Die vernetzte Industrie und das babylonische Sprachgewirr – Wer setzt die Standards für die Fabrik der Zukunft? #HannoverMesse


Die Androiden-Invasion
Die Androiden-Invasion

Spätestens wenn die Maschinensteuerung mit dem Internet verbunden wird, kommt bei der Industrie 4.0 auch die Softwareindustrie ins Spiel.

„Deutschland kommt von der Maschinenseite; in Amerika sieht man das Thema eher von der Softwareseite“, so lautet der kleine Schönheitsfehler, den der FAZ-Redakteur in seinem Kommentar ins Spiel bringt.

Und genau da könnten sich die Industrie 4.0-Träume als Luftbuchungen herausstellen. So kritisiert die Smarter Service-Initiative seit Jahren, dass produktbegleitende Dienstleistungen noch immer nicht als Quelle der Wertschöpfung erkannt werden. Aus Kundensicht stelle ihre Nutzung aber den eigentlichen Wert dar.

„Wer sich beispielsweise das Geschäftsmodell von iTunes anschaut, wird verstehen, dass bei Apple der angeschlossenen Service-Umsatz bis zum achtfachen den Produktumsatz je iPhone-Kunde übersteigt“, betont die Smarter Service-Initiative, die mit einem Wettbewerb neue Impulse für Vernetzungsintelligenz setzen will.

Beim „Internet der Dinge“ und den Industrie 4.0-Konzepten werde das deutlich. In Deutschland bastelt man produktzentriert an komplexen Netzwerkplänen und Insellösungen. In vielen amerikanischen Unternehmen wird hingegen der vernetzte Kunde als Ausgangspunkt für die nächste industrielle Revolution genommen.

Babylonisches Sprachgewirr ohne einheitliches Betriebssystem

Diese Gefahr sieht auch Giersberg. Produkte und Maschinen müssen die gleiche Sprache sprechen, sonst entstehe babylonisches Sprachgewirr, aber keine vernetzte Produktion. Das geht nur über allgemeine Standards und nicht über Einzelentwicklungen. Wir basteln in teutonischer Gründlichkeit zwar kräftig an der Grundlagenforschung, liefern aber keine Antworten für das Betriebssystem und die Infrastruktur. Unterdessen bekommen Waschmaschinen, Geschirrspüler und Kaffee-Vollautomaten von Samsung einfach mal das Google-Betriebssystem Android eingepflanzt, um die Vernetzung voranzutreiben. Die deutschen Hersteller wie Bosch oder Miele machen das auch mit eigenen Lösungen – sozusagen im Augsburger Puppenkisten-Format

„Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer“.

„Dann fragen die deutschen Hersteller, wer macht die Infrastruktur, wer sagt, unter welchem Standard sich die Maschinen unterhalten. Google und Samsung haben einen einfachen Plan und nutzen das Handy-Betriebssystem“, so der frühere IMB-Cheftechnologie Gunter Dueck.

Die bauen das überall ein und die Maschinen werden mit semantischer Intelligenz bestückt.

Schirrmacher wird wieder meckern

Wenn dann in Deutschland und Europa alle aufgewacht sind, „kann der FAZ-Herausgeber Schirrmacher wieder jammern, dass die Amerikaner oder Südkoreaner uns das aufdrücken.“ Oder wie beim Google-Kauf von Nest Labs den kritischen Einwand kommunizieren, ob denn der Suchmaschinen-Gigant bei der Heimvernetzung mit Raumthermostaten auch die Privatsphäre ernst nehmen würde.

Kein Mensch macht sich in der deutschen Industrie darüber Gedanken, wie ein Betriebssystem aussehen sollte. BMW, VW, Mercedes Porsche und Co. hätten sich zusammenschließen können, um ein vernünftiges Betriebssystem zu etablieren – „machen sie aber nicht“, kritisiert Dueck. „Man wartet bis Google über die Unterhaltungselektronik ausliest, welche Fehler ein Auto hat – da ist in Deutschland keiner dran.“

Wer also von Industrie 4.0 redet, sollte sofort auch über die geschäftliche Relevanz nachdenken. Sonst erleben wir ein ähnliches Schicksal wie bei der Erfindung des digitalen Musikstandards MP3.

Vielleicht sollten die etablierten Organisationen und Unternehmen anfangen, wie Bundesliga-Vereine Scout-Systeme zu entwickeln, um vermarktungsfähige Innovationen zu suchen. Der Google-Deal mit Nest Labs unterstreicht diesen Ansatz. Schließlich zählt Tony Fadell als Mitgründer von Nest Labs zu den Vätern der iPod-Revolution. Er gilt als Ideengeber für das integrierte Geschäftsmodell von iPod und iTunes. Ähnliches werden wir bei den Heizungen und den Thermostaten zur Regelung der Raumtemperatur in unseren eigenen vier Wänden erleben. Die Industrie 4.0 kommt zwar nicht von einem anderen Stern, könnte aber von den Androiden erobert werden.

Soweit der Ausblick auf meine Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“. Statements zum Thema könnte ich noch gut gebrauchen. Bis morgen, so gegen 14 Uhr.

Siehe auch:

Hannover Messe und Industrie 4.0: Stiefkind Vermarktung?

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

1 Kommentar zu „Die vernetzte Industrie und das babylonische Sprachgewirr – Wer setzt die Standards für die Fabrik der Zukunft? #HannoverMesse“

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