Bio-Gesinnung ist nicht immer öko-logisch

Landidylle
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Ich möchte mich jetzt überhaupt nicht in die Debatten um industrielle Landwirtschaft, Bio-Landbau, vegane Ernährung und ökologisch korrektes Verhalten einmischen oder zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Allerdings stört mich an diesen Streitigkeiten häufig der Besserwisser-Modus.

Bevor man also sein besseres Bewusstsein zur Schau trägt, sollte man doch in aller Bescheidenheit das eigene Verhalten überprüfen. Es reicht halt nicht aus, das Richtige zu proklamieren, den wohlbehüteten Nachwuchs mit pestizidfreiem Karottenmus im Mehrweg-Glas zu ernähren und Toiletten mit Wasser-Spartaste zu bevorzugen. Es gibt auch Menschen, die verhalten sich unbewusst und ohne missionarischem Eifer höchst ökologisch. Wer zum Österreichurlaub mit der Bahn fährt, Pfälzer Riesling statt importierten Pinot Grigio trinkt, seine Socken stopft, im Hochhaus wohnt und mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, verhält sich ökologischer als die übliche Schlaumeier-Klientel, die im Öko-Feinkostladen einkaufen geht, exotische Fernreiseziele mit dem Flugzeug ansteuert, fremde Kulturen und unberührte Natur genießen will (die dann nicht mehr unberührt ist), im tropenholzfreien Designerbett nächtigt, Balsamicoessig auf den Salat tröpfelt, Aloe vera auf die Haut schmiert und als Berufspendler mit Energiespar-Haus in ländlicher Idylle im Turbodiesel-Volvo täglich die moralische Überlegenheit im Berufsverkehr-Stau dokumentiert.

Wer Tropenholz boykottiert und nicht gleichzeitig den Kahlschlag für Ölpalmen- oder Gummibaum-Plantagen verhindert, sollte sich fragen, warum er Latex-Produkte noch ökologisch bewertet. Wer in Latex-Gamaschen auf Sylt über die Steuerabzugsfähigkeit von Spenden an WWF & Co. sinniert, hat nichts begriffen. Auch Naturkosmetik auf Palmölbasis killt den Regenwald. Genauso fragwürdig ist das Bedürfnis, Brot nur mit Amaranth zu backen und den Importweg aus Südamerika aus dem Hirn zu streichen.

Hinter der Öko-Premium-Image-Fassade verbirgt sich häufig Eulenspiegelei. Etwa bei Biokunststoffen, die höchst unerwünschte „Neben-Eigenschaften“ aufweisen. Sie sind leicht entflammbar und sehr reaktionsfreudig mit Wasser. Deshalb werden sie mit weiteren Polymeren und Zusatzstoffen kombiniert. Um sie formbar zu machen, setzt man Weichmacher und Plastifizierungsmittel wie Sorbit oder Glycerin ein. Eine wasserabweisende Wirkung entsteht durch die Zugabe von Polymeren wie Polyester. Wie soll dieser Cocktail umweltschonend abgebaut werden? Es ist daher kein Wunder, wenn die Bioplastik-Lobby den kostspieligen Aufbau von Sortier- und Recyclingsystemen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt.

Um die tatsächliche Umweltbelastung festzustellen, müssen alle relevanten Umweltauswirkungen entlang des gesamten Lebensweges vom Abbau der Rohstoffe – inklusive Hilfsstoffe und Energieträger, über die Transportwege bis hin zur Entsorgung betrachtet werden.

Die Möglichkeit der Kompostierung bringt keine Umweltvorteile und ist in der Praxis nur schwer umsetzbar. Die privaten und kommunalen Kompostwerke in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz, die Kompost mit hoher Qualität herstellen, sind wenig begeistert von der Diskussion über „kompostierbare“ Kunststoffe. Ziel der Kompostierung ist der möglichst rasche und verlustarme Abbau der organischen Ursprungssubstanzen und gleichzeitig der Aufbau stabiler, pflanzenverträglicher Humussubstanzen.

