Vollpfosten-NSA und dadaistische Datenoffensive

Lasst uns mit der NSA spielen
Lasst uns mit der NSA spielen

Wie viele Vollpfosten, Dummschwätzer, unterbelichtete Politologen, wichtigtuerische Spione und paranoide Aktenknechte sitzen wohl in den Sicherheitsdiensten von BKA, NSA & Co., die sich selbst verwalten, krampfhaft nach äußeren Feinden fahnden und innere Feinde im Kollegenkreis, in der Familie und bei Freunden vermuten? Jeder verdächtigt jeden. Ein ewiger Kreislauf, der sich aus einem grundlosen Misstrauen speist und auf öffentliche Finanzmittel wie ein Schwarzes Loch wirkt.

Wenn es allerdings um strategischen Sachverstand, Intuition, Kombinatorik, politischen Spürsinn und Recherchefähigkeit ankommt, versagt das Schlapphut-Idiotensystem kläglich. Einen kleinen Einblick in die Einfältigkeit der staatlich alimentierten Sicherheits-Gichtlinge liefert ein Bericht des US-Senats, der leider in der Öffentlichkeit noch nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen hat. Die NZZ hat die Untersuchung heute als Aufmacher auf Seite 1 gebracht – sehr löblich:

„Eine Kommission hatte den nächtlichen Angriff einer wütenden Menge auf die amerikanische Vertretung in Benghasi untersucht, bei welchem der Botschafter zu Tode kam. In den Monaten vor der Attacke hatten die Geheimdienste Hunderte von Hinweisen gegeben, dass libysche Milizen und Terroristen Anschläge auf westliche Botschaften planten. Sie machten zwar keine konkreten Angaben über Ort und Zeit der bevorstehenden Ausschreitungen, doch liess der Tenor der Meldungen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Warum also geschah nichts“, fragt sich die NZZ.

Warnungen wurden ignoriert, CIA-Aussenposten waren nicht bekannt, Spione und Diplomaten kommunizierten nicht ausreichend miteinander. Wir reden hier nicht über das Versagen der Geheimdienst-Bubis vor dem 11. September 2001, sondern über ein Geschehen im September 2012!

Zwei Schwachpunkte in der Terrorabwehr wollte die amerikanischen Regierung nach dem Anschlag auf das World Trade Center eigentlich beseitigen:

„…den mangelnden Austausch der Behörden und das Unvermögen, die zahlreichen auf eine bevorstehende Terroraktion hindeutenden Einzelinformationen zu einem aussagekräftigen Gesamtbild zusammenzufügen. Ein Jahrzehnt später dasselbe Urteil – zurück auf ‚Los‘, und das, nachdem allein die Regierung Bush rund 500 Milliarden Dollar (!!!!!!gs) in die Nachrichtendienste gepumpt hatte. Das jährliche Budget aller Dienste wuchs von 25 auf 85 Milliarden und der Personalbestand auf geschätzt 210.000 Zivilisten und Soldaten. In den meisten Nato-Staaten sind die gesamten Streitkräfte kleiner als Amerikas labyrinthische Geheimdienst-Community„, schreibt die NZZ in klaren Worten.

In ihrer penetranten Sammelwut können CIA, NSA und sonstige geldverschwenderische Überwachungsbehörden die Bäume vor lauter Wald nicht mehr erkennen. Selbst mit den modernsten und teuersten Analyse-Werkzeugen wie Big Data, Data-Mining, Spracherkennung, Trojanern und sonstigem Spionage-Spielzeug sind sie nicht in der Lage, mit der Datenflut umzugehen. Die von Algorithmen extrahierten Beziehungsmuster sagen nur dann etwas aus, wenn Analysten in den Sicherheitsbehörden die richtigen Schlüsse aus dem Material ziehen – und dann greift halt das Idioten-Syndrom.

