Wettbewerb unbedingt stärken, damit es gar nicht erst zu kritischen Situationen kommt.“ VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner abschließend: „Es ist nicht im Sinne der Branche, zu Diskriminierungen zu kommen, die die Politik über kurz oder ganz kurz zu Reaktionen nötigt, die wir alle nicht wollen. Daher appelliere ich an die Politik: Warten Sie ab, ob wir es in der Wirtschaft schaffen, für Fairness zu sorgen. Wenn wir dies tun, ist das der beste Weg für alle und schafft am meisten Wettbewerb und Nutzen.“

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