Dass ein Werkstoff biologisch abbaubar ist, bedeutet noch lange nicht, dass diese Umwandlung in einem Rotteprozess der technischen Kompostierung tatsächlich im gewünschten Ausmaß erfolgt. Aus gutem Grund rät die Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK) davon ab, „Bioplastik“ in die Biotonne zu werfen. Mit rund zehn Wochen liege die Behandlungszeit von solchen Stoffen deutlich über dem normalen Biomüll. Teile des Bioplastiks tauchen deshalb im Kompost als Fremdstoffe auf, verschlechtern die Qualität und erschweren die Vermarktung. Öko-logisch? Nee. Wer mal genauer auf die Bioplastik-Verpackungen schaut, wird erkennen, dass die Hersteller Sätze im Konjunktiv bevorzugen. Informationen, wo denn nun eine Kompostierung stattfindet, verschwinden in irgendwelchen Wortblähungen und dem Pyromanen-Hinweis, dass diese Biokunststoffmasse zumindest „thermisch“ verwertet werden können. Schon klar.

Nähern wir uns der Landwirtschaft: Wie fällt die Ökobilanz bei „natürlichen Pflanzensorten“ aus, die von den Biobauern eingesetzt werden? Stichwort Mutationszüchtungen, die durch Strahlung oder Chemikalien das Erbgut massiv verändern. Wie viele künstliche Gene aus der Atomwirtschaft kamen zum Einsatz, um die Nutzpflanzen zu verändern? Wir reden hier also nicht über Gentechnik, sondern über „natürliche Pflanzensorten“.

So natürlich sind diese Pflanzensorten nämlich nicht: Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner sind durch künstliche Selektion genetisch veränderter Grassamen entstanden. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik.

Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen Verfahren wie Räuchern oder Pökeln zurückgedrängt haben. Plastikversiegelung, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel „entfremden“, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit.

Die „unberührte“ Natur taugt wenig zur sanften Erbauung von Stadtbewohnern. Durch tödliche Getreidepilze in der Nahrung wurden in den vergangenen Jahrhunderten ganze Landstriche entvölkert. Die Pasteurisierung der Milch wurde nicht eingeführt, weil sich profitgeile Konzerne bereichern wollten. Sie war vielmehr gesundheitlich dringend geboten, um eine Übertragung der Tuberkulose zu verhindern. In der Nachkriegszeit wurden aus diesem Grund in einer bis dahin beispiellosen Aktion erkrankte Kühe geschlachtet und tuberkulosefreie Bestände aufgebaut. Wer heute zu „unverfremdeter“ Rohmilch greifen möchte, soll das tun. Mediziner aber raten ab: Unbehandelte Rohmilch kann mit dem berüchtigten EHEC-Bakterium verunreinigt sein.

Wer also über die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion lästert, sollte zumindest die Vergangenheit nicht glorifizieren oder verzerren. Ein Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte die Sinne schärfen. Wie sah die Pro-Kopf-Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland aus? Wie hoch war die Lebenserwartung? Wie viele Menschen sind an Mangelernährung gestorben? Und welche Bevölkerungskreise waren davon betroffen und welche nicht?

Und dann hätte ich da noch ein paar Fragen, die mir vielleicht die großen Naturkost-Firmen beantworten können – also Rapunzel und Co.. Wie hoch ist die Importquote an Vorprodukten, die bei der Lebensmittelproduktion zum Einsatz kommen? Aus welchen Ländern werden diese Vorprodukte importiert? Und wie werden die ökologischen Standards in diesen Ländern sichergestellt? Wie werden die Vorprodukte angeliefert (Schiff, Flugzeug und LKW) und was für Transportentfernungen haben diese Vorprodukte auf dem Buckel?

Und warum ist noch mal in den 90er Jahren das Mehrwegsystem der Naturkost-Hersteller für pestizidfreien Karottenmus, Tomatensaft und Hönig von glücklichen Bienen zusammengebrochen? Und warum konnten nur mickrige ein bis zwei Umläufe der „Mehrweg-Gläser“ erreicht werden, für die sich jeder Bierbrauer schämen würde. Öko-logisch?

