Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken bei der Lektüre


Tage des Lesens, Jahres des Schreibens
Tage des Lesens, Jahre des Schreibens

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so gibt Heinrich von Kleist den Rat, mit dem nächsten Bekannten darüber zu sprechen. Es brauche kein scharfdenkender Kopf sein, auch meint er es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest. Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen, schreibt Kleist in seiner kleinen Schrift „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Eine Technik, die ich in Hangout-Interviews immer wieder zur Anwendung bringe. Solcherlei Anregungen erhoffe ich mir auch für meine nächste The European-Kolumne über die Neo-Jakobiner und Diskurs-Tyrannen des Netzes.

Inspirierend sind auch unterschiedliche Recherche- und Lektüremethoden:

So fragt der Künstler Bazon Bock seinen Freund und Philosophen Peter Sloterdijk, wie er denn sein unglaubliches Lesepensum bewältigen würde. Brock selbst finde es “tollkühn” wenn er lesenderweise von Seite 2 auf Seite 3 komme. Sloterdijk bezeichnet seine Art des Lesens als “inhalatorisch”. Peter Weibel, Medientheoretiker und Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) hingegen liest nicht quer, er scannt die Bücher und braucht gerade mal 20 Minuten für ein Werk. Brock vergleicht die Einverleibung eines Buches mit der Einverleibung einer Mahlzeit. Ich selbst habe ja etwas vollmundig erklärt, der Recherche- und Lektüre-Methode des Religionsphilosophen Jakob Taubes zu folgen, der ein wichtiges Werk und eine zentrale Botschaft schon durch Handauflegen erkannte – ist mir bislang nicht gelungen 😉 Es war seine Art, die für ihn wichtigen Werke zu lesen. Er war ein Jäger des einen Satzes oder Wortes, in dem sich das Wesentliche des Geschriebenen kondensierte.

Brecht-Jahrbuch
Brecht-Jahrbuch

Bertolt Brecht fand mit sicherem Griff eine Vielzahl von Texten, die er gebrauchen, bearbeiten, verwerten konnte:

„Er hatte bekanntlich keine Scheu, sich die Lektüreerfahrung anderer nutzbar zu machen. Auf diese Weise akkumulierte er eine erstaunliche Menge Lesestoff“, schreiben Helmuth Lethen und Erdmut Wizisla im Brecht-Jahrbuch 23 (1997/98).

Roland Barthes und Lou Reed

Der französische Intellektuelle Roland Barthes lies in seinem Schreiben den äußeren Inhalt eines Buches völlig außer Acht zu lassen, so dass er die Bücher der anderen, über die er schrieb, auch gar nicht mehr von Anfang bis Ende las. Ein Buch sei nicht dazu da, um ganz gelesen zu werden, verkündet er, man müsse Passagen überspringen und nur „Teile daraus entnehmen, Schriftproben ziehen“, er selbst, gestand er, könne mit Ausnahme von Michelets nur von wenigen Autoren behaupten, sie ganz gelesen zu haben.

Das klingt nach dem “Netznavigator” Herder, der in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre entwickelte. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus.

Ähnlich lesen sich die Arbeiten von Barthes. Es sind Notizbücher, offen für alles, für Theorien und Phantasmen und Erzählungen und Materialien und Abschweifungen. Die Zusammenhanglosigkeit zog Barthes der Ordnung vor und konzentrierte sich auf das “Rauschen der Sprache”. Bücher zusammengesetzt aus kurzen, eruptiven Zwischen-Texten, Apercus. Es zeigt sein eigenes Leben als Stückwerk, als Sammelsurium von einigem Notwendigen und viel Zufälligem.

Welche Lektüretechnik wendet Ihr an? Könnte auch ein schönes Thema für Wortspiel-Radio sein.

Advertisements

Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

Es lebe die Diskussion!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s