Romantischer Industriekapitalismus und Anti-Streber-Bekenntnisse

Industrieschild

Auf Carta und Facebook laufen gerade sehr nette Streitgespräche zu meinen Ergüssen über die Positionselite in Wirtschaft und Politik.

Das geht von romantischen Positionen über die vermeintliche Industriestärke Deutschlands bis Frage über die Sinnhaftigkeit des mobilen Arbeitens. Zu diesen Themen habe ich nun in der Vergangenheit eine ganze Menge geschrieben, Interviews geführt, Studien recherchiert, Zahlen geprüft, öffentliche Debatten angestoßen. Und Streit gehört einfach dazu.

Im Diskurs zum Lob auf die heile Bürowelt finde ich aber dieses Video recht eindrücklich. Ist auch wieder nur so ein Aspekt am Rande. Aber wer sagt denn, dass die Art unserer Zusammenarbeit in Unternehmen so verlaufen muss wie zu Generaldirektor-Zeiten:

Zur Frage der Industrieromantik bringt Wolf Lotter immer noch die schönsten O-Töne 🙂

Zur Notwendigkeit der digitalen Infrastruktur:

Zur Netzwerk-Ökonomie:

Aber man soll ja nicht nur mosern, die digitale Inkompetenz der politischen und wirtschaftlichen Elite beklagen oder den Status quo beweinen. Es gibt auch Stimmen im Land, die die richtigen Konsequenzen aus der Veränderung des Wirtschaftslebens ziehen. Zu ihnen zählen Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen, die in ihrem Opus „New Business Order“ (Hanser Verlag) dokumentieren, wie die von vielen belächelte unternehmerische Start-up-Szene Wirtschaft und Gesellschaft verändert.

Die Ökonomie der Selbermacher braucht keine BWL-Lehrsätze

Was die beiden Autoren schreiben, wird den Prozess-Gurus, Powerpoint-Strategen und den Change-Managern mit ihren Innovations-Lippenbekenntnissen nicht gefallen. Prozessoptimierer, die mit ihren auswendig gelernten BWL-Lehrsätzen zunehmend ins Leere greifen, müssen erkennen, dass sich in einer vernetzten Welt alles sehr leicht kopieren lässt. Jeder benutzt die gleichen Tools und die gleiche Software. Natürlich können wir von Bits und Bytes nicht leben. Wir brauchen auch in Zukunft Energie, Finanzdienstleistungen oder Lebensmittel, aber eben keine Energiekonzerne, Banken oder Supermarktketten im alten Stil.

Etablierte mögen den Trend zur Jedermann-Ökonomie noch belächeln, der über 3-D-Drucker und Mitmach-Technologien im Social Web ausgelöst wird. Vor ein paar Jahren war es technologisch ohne große Anstrengungen noch nicht möglich, aus dem Stand Bewegtbilder live zu übertragen. Heute reicht eine App wie Bambuser und schon geht das Livestreaming ohne Ü-Wagen und Sendezentrum los. Zwar alles noch recht stümperhaft, aber auch hier professionalisiert sich die Netzszene in einem rasenden Tempo. Mit entsprechender Software wird sich das auch bei der Produktion über 3-D-Drucker abspielen. Mit Scannern ist es jetzt schon möglich, jedes Objekt zu replizieren oder zu veredeln. Man sollte solche Szenarien konsequent zu Ende denken, um nicht wieder mit den üblichen Pöbeleien auf die Verwerfungen des Internets zu schimpfen und Schutzgesetze einzufordern.

Die weltweit organisierten Wertschöpfungsketten lösen sich nach und nach auf.

„Wenn Produkte immer seltener in Asien massenproduziert, sondern in Deutschland nach Bedarf und individuell gedruckt werden, betrifft das nicht nur den Produzenten, der sich fragen muss, welche Rolle er in diesem Wertschöpfungsprozess noch spielt. Es betrifft genauso den Händler, egal ob stationär oder online. Es betrifft die Unternehmen, die heute per See- oder Luftfracht die Logistik für die Warenlieferungen koordinieren und ausführen, und schließlich die Logistikfirmen, die in Deutschland die Lagerung und die sogenannte letzte Meile – den Weg zum Endkunden – bedienen“, schreiben Giesa und Clausen.

Die Verwerfungen treten ein, wenn zehn, 20 oder 30 Prozent des Marktes wegbrechen oder von neuen Unternehmen erobert werden.

