Hoodie-Journalist oder nicht: Herumprobieren statt schwadronieren!

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Thesen zur Zukunft des Online-Journalismus hat Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit-Online, bereits auf dem vergangenen Besser Online-Kongress des DJV vorgetragen – mit einem sympathischen Pragmatismus. Stichwort: Die Kunst des Durchwurstelns. Jetzt hat er mit seinem Kollegen Bernd Ulrich 12 Thesen zu Print und Online nachgelegt:

„Dünkel der Tradition gegen Arroganz des Fortschritts: Oft verstehen sich Print- und Onlineredaktionen nicht. Zeit, das zu ändern.“

Es gehe ein Riss durch deutsche Redaktionen.

„Nichts scheidet deutsche Journalisten mehr als das Substrat, auf dem sie publizieren: Selbst Print- und Onlineredakteure desselben Verlagshauses leben oft in unterschiedlichen Sphären und pflegen die Ressentiments gegenüber der anderen Seite“, schreiben die beiden Autoren.

Auslöser des Beitrags sind Streitigkeiten bei Spiegel und SZ, wo wohl intern die Fetzen fliegen. Ulrich und Wegner haben gute Thesen vorgelegt. Allerdings verwundert mich der noch vorherrschende Kleinkrieg dieser „unterschiedlichen“ Lager, die Betrachtung von Online und Print als Antipoden.

Sind wir nicht alle Hoodies?
Sind wir nicht alle Hoodies?

Das scheint wohl eher ein Problem der großen Verlage zu sein. Streicht man aus dem Thesen-Papier die Zweiteilung raus, bleiben eine ganze Menge Erkenntnisse übrig, die für jeden Publizisten wichtig sind.

Man kann ein erheblich größeres Repertoires von Erzählformen bedienen. Von Livestreaming, OneShotVideos bis zum Daten-Journalismus. Was in der Zukunft erfolgreich läuft oder nicht, kann niemand vorhersagen. Es gibt keine Patentrezepte für Aufmerksamkeit. Deshalb ist das Motto von Wegner und Ulrich auch so richtig:

„Herumprobieren statt schwadronieren.“

Wer im schnellen, schwer vorhersehbaren Wandel erfolgreich sein wolle, sollte statt in Jahresplänen lieber in Monatszyklen denken und Projekte in Wochenrhythmen organisieren. Und noch wichtiger: Die Leser oder Nutzer „wollen auf Augenhöhe angesprochen werden, sie wollen einbezogen werden, und sie haben – nicht zuletzt durch das Netz – ein hochfeines Sensorium für Bullshit, Gelaber und schlechte Qualität entwickelt.“

Wer nur im Einwegmodus herausballert, erntet halt Scheiße-Kommentare und sollte aufhören, über jeden Shitstorm zu jammern. Wer den Dialog sucht, wird meistens fair behandelt. Richtig ist auch die Feststellung von Wegner und Ulrich, dass die Crowd den Journalismus nicht ersetzen könne.

„Das aufwendige Recherchieren und sprachliche Synthetisieren von Informationen, das Auffinden des Allgemeinen im Speziellen, die Kunst des Erzählens ist und bleibt ein sehr anspruchsvoller Beruf, einer der schönsten, die es gibt.“

Man könnte es auch Instinkt nennen, aus der Flut der Informationen die Goldnuggets zu finden. Alles andere sind Thesen, die wohl in den Verlagshäusern weiter diskutiert werden müssen. Mit meinem Arbeitsalltag haben sie glücklicherweise nichts mehr zu tun. Online-Journalist? Radio-Journalist? TV-Journalist? Hoodie-Journalist? Diese Unterscheidungen interessieren mich nicht sonderlich. Mal mache ich Radio, mal Video, mal alles. Daniel Fiene hat das über seinen Jobwechsel sehr hübsch beschrieben.

Was in den Verlagshäusern los ist, sollten die Beteiligten intern klären. Das hat Detlef Gürtler in einem Kommentar trefflich bemerkt:

„Das, was da verzapft wurde, kann nämlich allenfalls in diesem Bezugssystem halbwegs verständlich sein. Da gibt es, horribile dictu, Journalisten mit dem gleichen Arbeitgeber, aber unterschiedlichen Arbeitsauffassungen! O! M! F! G!
Für die Betroffenen kann das, insbesondere wenn sie sich in Hierarchiekonflikten verstricken, eine schmerzhafte Erfahrung bedeuten. Für den Rest der Welt nicht mehr als ein ratloses Achselzucken. Weder für Content-Nutzer noch für Content-Produzenten außerhalb solcher Großredaktionen ist irgendetwas davon relevant.“

So ist es.

2 Gedanken zu “Hoodie-Journalist oder nicht: Herumprobieren statt schwadronieren!

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