Suada, Slipper-Mania, hektische Betriebsamkeit und ein digitales Dasein auf Edge-Niveau

Denkt doch mal nach, Ihr Heizdeckenverkäufer (Foto aus dem Band: 8 Minutes - Hirse & Bailey, Steidl-Verlag)

Man kann die digitale Bräsigkeit der deutschen Positionselite natürlich auch so betrachten wie Weltamsonnabend-Blogger Michael Sonnabend.

„Gunnar Sohn hat eine schöne Suada über die deutschen Versäumnisse in der Netzökonomie abgelassen. Brandbriefe dieser Art – so berechtigt sie sein mögen – langweilen mich allerdings immer mehr. Denn die ganze Welt ist voll davon. Und immer sind die die Deutschen kurz vor dem Kollaps“, soweit kann ich dem Stifterverbands-Mitarbeiter noch folgen.

Vom drohenden Kollaps habe ich aber nichts geschrieben, sondern von strukturellen Defiziten, die auch mit der IT-Gipfel-Rhetorik der Kanzlerin nicht vom Tisch gewischt werden und sich auch volkswirtschaftlich negativ auswirken könnten. Es wäre mehr möglich, so zitiere ich beispielsweise den Booz-Technologieexperten Roman Friedrich. Von Verrottung, German Angst oder dem drohenden Untergang spreche ich nicht. Das ist eine Weltamsonnabend-Interpretation.

Eher von der Lutschpastillen-Politik der Großen Koalition, die sich mit ihrer digitalen Agenda in ministeriellen Zuständigkeits-Rangeleien verzetteln wird, wie das bei bislang allen Online-Projekten des Bundes gelaufen ist.

Beachtlich finde ich allerdings die Sonnabend-Replik in der Kommentarspalte seines Blogs:

„Man muss ja nicht gleich in hektische Betriebsamkeit verfallen, nur weil wir in manchen Landstrichen nur Edge zur Verfügung haben.“

Damit kontert er meine Ausführungen über die Landflucht in strukturschwachen Gebieten. Aber welche hektische Betriebsamkeit entfaltet sich da? Und was heißt denn „manche“ Landstriche? Zwischen 2002, dem Jahr des Bevölkerungshöchststandes, und 2008 haben 202 von 413 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr als ein Prozent ihrer Einwohner verloren. In dem gleich langen Zeitraum zuvor traf das nur auf halb so viele Kreise zu. Diese lagen vorwiegend in Ostdeutschland, das nach der Wende erhebliche demografische Verluste zu verbuchen hatte. Gegenwärtig verliert bereits etwa ein Drittel der westdeutschen Kreise Bevölkerung. Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.

Nur zur Erinnerung meine Passage zur Landflucht:

Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete in Deutschland, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren. Besser wäre es, über Cloud-Arbeitsplätze dezentrale Organisationen aufzubauen und die negativen Folgen von Landflucht sowie Überalterung abzumildern. Aber selbst mit flexiblen Arbeitsmodellen gibt es Probleme, wie Thomas Dehler von der Gesellschaft für Telearbeit im Interview mit dem Manager Magazin skizziert. Für Cloud-Belegschaften benötige man eine Datenleitung mit mickrigen sechs Megabit. „Doch selbst dieses bescheidene Surftempo erreichte nur ein Teil der 700 qualifizierten Bewerber im südlichen Brandenburg, das die Berliner Firma als Pilotregion avisiert hatte. Und selbst die 80 Kandidaten, die Dehler schließlich einstellte, verzeichneten immer wieder technisch bedingte Fehlzeiten“, berichtet das Manager Magazin.

Wenn also schon solche Arbeitsmodelle nicht funktionieren, die man technologisch recht schnell umsetzen könnte, wie sollen sich dann neue Betriebe in diesen Gegenden ansiedeln? Die Edge-Philosophie von Sonnabend hilft da nicht weiter. Selbst in der Industrie sieht man das kritischer: So fordert Bosch-Chef Volkmar Denner eine neue Kultur des Scheiterns, will mehr ausprobieren, sich an….Google & Co. orientieren und stärker wie ein Startup ticken.

“Alle Produkte, in denen Elektronik steckt, müssen internetfähig sein”, so das Credo von Denner.

Im Aufsichtsrat und unter den Altvorderen des Konzerns versteht ihn wohl keiner so richtig.

Bosch gelinge es nicht, sein Tempo neuen Geschäftsmodellen anzupassen. Aufträge durchliefen viel zu oft “Endlos-Schleifen in der Zentrale“.

Oder der Kommentar von Carsten Knop in der FAZ zur Software der Welt. Über das Digitalisierungstempo der Industrie kann man unterschiedlicher Meinung sein. Eine andere Frage sei wohl schon entschieden. Nämlich die, wer für die Software im Auto zuständig sei.

„Denn die Betriebssysteme kommen immer häufiger von amerikanischen Konzernen wie Apple, Google, Microsoft oder Blackberry. Die deutschen Maschinenbauer sollten diesen Siegeszug der Amerikaner im Auto als Menetekel verstehen: Wenigstens die Steuerung für die Maschinen im industriellen Internet muss aus Deutschland kommen. Die Uhr tick“, schreibt Knop.

Das ist schlichtweg eine Handlungsaufforderung. Not more, liebwertester Michael Sonnabend. Abstiegsplatz für die Netzökonomie meint nicht die Ökonomie im Ganzen. Und netzökonomisch schaffen wir dann hoffentlich die Relegation.

2 Gedanken zu “Suada, Slipper-Mania, hektische Betriebsamkeit und ein digitales Dasein auf Edge-Niveau

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