Literatur-Lesung: Bruno Taut, Paul Scheerbart und die Transparenzträume der Werkbund-Ausstellung in Köln


Zum hundertjährigen Jubiläum der Werkbund-Ausstellung in Köln
Zum hundertjährigen Jubiläum der Werkbund-Ausstellung in Köln

Manfred Schneider, Transparenztraum, Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche, Matthes & Seitz Verlag.

Siebtes Kapitel: Die Träume von 1900 – spirituelle Glashäuser: Bruno Taut.

Zur Werkbund-Ausstellung gibt es eine interessante Veranstaltung im Haus der Architektur in Köln:

Alles am Fluss
Die „Deutsche Werkbundausstellung Cöln 1914“

„Man hätte wirklich keinen schöneren Platz finden können.“

Euphorisch kommentierte im April 1914 die Preußische Gemeindezeitung in einem eigens aufgelegten Sonderdruck ein in Köln bevorstehendes, außergewöhnliches Ausstellungsereignis. Sieben Jahre nach seiner Stuttgarter Gründung beabsichtigte der Deutsche Werkbund, gemeinsam mit der Stadt Köln und zahlreichen anderen Trägern eine erste groß angelegte Werkschau – die „Deutsche Werkbundausstellung 1914″ zu veranstalten.

Köln wurde zum Austragungsort, weil die Stadt weitreichende finanzielle und territoriale Unterstützung anbot. Auf der Liste der Garantiezeichner setzte sie sich an vorderste Stelle und dokumentierte so neben wirtschaftlichen Interessen auch ihre Position zu einer umfassend neuen Ästhetik des Gegenständlichen. Deren Definition, Förderung und Durchsetzung hatte sich der Deutsche Werkbund mit der „Veredelung der gewerblichen und industriellen Arbeit durch die Kunst“ zum Ziel gesetzt. Neben stattlichen „550.000 Mark“ Startkapital stellte sie über 200.000 Quadratmeter Veranstaltungsareal auf der rechten Rheinseite bereit und steuerte zur mehrjährigen Vorbereitung Personal aus Verwaltung und Politik bei. „Wenn in unserer an Ausstellungen wahrlich überreichen Zeit ein solches Unternehmen auf Erfolg, d.h. auf Erfüllung einer Kulturaufgabe -nicht etwa auf finanziellen Gewinn- rechnen will, so muß es schon etwas Besonderes bieten.“ … beschrieb der damalige Beigeordnete der Stadt Köln und Chef des Planungsstabes, Carl Rehorst, das auf internationale Wirkung angelegte Vorhaben im Vorwort des Ausstellungskataloges.

Am Deutzer Rheinufer entstand so am Beginn der Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts erstmals eine umfassende Gesamtschau zur Gestaltung industrieller und handwerklicher Produktion, die für Köln zugleich eine anhaltende städtebauliche Entwicklung als Ausstellungs-, Messe- und Designstandort in Gang setzte. Auf dem weiträumigen Areal vis-a-vis zur historischen Kölner Altstadt, wo später ab 1924 die Messehallen Adolf Abels errichtet wurden (heute RTL) und 1957 im Rahmen der Bundesgartenschau Frei Ottos Tanzbrunnenüberdachungen hinzukam, entwarfen bereits in den Jahren 1913/14 berühmte Architekten richtungsweisende Ausstellungsbauten.

Herausragend und bis heute mit maßgeblichem Einfluss für die Entwicklung der modernen Architektur sind die Musterfabrik des 31-jährigen Walter Gropius, dem Architekten der Faguswerke in Alfeld (1911) und späteren Direktor des Dessauer Bauhauses und der expressionistische Glaspavillon des nur drei Jahre älteren Bruno Taut, später u. a. Architekt der Berliner Hufeisensiedlung.

Peter Behrens, Architekt und Produktgestalter, heute als „Vater des Corporate Design“ bezeichneter Schöpfer der Berliner AEG-Turbinenhalle (1909) baute die Werkbund-Festhalle und gestaltete das Ausstellungsplakat. Henry van de Velde, Leiter der Kunstgewerbeschule in Weimar, der Keimzelle des 1919 gegründeten Deutschen Bauhauses, baute das Werkbund-Theater, Theodor Fischer die Haupthalle und Hermann Muthesius das Haus der Farben.

