Vernetzung statt Hierarchien: Ob sich das in Deutschland durchsetzt?

Virtualisierung und Vernetzung
Virtualisierung und Vernetzung

Aus hierarchischen Unternehmen werden Netzwerke. Das proklamiert zumindest der kanadische Management-Professor und Buchautor Don Tapscott im Interview mit der FAZ. Er will nicht mehr vom Informationszeitalter sprechen, sondern vom
„Zeitalter der vernetzten Intelligenz“ mit einer Verschiebung zu Kollaboration und Partizipation:

„Generell verschieben sich Organisationen von eher vertikal integrierten Modellen, von Befehl und Kontrolle oder von Hierarchien hin zu offeneren Netzwerkmodellen. Und diese Entwicklung macht vor keiner Institution in unserer Gesellschaft halt. Organisationen beginnen sich zu öffnen. Die Talente, die eine Organisation benötigt, findet sie heute außerhalb ihrer eigenen Grenzen.“

Diese Veränderungen betreffen Regierungen, das Finanzsystem, die Medien, Schulen, Universitäten und die öffentlichen Transportdienstleister.
Produktiveres Arbeiten heiße in Netzwerkstrukturen nicht unbedingt, dass man härter arbeitet oder mehr Ideen je Stunde generiert. „Es bedeutet, dass wir lernen, besser zu kooperieren. Der Metabolismus der Arbeit erlangt ein höheres Niveau, wenn Sie den Rest der Welt beteiligen“, sagt Tapscott gegenüber der FAZ.

Es gebe dabei keinerlei Widerspruch zu produktiven und innovativen Produktionsfirmen, da sie ebenfalls Wissensorganisationen sind.

„Nehmen wir das Design oder die Produktion eines Automobils. Beides geschieht heute in Netzwerken. Und deutsches Engineering war immer gut darin. Engineering auf einem professionellen Niveau ist immer Wissensarbeit. Und diese vollzieht sich neuerdings immer in Netzwerken“, erläutert der Management-Professor und verweist auf Local Motors in den Vereinigten Staaten. Diese Firma verfügt über 5000 Designer. Mit allen ist nur über das Internet verbunden. „Sie hat 30 Produktionsstätten und stellt Mitarbeiter aus den Regionen für die Bedürfnisse der regionalen Kunden bereit.“

Selbst Maschinen werden über die Vernetzung intelligenter, sie optimieren und regulieren sich selbst. Ob die deutsche Wirtschaft auf die Vernetzung und Virtualisierung der Ökonomie gut vorbereitet ist, steht auf einem anderen Blatt. Siehe auch: Bosch und das Vorgangsverfolgungssystem – Internet der Dinge mit Hängeregister.

Wie wird sich nun die Arbeitswelt konkret ändern? Die Fraunhofer-Wissenschaftlerin Dr. Josephine Hofmann spricht von virtuellen Führungsfähigkeiten in neuen Team-Konstellationen, die sich aus der Zusammenarbeit in einer virtualisierten Welt herauskristallisieren. So könne beispielsweise bei der Videokommunikation über die Moderatoren-Rolle die Interaktion in Unternehmen beflügelt werden. Über E-Mail und Telefon dominiert hingegen die klassische Arbeitsteilung:

„Es ist sehr mühsam, über einen reinen Audiokanal zu diskutieren. Teilnehmer gehen auf Tauchstation, beschäftigen sich mit anderen Dingen oder sind genervt. Als Moderator hat man keine Chance, dagegen etwas zu machen oder auf die Stimmungslage einzugehen“, berichtet Hofmann von den Ergebnissen einer Vergleichsstudie ihres Instituts.

Am Ende benötige man eher einen Kommando-Stil, um überhaupt Ergebnisse zu erzielen. Bei audiovisuellen Gesprächen sei das anders. Man komme zwar nicht schneller zu Arbeitsergebnissen, aber die Qualität ist wesentlich besser. 70,2 Prozent der Teilnehmer gaben zu Protokoll, dass bei Einsatz von Videokonferenztechnik eine höhere Motivation und mehr Engagement in der Team-Diskussion zu verzeichnen war, da jeder Teilnehmer das gleiche Dokument vor Augen hatte und man sich im Gegensatz zu Telefonkonferenz und E-Mail gegenseitig sehen konnte.

59,6 Prozent der Teilnehmer sagten, dass die Visualisierung des Diskussionsobjekts und die Sichtbarkeit aller Teilnehmer eine offenere Diskussion gestattet – auch weil man sieht, wer sich zu Wort melden möchte.

73,9 Prozent der Teilnehmer vermerkten, dass die direkte und persönlichere Kommunikation via Video zu einer positiveren und damit entspannten Arbeitsatmosphäre führte. Für Neun von zehn Probanden ist eine positive und entspannte Arbeitsatmosphäre essentiell, um komplexe Teamaufgaben bewältigen zu können.

Telefon und E-Mail schneiden bei diesem Kriterium schlecht ab. 81 Prozent der Studienteilnehmer vertreten die Meinung, dass mit diesen Instrumenten Aufgaben nur aufgeteilt, aber nicht gemeinsam gelöst werden. Mit der integrierten Plattform sei man gemeinsam zu einer Lösung gekommen.

„So lautete unsere Schlussfolgerung, dass die Zusammenführung von Video, Ton und gemeinsam bearbeiteten Dokumenten in der integrierten Kollaborationsplattform Teamarbeit als echten Gruppenprozess ermöglicht. Unterm Strich bedeutet das: die ‘um den Tisch’ versammelte Intelligenz wird voll ausgeschöpft, Teilnehmer fühlen sich integriert und schalten darum auch nicht so schnell ab”, betont Hofmann.

Der Wissensaustausch über virtuelle Plattformen befördert eine Kultur des Teilens und beflügelt das kollaborative Arbeiten – ein Vorteil für dezentrale Organisationsmodelle. Die dafür notwendige Kommunikationskompetenz der Führungskräfte ist nach Erkenntnissen von Fraunhofer aber in fast allen Unternehmen und in der Management-Ausbildung ein eher unterbelichtetes Thema:

„Eine erweiterte Medien- und Inszenierungskompetenz wird nicht vermittelt. Das sollte aber die gleiche Relevanz bekommen wie die Technologie“, fordert Hofmann.

Am Mittwoch werden wir diese Themen bei Bloggercamp.tv in unserer 11 Uhr-Sendung vertiefen: Wenn Unternehmen in der Cloud verschwinden – was natürlich metaphorisch gemeint ist.

Diskutiert bitte kräftig mit.

Siehe auch: Das Ende der allwissenden Fachleute. Bei mir lief das vor ein paar Jahren unter der Überschrift: Sind wir nicht alle Idioten? Vom Niedergang der Experten-Deutungsmacht.

Entwicklungsland Deutschland: 90 Prozent nutzen Twitter nie, 60 Prozent Facebook.

Eine App für fast alle.

5 Gedanken zu “Vernetzung statt Hierarchien: Ob sich das in Deutschland durchsetzt?

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