Und dann würde mich noch interessieren, wie viel industrielle Massenfertigung in der ökologischen Landwirtschaft steckt, denn schließlich kann ich Bioprodukte schon in jedem Discounter in Deutschland kaufen?

Vielleicht könnten ja die Agrarblogger meine Fragen heute Abend schon mal aufgreifen und weiter diskutieren:

9 Gedanken zu “Bio-Gesinnung ist nicht immer öko-logisch

  1. Uwe Freese

    Lobby-Arbeit ist eben alles. Und wie man sieht – eben alles nur Augenwischerei und gut für´s Gefühl der Konsumenten. Wir wollen doch nicht wirklich wissen was woher kommt und was wo drin steckt.

  2. Toller Artikel Gunnar, das werden wir am nächsten Mittwoch in den beiden Agrarrunden sicher ansprechen. Heute ist erst Mal #AgChatDE dran. Da geht es vornehmlich darum, wie Landwirte und Verbraucher Twitter und neue Medien zum Dialog nutzen können. Twitter eignet sich dafür sehr gut, weil kurz und auch vom Smartphone aus nutzbar. Mit Marcus Höltkötter haben wir einen Landwirt in der Sendung, der das perfekt beherrscht.

  3. Hat dies auf Die Agrar-Blogger rebloggt und kommentierte:
    Steilvorlage von Gunnar Sohn für die Diskussion in unserer Sendung am Mittwoch um 16:00 Uhr. Erklärt sehr schön den Unterschied zwischen Bio-Gesinnung und ökologischem Verhalten.

  4. Hallo Gunnar, deine Argumente sind nicht falsch, man muss schon gut hinsehen, was man tut. Ich hatte aber das Gefühl, dass du alles und alle in einen Topf schmeißt, was meiner Meinung der Lage nicht gerecht wird. Mal sehr vereinfacht könnte man zwischen zwei Grundausrichtungen bei den Käufern von Bio-Lebensmitteln unterscheiden. Die einen, die es primär tun, weil sie denken, sie würden sich gesünder ernähren und die anderen, die es aus ökologischen Gründen tut.

    In der ökologisch ausgerichteten Bio-Szene kenne ich viele Menschen, die zum Beispiel auf Auto und Flugreisen verzichten, ihr Essen über regionale Bezugsquellen in Foodcoops, Gemüsekisten und Bioläden besorgen, die ihre Anziehsachen ökologisch oder zweiter Hand kaufen, die umweltbewusst heizen, ihr Geld zur GLS-Bank, Triodos oder einer anderen ökologisch ausgerichteten Bank geben, die ihren Strom bei Greenpeace, EWS Schönau oder anderen Ökostromanbietern beziehen und so weiter.

    Ich war ja auch in Berlin bei der „Wir haben es satt!“-Demo und mein Eindruck war, dass ich die Teilnehmer dort Mehrheitlich zu den bewussten und ökologisch ausgerichteten Menschen zählen würde. Bei diesen Menschen sehe ich auch das politische und gesellschaftliche Engagement.

    Wenn wir auf „Wir haben es satt!“ schauen, dann wurde dort meinem Empfinden nach nicht missioniert oder gegen Landwirte gewettert, sondern es ging ja vor das Kanzleramt, um an einem zentralen politischen Ort gesellschaftlich und politisch aktiv zu werden.

    Wie du auch richtig feststellst, die Trennung liegt nicht primär zwischen bio- und konventionell (dort liegt sie nur für die „Ich habe Angst vor Pestiziden“-Käufer). Bei der schon seit Jahren und aktuell geführten Debatte um eine ökologischere Ausrichtung der Agrarpolitik und Landwirtschaft geht es um eine Ausrichtung der Politik und eine Bewegung der Gesellschaft hin in Richtung: nachhaltig, ökologisch, fair, regional, Vielfalt fördernd, kleinteilige Systeme in der Lebensmittelerzeugung.