„Die NSA behauptet zwar, sie müsse erst einmal einen Heuhaufen haben, um darin eine Stecknadel zu finden. Doch liegt der Verdacht nahe, dass sie angesichts der schieren Masse des gespeicherten Materials oft nur digitale Friedhöfe anlegt“, schlussfolgert die NZZ.

Die Spionage-Gadgets spucken eben nur Daten aus und kein nützliches Wissen – dafür braucht man Geistkapital – das verschweigen die Big Data-Apolegten in Staat und Wirtschaft gerne. Man könnte sonst ihre Daseinsberechtigung anzweifeln.

„Aus Sicht des amerikanischen Steuerzahlers ist dies der eigentliche Skandal: Mit gewaltigen Mitteln wurde eine Bürokratie gemästet, deren Aufwand in zweifelhaftem Verhältnis zum Ertrag steht“, so die NZZ.

Mit testosteron-gesteuerte Gigantismus überfrisst sich die NSA mit Bits und Bytes. Und genau hier liegt die Sollbruchstelle. Im Daten-Moloch verliert man schnell den Überblick und produziert undichte Stellen.

Auch die Nachrichtendienste seien nicht mehr uneingeschränkt Herr ihrer Rechner, meint die NZZ. Edward Snowden habe vermutlich mehr amerikanische Geheimnisse preisgegeben als Aldrich Ames und Robert Hanssen, die sowjetischen Maulwürfe in CIA und FBI. Der nimmersatten NSA-Datenfressmaschine sollte man mit einer dadaistischen Datenexplosion das Maul stopfen.

Man könnte den NSA-Nasen sinnentleerte Botschaften schicken, die NSA-Hotline in eine Warteschleifen-Krise stürzen, NSA-Einrichtungen einer Dauerbeschallung mit dem Technolied von Blümchen aussetzen, NSA-Briefkästen mit PET-Flaschen-Leergut vollstopfen und an die NSA-Zentrale billige Spionage-Kugelschreiber mit Fotos von Dieter Bohlen schicken. Erfreuen wir die NSA-Analysten mit Big Data-Schabernack im Stil der anarchisch-surrealistischen Partei von Jón Gnarr. Mit der Bestu Flokkurinn – die Beste Partei – trat er zur Wahl als Bürgermeister von Reykjavík an und gewann.

„Was immer sich die konkurrierenden Parteien als Wahlversprechen einfallen ließen, er überbot es und gab so die Versprecher der Lächerlichkeit preis, versprach einen Polarbären für den Reykjavíker Zoo, einen Disney-Park und transparente Korruption – und er versprach, alle Wahlversprechen sofort wieder zu brechen“, schreibt mein Wortspiel-Radiokollege Wolfgang Schiffer in einer Besprechung des neuen Gnarr-Buches „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!

Das Motto von Gnarr sollte man ernst nehmen:

„Der wahre Sieger des Spiels ist für mich der, der am meisten Spaß dabei hat…“

Das gilt auch für das Spionage-Spiel. Wir haben mehr Ressourcen, mehr dadaistische Daten und mehr Einfälle, um die Luschen in den Sicherheitsdiensten in den Wahnsinn zu treiben.

Das neue Buch von Michael Seemann müsste daher auch heißen „Das neue Spiel mit dem Kontrollverlust“.

5 Gedanken zu “Vollpfosten-NSA und dadaistische Datenoffensive

  1. Pingback: Nadelstiche gegen die NSA oder: Den Sack prügeln, um den Esel zu treffen | Ich sag mal

  2. Pingback: Spionage-Neuland für Fuck-the-EU-Nuland – Wie lange noch agiert Europa als schafsköpfiger Einfaltspinsel? | Ich sag mal

  3. Pingback: NSA-Komplizen sind die Schwachstellen im System der Massenausforschung | Ich sag mal

  4. Pingback: Sensationelle Big Data-Erkenntnis: Wassermänner neigen zu Angina Pectoris | Ich sag mal

Kommentar verfassen