Was kommt nach dem Konzern-Kapitalismus? Hoffentlich endlich eine Ökonomie der Beteiligung – Eine Re-Replik auf Telepolis

Netzökonomie braucht Anti-Streber
Netzökonomie braucht Anti-Streber

Thomas Michl machte mich freundlicherweise auf eine Replik zu meiner „New Business Order“-Kolumne aufmerksam, die gerade bei Telepolis erschienen ist.

Ohne klare Vorstellungen davon zu haben, wie eine Ökonomie nach der fordistischen Massenproduktion und ohne Investmentbanken aussehen könnte, könnte diese Reise in die digitale neue Welt in unwegsamem Gelände enden, meint der Autor Ludger Eversmann.

„Alles in allem: ganz wunderbar, die schöne neue digitale Arbeitswelt. Reicht das Arbeitsvolumen der digitalen Arbeitswelt zu Vollbeschäftigung? Hat sich schon mal jemand ausgerechnet, welches Arbeitsvolumen dann insgesamt für eine Volkswirtschaft dabei herauskommt? Wenn Jobs in den Banken wegfallen, in den fordistischen Industriefabriken, bei den Händlern und Logistikfirmen? Wie groß die Chancen dann im Schnitt sind, in dieser New-Business-Order zu den Gewinnern und zu den Beschäftigten zu gehören“, fragt sich Eversmann.

Man könne heute simulieren und berechnen, wie sich eine Ökonomie mit zu wenig Nachfrage und Beschäftigung entwickelt: sie „kippt um“, sie pendelt sich nach einer unruhigen Phase von Stagnation ein in ein stabiles Stadium von „Unterbeschäftigungsgleichgewicht“, mit einem stark reduzierten Lebensstandard, schreibt Evermann.

Aber welche Simulationsrechnungen sollen das sein? Sind es die ökonometrischen Modell der Wirtschaftsforschungsinstitute, die noch nicht einmal in der Lage sind, das jährliche Wachstum zu prognostizieren und die Bäume – also Unternehmen, Verbraucher, Akteure des Staates etc. – nicht vom Wald unterscheiden können. Wer eine Volkswirtschaft nur in Aggregaten berechnet, sieht alles und nichts. Welche volkswirtschaftlichen Wirkungen disruptive Innovationswellen auslösen, können leider auch die Glaskugel-Ökonomen nicht berechnen. Insofern kann ich die Forderung nach „klaren“ Vorstellungen über eine Post-Fordistische-Ökonomie verstehen, beantworten kann ich sie nicht. Können es die Makroökonomen? Sie scheitern in schöner Regelmäßigkeit als Konjunkturforscher und als Konjunkturpolitiker.

Einzelne Unternehmer, Firmen, Branchen und Konsumenten verschwinden leider aus dem Blickfeld der Simulationsrechner. Die Rolle von Innovationen werde heruntergespielt, bemängelte der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter, der sich mit seinen konjunkturpolitischen Abhandlungen leider nicht aus dem Schatten von John Maynard Keynes lösen konnte.

Also wird es wohl schwierig sein, das Zukunftsszenario der Netzökonomie eineindeutig zu beschreiben. Nicht so schwierig ist es, die Status quo-Darstellung von Eversmann zu widerlegen, denn da braucht man sich nur die Wirtschaftsstatistiken der vergangenen Jahrzehnte anschauen. So schreibt er:

„Wenn man nun so eine New-Business-Order-Ökonomie mal einfach machen lassen würde, wird sich dieses komplizierte System der großen globalisierten Ökonomie vermutlich nicht so verhalten, wie die digitalen Revolutionäre sich das vorstellen – denn es sind heute genau diese fordistischen Großunternehmen, die teilweise hunderttausenden Menschen eine geregelte, planbare und sichere Existenz ermöglichen. Sie sind damit ein Stabilitätsfaktor in der Ökonomie, der den jungen Wilden ermöglicht, sich in den bestehenden Maschen und Freiräumen auszutoben.“

Welche sicheren Inseln des Fordismus meint er denn? Die Mannesmann AG, die von Vodafone zerbröselt wurde, die Arbeitsplätze der Schwerindustrie, die im Ruhrpott nicht mehr existent sind oder generell das produzierenden Gewerbe in Deutschland mit der Auslagerung der Produktion? Ich werde jetzt die Daten aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht noch einmal repetieren. Das Statistische Bundesamt bietet diese Datensätze schön übersichtlich an. Von planbaren, geregelten und sicheren Existenzen kann doch in der Konzernwelt niemand mehr sprechen. Aber auch diese Welt kann man liquider, demokratischer, menschlicher und transparenter gestalten, um auf die normativen Forderungen des Telepolis-Publizisten einzugehen.

Und genau da liegt ja der Schwerpunkt meiner Abhandlungen über die Netzökonomie. Verkrustungen aufbrechen, mehr Dialog mit der Öffentlichkeit, Kunden an der Gestaltung von Diensten und Produkten beteiligen, Finanzierungen auf Augenhöhe mit den Unterstützen realisieren, jeden Schritt seines ökonomischen Tuns erklären, Lieferketten und die Produktionsbedingungen der Herkunftsländer offenlegen über entsprechende Portale (war heute Schwerpunkt der Bloggercamp.tv-Sendung), das Arbeitsleben nicht nach Befehl und Gehorsam gestalten, strukturschwache Regionen mit neuen Arbeitsmodellen aufleben lassen, alte Manufakturen mit modernen Vertriebsmethoden revitalisieren, personalisierte Beratungen leisten, die neuen Anforderungen der Wissensberufe schon in der Schule auf den Lehrplan setzen, Startup-Kultur auch in Großunternehmen leben und, und, und.

Hier liegen wohl mehr Chancen als Risiken. Wenn ich also von einer vernetzten Ökonomie schreibe und rede, dann meine ich nicht irgendeine nerdige Gadget-Trallala-Wirtschaftsordnung, sondern eine Ökonomie der Beteiligung, die diesen Namen auch verdient. Dieser Umbruch ist möglich – schon jetzt – auch in den traditionellen Großunternehmen.

Hier geht es zu meiner Kolumne.

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