Bosch und das Vorgangsverfolgungssystem – Internet der Dinge mit Hängeregister


Androiden erobern nicht nur Autos, sondern Kühlschränke, Waschmaschinen - und das ist kein Mythos.

Androiden erobern nicht nur Autos, sondern Kühlschränke, Waschmaschinen – und das ist kein Mythos.

Meine Kolumne über die Industrie 4.0-Schläfrigkeit der deutschen Wirtschaft hat ja einige Geister aufgescheucht. Obwohl die provokative These, ob Google nun das neue Bosch sei, ja eher metaphorisch gemeint war. Schaut man aber etwas genauer hinter die Kulissen, dann ist an der These mehr dran, als einigen Führungskräften in Deutschland lieb sein kann.

Etwa der Google-Kauf von Nest Lab:

„Während bei uns wild an komplexen Netzwerkplänen für das Internet der Dinge gebastelt wird, nehmen die Amis den vernetzten Kunden als Ausgangspunkt für die Entwicklung von smarten Services. Und sie nehmen sich einen Markt nach dem anderen vor, anstatt alles mit allem vernetzen zu wollen. Der entscheidende Unterschied ist die Denke: Die einen sind geprägt durch ihre langjährige Erfahrung als Hardware-Hersteller, Nest dagegen greift wie ein Internetunternehmen Märkte an, in denen sich in den letzten 50 Jahren nichts fundamental geändert hat“, schreibt etwa Smarter Service-Blogger Bernhard Steimel.

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Tony Fadell, ehemaliger Apple-Manager und „Vater des iPods“ gehe mit einem ganz anderen Mindset an die Sache als die von Ingenieurskunst getriebenen Hersteller. Auf der LeWeb erläuterte er die Strategie und wie Menschen durch mobile Apps beginnen, sich mit ihrem Energieverbrauch aktiv auseinanderzusetzen.

„Insofern ist es nicht verwunderlich, dass nach dem Thermostat- nun der Brandschutzmelder-Markt auf der Abschussliste steht. Das ‚Wie‘ hat er bei Apple gelernt: Schöne Produkte, die das Leben einfacher machen. Statt komplizierter Steuerung wird die einfache, elegante und spielerische Bedienung per App zum Dreh- und Angelpunkt jedes Service Designs. Dabei wird auch mit ein paar Ärgernissen bei den Brandmelder aufgeräumt: Bei Fehlalarm muss man nicht erst auf die Leiter klettern, sondern kann mit einer eleganten Handbewegung den nervigen Ton abschalten“, so Steimel.

Nest schaffe mit seinen Thermostaten und Brandschutzmeldern vernetzte Services statt komplizierte Geräte mit Netzanschluss. Das werde für die Haushaltsgeräte-Industrie so disruptiv wirken wie das iPhone für die Mobilfunker.

„Wenn Bosch & Co. auch zukünftig in diesem Geschäft eine führende Rolle spielen wollen, müssen die Unternehmen das Nutzenversprechen für die nächste Ära ihres Geschäfts neu entwickeln und dürfen dabei nicht linear denken, sondern müssen lernen wie Internet-Startups zu denken“, fordert Steimel und hat damit den wunden Punkt beim industriellen Musterschüler Bosch getroffen, wie die Januar-Ausgabe des Manager Magazins untermauert.

Bosch ist leider nicht Google

Bosch ist leider nicht Google

Der Chef des Technologiekonzerns sei im Schlagzeilengewitter der Wirtschaftspresse. Volkmar Denner brauche als Chef der Traditionsfirma dringend frischen Wind.

Letztlich ist es das fein sortierte Gedächtnis seines legendären Vorgängers Hermann Scholl, das symbolhaft die Probleme des Industrie-Giganten beschreibt. Dokumente im DIN-A4-Format, in Kladden abgelegt und im Hängeregister verstaut. Das Ganze trägt den kafkaesken Namen „V O R G A N G S V E R F O L G U N G S S Y S T E M“ im Stil einer bürokratischen Superbehörde:

„Der Fundus steht stellvertretend für Boschs vielleicht größte Stärke: eine Fachkompetenz, die so breit und so tief ist wie bei keinem anderen Autozulieferer. Genauso symbolisiert er die vielleicht größte Schwäche: seine Bürokratismen, seine Langsamkeit“, schreibt das Manager Magazin.

Der Bosch-Chef fordert eine neue Kultur des Scheiterns, will mehr ausprobieren, sich an….Google & Co. orientieren und stärker wie ein Startup ticken. „Alle Produkte, in denen Elektronik steckt, müssen internetfähig sein“, so das Credo von Denner. Im Aufsichtsrat und unter den Altvorderen des Konzerns versteht ihn wohl keiner so richtig.

Bosch gelinge es nicht, sein Tempo neuen Geschäftsmodellen anzupassen. Aufträge durchliefen viel zu oft „Endlos-Schleifen in der Zentrale. Es gebe für Bosch derzeit keinen großen Wurf, konstatiert das Manager Magazin. Google kauft halt Nest und Samsung baut einfach das Betriebssystem Android in die Elektronikprodukte ein – von der Waschmaschine bis zum Kaffee-Vollautomaten, wie der Ex-IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck süffisant bemerkt.

Industrie 4.0 sei vor allem eine dezentral-intelligente, vernetzte, kooperative Industrie, Technik ist dafür „nur“ der Enabler – wobei Enabler wie Android oder Robobook fundamental wirken können, stellt Winfried Felser fest. Wir machen es in Deutschland eben schön kompliziert, statt komplex zu denken und einfache Lösungen auf dem Markt zu etablieren. Mit meiner Kolumne liege ich also gar nicht so falsch – leider.

Am Mittwoch, um 11 Uhr, können wir das Thema bei Bloggercamp.tv vertiefen. Da geht es um Unternehmen, die in der Cloud verschwinden. Diskutiert Ihr mit?

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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10 Antworten zu Bosch und das Vorgangsverfolgungssystem – Internet der Dinge mit Hängeregister

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

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  2. Pingback: Vernetzung statt Hierarchien: Ob sich das in Deutschland durchsetzt? | Ich sag mal

  3. Pingback: Das lernende Haus - Wenn der Rauchmelder sprechen und sehen kann › Schleeh.de

  4. AmloresSn schreibt:

    come back when at home

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  5. Andreas Herzo schreibt:

    Klar, wenn es Bosch nicht gelingt, sein Tempo neuen Geschäftsmodellen anzupassen, also komplex zu denken, auch einfache Lösungen auf den Markt zu etablieren, statt nur zu komplizieren, wie in Deutschland noch oft üblich, dann wird es für Bosch auch keinen großen Wurf geben!

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  6. Miquel schreibt:

    Everything is very open with a clear explanation of the challenges. It was really informative. Your website is very helpful. Thank you for sharing!

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  7. Quincy schreibt:

    Aw, this was an exceptionally nice post. Spending some time and actual effort to create a top notch article… but what can I say… I hesitate a lot and never manage to get nearly anything done.

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  8. Pingback: Google macht Zukunft – auch in der Industrie: Und Deutschland? | Ich sag mal

  9. Pingback: Das lernende Haus – Smart Home – schleeh.de

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