    Ich habe schon mal zwei Videos geschnitten vom letzten Wochenende
    a) Slow Food auf der „Wir haben es satt!“ Demonstration http://youtu.be/0VH_lFfp-Ko
    b) Schnippeldisko (Protestsuppe für „Wir haben es satt!“) http://youtu.be/X7hgF-73YRU

    Artikel dazu auch auf http://salatwerkstatt.de

    Es folgen ein Video über die Demo selbst mit Stimmen von Bauern, die dabei waren und Rednern sowie ein Video mit einem Gespräch mit der Landwirtschaftsexpertin vom BUND.

  5. Es gibt sehr gute empirische Studien über das Reiseverhalten in Korrelation mit politischen Grundhaltungen, Marek. Wir könnten ja mal einen Test machen und Du erläuterst Dein Konsumverhalten und wir schauen dann mal etwas genauer in die Ökobilanzen, wie gut Du abschneidest. Meine Fragen und Anmerkungen zu Mutationszüchtung, zur Importbilanz der Naturkost-Hersteller, zur Frage der gesunden Ernährung heute und gestern und zu vielen Aspekten, die ich angesprochen habe, fehlen Antworten. Ich möchte auch keine Pauschalurteile abgeben, sondern dazu aufrufen, Schein und Sein etwas genauer zu hinterfragen. „Ich kenne viele Menschen“-Aussagen sind kein belastbarer Befund.

  6. Es geht mir auch nicht um eine empirische nachgewiesene belastbare Aussage. Sondern ich wollte darauf hinweisen, dass es eben Menschen gibt, die sich über die Zusammenhänge und Hintergründe, die du richtiger Weise ansprichst, Gedanken machen und versuchen ihr Leben danach auszurichten. Die Differenzierung fehlt mir in deinem Artikel und deshalb ist bei mir der Eindruck entstanden, dass du recht viele verschiedene Aspekte und viele verschiedene Menschen über einen Kamm scherst. Die vielen einzelnen Themen sind, alle durchaus wert diskutiert zu werden, der Sinn, hier alles zusammenzupacken, erschließt sich mir aber nicht.

  7. Ich habe gar keine Menschen in irgendeinen Topf geworfen oder über einen Kamm geschert, sondern Dinge angesprochen, die man in ökologischen Fragen bedenken muss. Eine Anregung zur Diskussion und weiteren Recherche. Nur Fakten interessieren mich.

  8. Verstehe jetzt deinen Ansatz im Artikel. Der hatte sich mir nicht gleich erschlossen, weil ich selbst in der aktuellen Diskussion um Landwirtschaft und ökologische Wirtschaftsweisen keinen misssionarischen Eifer erlebt habe, sonder eine Auseinandersetzung in der Tiefe, wie du sie oben ansprichst. Das mag aber auch an meinem Umfeld liegen und dass ich keinen Fernseher habe ;-).

    Für mich war eine initiale Veranstaltung das Umweltfestival Auftakt 93 in Magdeburg mit Sternradtour aus ganz Europa. Daraus sind spannende Projekte entstanden, die auch bis heute wirken. Es gibt dazu auch eine Dissertation, die beschreibt, was daraus entstanden ist. Die ökologische Bewegung wirkt auch heute in der aktuellen Diskussion um eine nachhaltigere Landwirtschaft mit.

    Wegen der angesprochenen Fakten möchte ich noch eine aktuelle Publikation nennen, die sich mit der ökologischen Wirkung unserer Ernährungsweise auseinandersetzt: Toni Meier: Umweltschutz mit Messer und Gabel – Der ökologische Rucksack der Ernährung in Deutschland, Oekom Verlag, 2014.

  9. Danke für den Hinweis auf das Buch von Meier. Werde ich mir besorgen. Umweltschutz mit Messer und Gabel ist sicherlich ein Aspekt in dieser Gemengelage. Aber noch wichtiger ist es, an den Stellschrauben zu drehen, die vor dem Konsum kommen – also die Produzentenverantwortung und die Rolle des Handels – was ich in meinem Text mit diesem Satz unterstreichen wollte: Um die tatsächliche Umweltbelastung festzustellen, müssen alle relevanten Umweltauswirkungen entlang des gesamten Lebensweges vom Abbau der Rohstoffe – inklusive Hilfsstoffe und Energieträger, über die Transportwege bis hin zur Entsorgung betrachtet werden.

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