Grenzwächter blockieren die Ökonomie des Teilens – Mein bescheidener Beitrag in der The European-Frühjahrsausgabe

Kann eigentlich Liebeswahn geteilt werden?
Kann eigentlich Liebeswahn geteilt werden?

Gibt es Grenzen für eine Ökonomie des Teilens? Ja und Nein. Die Voraussetzungen sind heute wesentlich besser als es sich der Ökonom Martin Lawrence Weitzman in den 1980er Jahre vorstellen konnte. Er zählt aus gutem Grund mit seinem Werk “The Share Economy: Conquering Stagflation” zu den Ideengebern einer politischen Ökonomie des Teilens. Fernab von sozialutopischen Vorstellungen hat Jeff Jarvis die Möglichkeiten der Share Economy in seinem Buch „Mehr Transparenz wagen!” auf den Punkt gebracht:

„Das radikal öffentliche Unternehmen ermutigt seine Angestellten, dieTools der sozialen Netze zu nutzen, direkte und offene Beziehungen mit den Kunden zu unterhalten, indem sie Fragen beantworten, sich Vorschläge anhören und umsetzen, Probleme lösen und Produkte verbessern.”

Theoretisch. In der Praxis dominieren die Zuchtmeister des Controllings, die sich mit einer Kultur der Offenheit, des Teilens und der Mitbestimmung nicht anfreunden wollen. Sie verkriechen sich hinter Schutzrechten, Abstimmungsschleifen, Sprachregelungen und einem Dirigentenstab. Selbst jene, die die digitale Transformation in Schaufenster-Reden und Keynotes predigen, sind in ihrem Alltag alles andere als social. Die Management-Fraktion bevorzugt exklusive Zirkel, edle Clubräume und Regeln der Verschwiegenheit. Man zählt schließlich zur geistigen Elite. Netzöffentliche Anschlussfähigkeit und Teilbarkeit wird in den Geheimlogen von Wirtschaft und Politik panisch gemieden. Zu schnell könnte sich die dünne Buchstabensuppe als das herausstellen, was es ist – wichtigtuerisches Gequatsche. Wenn diese autoritären und egozentrischen Organisationsprinzipien auf die anarchischen und unlogischen Strukturen des Internets prallen, lernen die überheblichen Egozentriker sehr schnell, dass die alten Mechanismen und Club-Regeln nicht mehr funktionieren. Deshalb wird die Ökonomie des Teilens blockiert.

Die Systeme von Wirtschaft und Politik gleichen mehr einer Gruppe von Inseln, die durch das Meer von Inkompatibilität, unterschiedliche Formate und Medienbrüchen gekennzeichnet ist, bemerkt der Publizist Tim Cole. Man gießt kräftig analogen Wein in die digitalen Schläuche, um einen Rest von Kontrolle zu bewahren – scheitern dann diese Geschäftsmodelle mit Käfighaltung, liegt es an der digitalen Spähre, nicht an den Hohepriestern der Abschottung: Etwa bei eBooks, die nicht weitergegeben werden dürfen und irgendwann verschwinden, falls der Rechteinhabe es so beschließt. Verleihen geht auch nicht. Wer gibt denn freiwillig seine Account-Daten weiter mit den vielen Sonderzeichen in den Passwörtern. Einfach den Anbieter wechseln? Sofort erscheint eine Warnmeldung:

„Bitte beachten Sie, dass Sie bei DRM-geschützten Titeln nicht nur die ACSM-Ticketdatei laden, sondern diese auch via Adobe-ID lizenzieren und aktivieren müssen“.

Noch wird die Sharing Economy von mächtigen Interessen verhindert
Noch wird die Sharing Economy von mächtigen Interessen verhindert

Dabei ist das Kopistentum der Katalysator für wirtschaftliche und kulturelle Prosperität: Viele Erzähler, Maler, Musiker der Moderne sind nicht Erfinder, sondern Finder. Und das gilt nicht erst für die Moderne. Shakespeare etwa war so ein Ausplünderer, sein „Hamlet“ wäre heute vor einem Plagiatsprozess nicht sicher. Der große österreichische Volksdramatiker Johann Nepomuk Nestroy hat keines seiner über 80 Stücke selber erfunden – es sind meist Bearbeitungen französischer Possen, deren Plot er ungeniert übernahm. Soweit ein kleiner Auszug meines Beitrages in der The European-Printausgabe, die gerade auf den Markt kommt. Ich teile also auch nur teil weise 😉

Auf 160 Seiten bietet das Heft einige hübsche Storys. Im Interview erklärt Sarah Wagenknecht, warum unter Kohl vieles besser war (hä?). Huffington Post-Chefredakteur Sebastian Matthes schreibt über mutlose Wirtschaftspolitik. Jean Chardin erläutert, warum er das persische Café als Vorläufer von Facebook sieht und Albrecht Dürer wird als Champion der Viralität porträtiert. Schwerpunkt liegt beim Liebeswahn im 21. Jahrhundert – mit einer Fotostrecke über exzessive Junggesellenabschiede in Prag. Na dann.

Ein Gedanke zu “Grenzwächter blockieren die Ökonomie des Teilens – Mein bescheidener Beitrag in der The European-Frühjahrsausgabe

Kommentar verfassen