Büro: Abschied vom Anwesenheitswahn fällt schwer – „Qualität ist keine Frage des Standorts“

Neue Arbeitswelten?
Neue Arbeitswelten?

Arbeiten in der Cloud, Netzwerkstrukturen, flexible Arbeitszeiten, weniger Stau im elenden Berufsverkehr und Abkehr vom Anwesenheitswahn, den die neue Arbeitsministerin Andrea Nahles fordert, sind wohl nur in kleinen Schritten umsetzbar. In deutschen Unternehmen, die noch nach der Industrielogik des Fordismus ticken, sieht die Realität anders aus.

Einer Zeitreihe zufolge, die das Statistische Bundesamt für die „Welt“ erstellt hat, lag der Anteil der abhängig Erwerbstätigen, die „manchmal“ oder „hauptsächlich“ im Homeoffice arbeiten, 2012 bei nur noch 7,7 Prozent. 1996, als die Werte erstmals ermittelt wurden, waren es 8,8 Prozent gewesen.

„Besonders seit 2008 ist die Zahl der Heimarbeiter rückläufig, sie nahm bis 2012 um 546.000 ab“, schreibt die Welt.

Über die Gründe könne nur spekuliert werden. Vielleicht seien ja die Beharrungstendenzen in der Wirtschaft größer als gedacht. Die Industriegesellschaft habe die Präsenzkultur mit sich gebracht und kann man nicht so einfach ändern. Das Motto „Ich sitze im Bürohaus, also arbeite ich“ scheint noch in den Köpfen vieler Arbeitgeber herumzuschwirren. Die formierten Angestellten sollen in greifbarer Nähe verharren, um sie unter Kontrolle zu halten – ob sie dabei in der Nase bohren oder irgendwelche Scheintätigkeiten verrichten, spielt keine Rolle.

„Dazu passt, dass in einer repräsentativen Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom aus dem vergangenen Jahr immerhin jeder vierte Arbeitnehmer fürchtet, es werde sein berufliches Vorankommen bremsen, wenn er seine Erwerbstätigkeit nicht unter den Augen seines Chefs verrichtet“, berichtet die Welt.

In manchen Organisationen gibt es sogar einen recht merkwürdigen und bizarren Wettbewerb, der selbst in Bundesbehörden vorherrscht:

„Wer zuerst den Firmen-Parkplatz mit seinem Auto verlässt, hat verloren“.

Da wartet man lieber noch ein Stündchen mit einem Tässchen Café in der Hand und schaut aus dem Bürofensterchen, bis sich der erste Angestellte erbarmt und das Bürogebäude verlässt.

„Da ist er, der Loser.“

Souveränität in der Arbeitswelt sieht anders aus. Der Wandel vom Konzern-Kapitalismus zur Netzwerk-Ökonomie, wie ihn Christian Papsdorf in seinem Opus „Wie Surfen zu Arbeit wird“ vor einigen Jahren skizziert hat, steht zumindest in Deutschland bei Arbeitgebern und Gewerkschaften nicht auf der Agenda.

Die Arbeitskultur verbessert sich durch diese starre Haltung mitnichten. Etwa in der Service-Branche, wie Thomas Dehler, Geschäftsführer von Value5 in Berlin bestätigt:

„Es fällt zunehmend schwerer, die besten Talente an nur einem Ort zu gewinnen. Bei der Rekrutierung von Mitarbeitern hält man sich häufig mit Verlegenheitslösungen über Wasser.“

Hinzu kommt, dass Mitarbeiter in Großraum-Büros unter einem enormen Leistungsdruck stehen und häufig mit Ellbogen-Mentalität gegenüber ihren Kollegen reagieren. Teamarbeit und Wissensaustausch bleiben auf der Strecke – auch wenn in der Öffentlichkeit das Gegenteil behauptet wird. Viele Dienstleister reagieren dennoch achselzuckend. Ein Achselzucken, das auch dem Verbraucher nicht verborgen bleibt.

„Entweder hört er es als Warteschleife, wenn während der Anrufspitzen nicht genügend Berater zur Verfügung stehen. Oder er hört das Achselzucken im Servicegespräch, wenn dürftig motivierte und unzureichend qualifizierte Berater nur unbefriedigende Antworten geben. Und an dieser Stelle bricht sich das Zufriedenheitsversprechen nicht selten das Genick“, betont Dehler.

Sein Unternehmen setzt auf Wort@Home – sozusagen Arbeiten in der Teamwolke. Vernetzung, Cloud Computing und Virtualisierung sind seit 2004 die technologischen Grundlagen für VALUE5, um elastische und atmende Service-Einheiten zu schaffen.

„Qualität ist keine Frage des Standorts – sondern der Talente. Durch den Abschied vom Standort-Denken gewinnt man die besten Talente dort, wo sie wohnen und leben“, so die Erfahrung von Dehler.

Das Thema greife ich in meiner Mittwochskolumne für „The European“ auf. Meinung gefragt 🙂

Am 22. Januar diskutieren in Bloggercamp.tv in der 11 Uhr-Sendung mit Experten über das Thema: „Wenn Unternehmen in der Cloud verschwinden – Über Trends der Netzwerk-Ökonomie“.

An der Qualität der Büro-Arbeitsplätze kann es wohl nicht liegen, dass so wenige Unternehmen auf Netzwerk-Strukturen setzen: Moderne Büros vernachlässigen den Faktor Mensch – Über Lichtsuppen und Lärmstress.

Mal schauen, was die Verteidigungsministerin in der Bundeswehr verändert.

