Gibt es neue Eliten im Social Web, die den Ton angeben?

Wer sind die neuen Meinungsmächtigen?
Wer sind die neuen Meinungsmächtigen?

Gestern habe ich mich ja mit der sinkenden Deutungsmacht der alten Eliten bei der Bildung öffentlicher Meinung beschäftigt. Das wird in meiner morgigen The European-Kolumne vertieft. Die Frage sei erlaubt, ob die alten Machtstrukturen und Meinungsmacher sich in irgendeiner Form über Wasser halten. Können die Offline-Taktgeber auch online den Ton angeben? Wenn sie nicht in den Dialogmodus umschalten, wird das schwer fallen:

„Man kann diese beiden Debatten der digitalen Kommunikation leicht verschneiden und wird dabei feststellen: womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Frage, wem Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Geld geben und der Frage, ob Journalisten mit ihren Lesern reden und auf deren Anmerkungen reagieren sollen“, schreibt etwa Dirk von Gehlen.

Wenn die etablierten Journalisten das Gespräch mit der Netzöffentlichkeit nicht suchen, profitieren andere Meinungsmacher, die sich nicht bequem zurücklehnen und auf Kommentare mit Nichtbeachtung reagieren. Sozialwissenschaftlich wären aber andere Fragen interessanter:

Gilt auch im Social Web das berühmte Pareto-Gesetz der 80/20-Verteilung? Ziehen also 20 Prozent aller Knoten im Netz 80 Prozent aller Links auf sich? Wo sich Vielfalt, Ungleichheit und Abweichungs-Verstärkung verkoppeln, stellt sich die 1897 von Vilfredo Pareto entdeckte Verteilung ein, die man in einfachster Mathematik durch die Formel y = 1/x abbilden kann.

Oder wie es der Millionär Gunter Sachs etwas deftiger ausdrückte:

„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.

Im Netz gibt es aber sehr viele 80/20-Verteilungen mit sehr geringen Schnittmengen. Systemingenieure, die sich über Netzwerke austauschen, unterscheiden sich von der Gaming-Community oder von Koch-Fans. Die politischen Netzaktivisten haben kaum Zugang zu den Stars der Youtube-Szene. In all diesen Netzwerken könnte Pareto mit seiner Formel fündig werden – nur den einen großen Haufen gibt es nicht mehr. Die liebwertesten Elite-Gichtlinge der Republik müssen halt etwas bescheidener auftreten oder alternative Beschäftigungen zur Ego-Pflege suchen – Golf, Mensch-ärgere-Dich-nicht oder Pullover stricken. Gibt es nun eine neue deutungsmächtige Elite, die sich im Netz etabliert und gelten die alten Mechanismen der Meinungsbildung auch im Internet? Wer dazu empirische Befunde hat, kann sie gerne live bei Bloggercamp.tv oder in ichsagmal-Inteviews via Hangout on Air vorstellen. Würde mich freuen.

10 Gedanken zu “Gibt es neue Eliten im Social Web, die den Ton angeben?

  1. Zerfaserung ist doch gut. Woher nehmen denn die Stichwortgeber oder Agenda Setter ihre Autorität? Das ist Wissensanmaßung.

  2. „Eliten“ ist immer so ein vorbelastetes Wort, auch wenn ich Deine Verwendung hier nachvollziehen kann. Ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass die sozialen Medien keine alten Eliten abschaffen werden sondern vielmehr neue ergänzen. Ob wir die digitale Elite jetzt Influencer, Netzphilosophen oder sonstwas nennen ist dabei egal.
    Im nonprofit-Bereich, wo ich arbeite, wächst die Erkenntnis bei vielen Organisationen in Deutschland sehr langsam, welche Chancen auf system- und hierarchieübergreifende Zusammenarbeit das Netz bietet. Die gewachsenen und teils künstlich geschaffenen Abgrenzungen sind groß, aber es bewegt sich was. Ein Beispiel hierfür ist das opentransfer-Projekt, was wir gemeinsam mit der Stiftung Bürgermut und dem Bundesverband organisiert haben und das ganz wunderbare Brücken geschaffen hat. Übrigens am 9. Mai in Köln wieder am Start.

  3. Hallo Peter, Du sagst es. In Organisationen dominieren künstliche und konstruierte Barrieren, die intern und extern die Zusammenarbeit erschweren. Eigentlich kein Geheimnis, eigentlich schnell zu ändern. Aber es geht eben auch um Macht. Und da werden wir uns noch lange mit dem Beharrungsvermögen der „alten“ Eliten herumschlagen. Wir könnten zur Kölner Veranstaltung mal einen Vorbericht bei Bloggercamp.tv mit Dir zusammen machen, wenn Du Lust hast. Sendung ist ja immer Mittwoch. Wir könnten das vier Wochen vorher aufgreifen.

  4. Gunnar, da leite ich gern an den verantwortlichen Kollegen weiter, der das Projekt leitet und sowohl am Ebook beteiligt war als auch allen bisherigen Veranstaltungen. Melde mich via twitter oder g+

  5. Pingback: Poppy Blogs statt massenmediale Reichweiten-Logik | Ich sag mal

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