Von einflussreichen Gruppen aus Kunst, Politik und Wirtschaft getragen wurde die Ausstellung im Mai 1914 nach mehrjähriger Vorarbeit eröffnet, kam jedoch mit Ausbruch des 1. Weltkrieges Ende Juli bereits wieder zum Erliegen. Bis Kriegsende dann weitgehend ungenutzt, zweckentfremdet und teilweise abgerissen mussten ab 1918 schließlich auch die noch verbliebenen Gebäude der von ihnen selbst in Gang gesetzten städtebaulichen Entwicklung zum Kölner Messegelände weichen. Ihren Fortbestand finden sie seither mit unterschiedlicher Bewertung für die Entwicklung der Moderne des 20. und 21. Jh. in einem breiten Spektrum wissenschaftlicher Literatur.

Im Mai 2014 jährt sich das einhundertste Jubiläum dieses in der Öffentlichkeit weitgehend vergessenen Ereignisses. Eine Memorialveranstaltung in Köln liegt daher auf der Hand. Wenig verbleibende Zeit und knappes Geld zwingen zu reduzierter Konzeption, die für einen angemessenen Rahmen a priori kein Nachteil muss. Es soll daher der Anstoß zu einer Vortragsreihe gegeben werden, die sich 1) dem gestalterischen Zusammenspiel von Architektur, Kunst, Stadtentwicklung, Politik, Verwaltung, Industrie, Handwerk, Design, Produktion, Ausstellungswesen, Sponsoren, Mäzenen und Finanzwelt der Gegenwart widmet, 2) die langfristigen Folgen der Entwicklung des zurückliegenden Jahrhunderts aus ästhetischer Perspektive erklärt und 3) die Schwerpunkte und Chancen einer sorgsam gestalteten Umwelt für die Zukunft herausstellt.

Die 100-jährige Wiederkehr der “Deutschen Werkbundausstellung Coeln 1914″ im Mai 2014 nehmen das Haus der Architektur Köln (hdak), die Fakultät für Architektur der Fachhochschule Köln und der Deutsche Werkbund NW zum Anlass, in drei Veranstaltungen über die historischen Hintergründe zu informieren, seine Bedeutung für die Entwicklung der Gestaltung in den vergangenen 100 Jahren kritisch einzuordnen und gestalterische Perspektiven für die Zukunft zu skizzieren.

Folgende Veranstaltungen finden in diesem Jahr statt:

Werkbundfest am Freitag, den 16.05.2014 um 15:00 Uhr, Design Post Köln

2-tägiges Symposium “Zwischen Kunst und Industrie – Wandlungen einer Idee” am Donnerstag, den 22. und Freitag, den 23.05.2014, Fakultät für Architektur

Veranstalter: Fakultät für Architektur der Fachhochschule Köln und Haus der Architektur Köln hdak

Jeweils von 10:00 bis 17:00 Uhr
Vorträge und Diskussionen zum Verhältnis von Kunst, Gestaltung, Industrie, Produktion und Gesellschaft in Geschichte und Zukunft mit Persönlichkeiten aus Architektur, Kunst, Design, Wissenschaft und Produktion

jeweils von 18:00 bis 20:00 Uhr
Öffentliche Publikums- und Hörfunkrunde
Teilnehmer: Die Bau- und Kulturdezernenten der Stadt Köln, Gäste aus Kunst, Wissenschaft, Architektur und Wirtschaft

Akademie des Deutschen Werkbundes NW, Schloss Gnadenthal bei Kleve von Freitag, den 20. bis Sonntag, den 22.06.2014
Geschichte der Zukunft. 3-tägige Vortragsreihe zu Variationen der Moderne von 1914 – 2014

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Ein Gedanke zu “Literatur-Lesung: Bruno Taut, Paul Scheerbart und die Transparenzträume der Werkbund-Ausstellung in Köln

  1. […] Und auch heute ist Scheerbart weniger für seine phantasiereichen, gelegentlich orientalisch angehauchten Romane bekannt, wie z.B. Tarub, Bagdads berühmte Köchin. Ein arabischer Kulturroman von 1897. Auch nicht für die Bücher, die auf Kometen oder anderen Himmelskörpern spielen – als bekanntester darunter der Asteroiden-Roman Lesabéndio von 1913. Vielmehr schätzt man ihn heute als einen der ersten Schriftsteller, die bahnbrechende technologische Entwicklungen weitergedacht haben. So wies Paul Scheerbart bereits 1909 auf die zukünftige Bedeutung des Luftkriegs hin (Die Entwicklung des Luftmilitarismus und die Auflösung der europäischen Land-Heere, Festungen und Seeflotten. Eine Flugschrift). 1914 (und damit vor einige Jahre vor Gründung des Bauhauses) publizierte er zur Glasarchitektur und stieß damit auf die Bewunderung führender Architekten seiner Zeit (Gunnar Sohn hat dazu mal auf seinem Blog etwas vorgelesen). […]

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