12 Gedanken zu “Büro: Abschied vom Anwesenheitswahn fällt schwer – „Qualität ist keine Frage des Standorts“

  1. Ich glaube es ist Angst und Verunsicherung, sowohl auf Seiten der Arbeitenden als auch auf Seiten der Unternehmen. Wenn der Laden gut läuft und alle sich wohl fühlen, müsste die Quote steigen (Hypothese). Und die Zahl bezieht sich ja auf die ABHÄNGIG Beschäftigten. Viele Homeoffice-Leute sind aber ja prekär-selbständige Projektarbeiter: Genau davor haben die Leute vermutlich Angst, dass das HomeOffice nur der Zwischenschritt dahin ist.

  2. Kein Heimarbeiter

    Mir wurde beim Einstellungsgespräch als interner Coach und Berater erklärt, dass ich viel hnterwegs sein werde und den Rest der Arbeit von zu Hause aus erledigen kann. Auf meine Nachfrage zur Konkretisierung wurde dann das nötige Equipment aufgezählt, das ich dann am Arbeitsbeginn erhalten werde. Am ersten Arbeitstag wurde von der Geschäftsführung der Mkntag als unabdingbarer Bürotag deklariert. Und wie ist die Realität? „Wir bevorzugen lieber die kurzen Wege zur besseren Kommunikation.“ Oder als ich in einem Personalgespräch nachhakte „Kommt nicht in Frage, dass Sie zu Hause arbeiten. Da ist dann gar keine Kommunikation mehr möglich. Hatten wir alles schon gehabt.“ Als ich darauf fragte, was denn alles so noch mehr an Kommunikation, die ohnehin eher unregelmäßig und spärlich stattfindet, erwartet wird, kam die ehrliche Antwort „Ich will Sie in Ihrem Büro sitzen sehen, wenn ich die Tür aufmache. Nicht mehr und nicht weniger.“

    Traumhaft, wenn das Arbeitsverhältnis auf so einer Vertrauensbasis fusst.

  3. Kein Problem. Das ist aber die bittere Realität. Ist mir Ende der 90er Jahre, als ich noch Angestellter war, bei einem Technologiekonzern ähnlich ergangen. Mein Ansinnen, die Präsenztage im Büro mit Home Office-Tage zu kombinieren, wurde vom Personalchef vehement abgelehnt. Als Führungskraft könne ich mir das nicht erlauben. „Sie haben schließlich Personalverantwortung und da müssen Sie jeden Tag im Büro sein.“ Werde das bei Personalberatern recherchieren.

  4. In meinem Arbeitsalltag sehe ich exakt die hier beschriebene Tendenz: Wir rekrutieren Deutschlandweit und natürlich muss dank modernster Kommunikationstechnik niemand Haus und Familie verlassen oder mit Sack und Pack umziehen, um für uns arbeiten. Das entbindet uns auch, Kompromisse in Sachen Talente einzugehen. Auch ich bin HEILFROH, dass ich mir aussuchen kann, ob und wann ich ins Büro komme bzw. von zu Hause oder unterwegs aus arbeite. Erreichbar bin ich so oder so. Ich würde nicht mehr anders arbeiten wollen. Never!

  5. Qualität ist keine Frage des Standorts? Doch. Es ist durchaus belegt, dass besser und produktiver gearbeitet wird, wenn ein bestimmtes Setting vorhanden ist. Gibt es zuhause z. B. zu viele Ablenkreize, wirkt sich das erheblich auf die Arbeit aus.

  6. Ich hab das mal irgendwo Stechuhr-Mentalität genannt. Hinzu kommt – neben den mannigfaltigen Ausreden der Arbeitgeber -, dass es immer noch nicht überall Internet genügender Qualität gibt. (Und ich möchte auch nicht mehr anders arbeiten.)

  7. Natürlich ist Qualität eine Frage des Standorts. Nämlich des Standorts der Talente, die man rekrutieren will. Und genau da tun sich viele Organisationen mittlerweile schwer.

  8. Das genialste und faulste Organ zu gleich, ist das Gehirn.
    Es nimmt immer den leichtesten Weg um Energie zu sparen. Erst recht, wenn es sich nach diesem Grundprinzip entwickeln musste.
    „Ist es im Ursprung uns gegeben, die Talente aus zu leben, doch wird beim Kind schon wegradiert, was deiner selbst Kunst, garantiert.“
    Wir können nicht erwarten, dass eine in Gedankenströme gegossene Generation, noch selbst orientiert arbeiten, entwickeln, geschweige denn denken kann. Zu erst nehmen wir in den frühen Prägungsphasen an, dass es wichtig wäre unsere Erfahrungen mit Werten wie „Zeit, Geld und Egoismus“, zwanghaft als richtig zu vermitteln. Nehmen Kindern die Wahrheit des eigenen Talentes ab, um sie nach Erfolgsrezepten einer umwelt- und sozialvernichtenden Generation aus zu richten. Wenn nun unsere Zöglinge es geschafft haben, durch die „lehrenden Fehler such Systeme“ zu kommen, wird ihnen beigebracht, wie Bewerbungen verschönt werden. Somit entstand das Volk der „Dichter und Blender“.
    Und nun kommt der Heimarbeitsplatz, die große Gefahr für einen jeden ohne wirkliche Leistung. Hier spielt es keine Rolle, wie lange du bei Facebook bist und oder wie oft du sinnlos telefonierst. Das Ergebnis zählt.
    Die Mischung macht es, sie befriedet die selbst Orientierung, die Gleichstellung und Freiheit der Gedanken. Im zusammenarbeitenden Teil, werden alle ihre Puzzle an die richtige Stelle rücken und Spass an der Weiterentwicklung haben.

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