Schlechte Zeiten für provisionsgeile Banker

Auch die überschlauen und provisionsgierigen Manager in den Investmentbanken bekommen ihr Fett weg. Firmengründer müssen nicht mehr vor der Macht der Banker erzittern und schweißgebadet ihre „Business-Pläne“ erläutern, um dann die Gnade der Finanzierung zu erfahren. Sie sprechen direkt mit ihren Kunden über Crowdfunding-Plattformen und überzeugen ihre Unterstützer von der Sinnhaftigkeit ihres neuen Dienstes oder Produktes. Die Transaktionskosten sind minimal, die Barrieren für den Einstieg der Investoren gering und das Risiko überschaubar. Wird das Projektziel nicht erreicht, geht der Betrag an die Unterstützer zurück. Viele kleine Beträge können einen gewaltigen Effekt erzeugen. Giesa und Clausen verweisen auf das Hamburger Start-up Protonet, das für das Einwerben einer Darlehenssumme von 200.000 Euro gerade einmal 48 Minuten und insgesamt 216 Kreditgeber brauchte. Bei der Geschäftsbank wäre das Unternehmen wohl nicht zum Zuge gekommen oder hätte schlechtere Konditionen in Kauf nehmen müssen.

Wer mit Open-Source-Projekten und einer Kultur der Beteiligung sozialisiert wurde, wird mit der Krawattenfraktion im Konzernkapitalismus wenig anfangen können. Das gilt auch umgekehrt. Deshalb ist es so rührend, wenn die Elite von Wirtschaft und Politik auf sündhaft teuren Kongressen von der digitalen Revolution überzeugt werden soll mit irgendwelchen Schockmeldungen über traditionelle Branchen, die kurz vor dem Untergang stehen. Die Halbwertzeit dieser Botschaften hat ungefähr die Wirkung von Filmen über die Amputation von Raucherbeinen. Sie reicht bis zur nächsten Kaffeepause, in der man sich in aller Gemütlichkeit einen Glimmstängel anzündet und die Chefsekretärin am Handy zusammenscheißt, weil sie den Rückflug nicht schon umgebucht hat.

Management-Gichtlinge hängen am Rockzipfel des Industriezeitalters

Wer mit BWL-Diplom oder MBA-Abschluss ins Arbeitsleben eintaucht, erfreut sich nach wie vor an den Spielregeln des alten Kapitalismus. Position bedeutet Macht, um Prozesse zu steuern, Budgets festzulegen, Ressourcen zu planen, von Synergien zu schwafeln, sich gut und weltweit führend aufzustellen, Zeit in Strategiemeetings zu verplempern und kritische Mitarbeiter rauszufeuern. Die Arbeits- und Wirtschaftswelt hängt immer noch am Rockzipfel des fordistischen Industriezeitalters (Maschinenbau und so….).

Die dezentralen Jedermann-Technologien der Digitalisierung bewirken sogar eine Verhärtung im Establishment: Man klammert sich fester an die warme Schürze einer überkommenen Denkschule. Die traditionellen Organisationen wirken auf die Netzszene wie gallische Dörfer, die nicht aufhören wollen, einem übermächtigen Eindringling Widerstand zu leisten, betonen die Buchautoren Giesa und Clausen. Auf die liebwertesten Gichtlinge des Konzern-Kapitalismus mit ihren Slipper-Schühchen sollte man keine allzu großen Hoffnungen mehr setzen. Selbstorganisation ist angesagt:

„Wenn Selbständigkeit bis vor einigen Jahren noch bedeutete, dass man viel alleine arbeitete, bieten virtuelle und reale Netzwerke, Projektgruppen und Gemeinschaftsbüros heute eine Vielfalt an Kooperationsmöglichkeiten und den täglichen Kontakt zu Gleichgesinnten. Die neuen Strukturen sind keine steilen Organisationsdiagramme, sondern breite Netzwerke aus Schnittstellen“, so Giesa und Clausen.

Nicht Untergebene werden gesteuert, sondern Märkte, Aufgaben und Inhalte, Kooperationen mit Mikrounternehmern, vernetzte Kunden, gleichgestellte Mitgründer und Unterstützer, mit denen man auf Augenhöhe spricht. Zudem lernt man das Scheitern. Acht oder neun Projekte gehen vielleicht in die Binsen. Beim zehnten Ding hat man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und erntet die Früchte beim Auf-die-Schnauze-Fallen. Wie fördert man diese Mentalität, um dem kritischen und vernetzten Nachwuchs adäquate Inhalte zu bieten: durch „ANTI-STREBER-STIPENDIEN“!

Gibt es nicht? Doch. An der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Hier geht es nicht um das Auswendiglernen irgendwelcher Controlling-Weisheiten, sondern um interdisziplinäres Universitätsleben. Etwa bei einem zweisemestrigen Forschungsvorhaben zu Energie, Architekturen, Katastrophen oder Revolutionen im ersten Studienjahr. Vamos. Viva la Revolución digital, so das Motto des Internet Magazins. Richtig so. Siehe auch: VOM NIEDERGANG DER SLIPPERSCHUH-MANAGER.

Und wie erfolgreich wir bei der Vermarktung unserer Grundlagenforschung sind, dürfte ja auch bekannt sein: Man sollte einen Steve Jobs an die Spitze von Fraunhofer stellen.

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