Good Night, NSA: Es wird ein neuer Murrow kommen


Prävention

Selbst ein enger Berater von US-Präsident Obama, der Snowden idiotischer Weise immer noch als Geheimnisverräter tituliert, wähnt sein Heimatland auf dem Weg in den Überwachungs- und Polizeistaat.

Ohne Snowden wäre die Debatte über den NSA-Verdachtstotalitarismus allerdings gar nicht zustande gekommen und der Berater hätte seine Bedenken über die Sicherheitspolitik seines Landes nicht zum Ausdruck bringen können. Aber das muss dieser Mann mit sich selbst ausmachen.

In meiner Reaktion auf den Essay von Sascha Lobo brachte ich noch einmal die unrühmliche Ära von Senator Joseph McCarthy ins Spiel, der in dem 1938 gegründeten Parlamentsausschuss zur Untersuchung sowjetischer Infiltration (House on Un-American Activities Committee – HUAC) mit der Übernahme des Vorsitzes ab 1950 die Treibjagd auf vermeintliche Kommunisten eröffnete. Man kann das mit der Zeit nach 2001 gut vergleichen. An die Stelle von Kommunisten setzt man jetzt „Terroristen“.

Auch auf die McCarthy-Ära reagierte die Öffentlichkeit mit Verzweiflung, ängstlicher Zurückhaltung, Schweigen oder gar Mitläufertum beim Anschwärzen von Andersdenkenden.

Im Untersuchungsausschuss herrschte ein scharfer und undemokratischer Kasernen-Ton. Man unterbrach die Erklärungen der Befragten – die eigentlich schon wie Schuldige behandelt wurden – und brüllte sie an:

„Sind Sie Kommunist. Ja oder Nein – antworten Sie!“

Jeder, der eine liberale Gesinnung zeigte oder in irgendeiner Weise aufmüpfig wirkte, wurde als Kommunist verdächtigt. Etliche Schauspieler, Drehbuchautoren und Literaten wurden denunziert. Willkürlich.

Viele Künstler mussten sich den Verhören des McCarthy-Ausschusses aussetzen, die sich teilweise über Jahre hinzogen. 1950 standen 400 Hollywood-Akteure auf einer Schwarzen Liste, was einem Berufsverbot gleichkam. Wenn es dennoch zu Auftritten in gesponserten Sendungen kam, riefen die Kommunistenjäger zum Boykott der Waren des Sponsors auf.

Charlie Chaplin wurde 1952 nach seinem England-Urlaub die Wiedereinreise in die USA verweigert. Seine Filme seien unmoralisch und damit unamerikanisch – ein Treppenwitz, wenn man bedenkt, wie Chaplin den Charakter des Nazi-Terrors satirisch entlarvte.

Es gab nur wenige Persönlichkeiten, die sich diesem Verdachtstotalitarismus der McCarthy-Ära entgegenstemmten. Zu ihnen zählt Humphrey Bogart, der von dem Anti-Kommunisten-Komittee angegriffen wurde und Kollegen mobilisierte, um als Zuschauer zu den Hearings nach Washington zu reisen und für mehr Bürgerrechte zu demonstrieren.

Aber auch das brachte McCarthy nicht zu Fall. Es war der New Yorker TV-Journalist Edward R. Murrow, der in seiner Sendung „See It Now“ am 9. März 1954 einen Frontalangriff auf Senator McCarthy startete. In seiner Abendsendung zeigte Murrow Filmteile mit den Reden des pharisäerhaften Patrioten. Zwischen jedem Filmausschnitt wies der mutige Kommentator nach, dass der Kommunistenjäger die Tatsachen verdreht und die Unwahrheit sagt. Die Grenze zwischen Untersuchung und Verfolgung seien schmal, so Murrow.

„Anschuldigungen sind keine Beweise. Wer uns überzeugen will, muss Beweise vorlegen und sich an die Gesetze halten…Dies ist nicht die Zeit, angesichts der Methoden von Senator McCarthy zu schweigen.“

Murrow war ein Meister des politischen Fernsehjournalismus: Er entlarvte den Kommunistenfresser als schreienden, hasserfüllten und besessenen Machtpolitiker. Die Ausfälle von McCarthy, die Murrow in seiner Fernsehreihe ausbreitete, führten letztlich Absetzung des Komitees und zur Demontage von McCarthy. Sein Image als furchteinflößender, unbesiegbarer Kämpfer fiel in sich zusammen. Seine quälenden Zwischenrufe „Mr. Chairman, Mr. Chairman“ und „Zur Tagesordnung, zur Tagesordnung“ wurden zum Gespött der Nation. Musikalisch festgehalten in dem Song: „Zur Tagesordnung, Baby. Ich liebe Dich.“

George Clooney ist es übrigens zu verdanken, den engagierten Journalisten Murrow wieder ins Gedächtnis zu holen. „Good Night, and Good Luck“ heißt der Schwarzweiß-Film, in dem Clooney nicht nur die Regie führte, er verfasste auch das Drehbuch und agiert als Darsteller in einer Nebenrolle vor der Kamera. Ich liebe diesen Film nicht nur wegen des politischen Inhalts, sondern auch wegen des exorbitanten Zigaretten-Konsums 🙂

Ein Denkmal für politischen Journalismus, wie er auch heute in der NSA-Affäre vonnöten ist. Das war in den USA möglich. In den 50er Jahren, in den 70er Jahren zur Watergate-Affäre und das ist auch jetzt möglich. Nicht Defätismus ist gefragt, sondern Haltung. Mein Vorbild ist Edward R. Murrow!

Siehe auch:

„Die Amerikaner haben uns belogen“

Kaum zu glauben: Ex-Innenminister Friedrich: „Ich hatte wichtigere Themen als die NSA-Affäre“

Der Niedergang der McCarthy-Ära zeigt, aussichtslos ist der Kampf überhaupt nicht: Nach dem NSA-Skandal: Auf in den aussichtslosen Kampf

Ende einer Illusion.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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2 Antworten zu Good Night, NSA: Es wird ein neuer Murrow kommen

  1. publikumfonds schreibt:

    Hat dies auf Publikumfonds's Blog rebloggt.

    Gefällt mir

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