Ritter, Retter und am Ende doch nur Blender: Über den Karstadt-Wunderheiler

Holtrop lauert überall
Holtrop lauert überall

Wie häufig setzt eigentlich noch das Erstaunen über die Schmalspurigkeit von Finanzinvestoren ein, die mit großen Sprüchen die Öffentlichkeit mit Beruhigungspillen versorgen, wenn sie angeschlagene Konzerne als selbsternannte Retter übernehmen? Da applaudieren in einer konzertierten Aktion sogar Politiker, hartgesottene Gewerkschafter, Betriebsräte und Mitarbeiter, wenn ein Ritter in seiner funkelnden Rüstung in Erscheinung tritt und von seinen Heldentaten berichtet.

Als Symbol dieser aalglatten Ikonen rhetorischer Leerformeln sehe ich Johann Holtrop, die Hauptfigur im gleichnamigen Roman von Rainald Goetz. Das Werk ist ein erschreckendes Panoptikum der Wirtschaftselite. Holtrop ist auswechselbar. Ein Schnösel und Wichtigtuer, der sich mit abgedroschenen Plattitüden durchs Leben boxt. Er erzählt überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.

„Holtrop selbst merkte nicht, wem er was nachplapperte, wo er sich bediente und von wem er was übernommen oder gestohlen hatte“, so Goetz.

Durch diese Defizite entstand die besondere mimetische Energie, „die Holtrop das von außen anverwandelte, was ihm fehlte.“ Er implantierte der Außenwelt seine Ideen, indem er sie kopierte und zugleich so manipulierte, dass sie seine Ideen für ihre eigenen hielten – ein begnadeter Blender.

Gestern konnte man noch Thomas Middelhoff mit Holtrop gleichsetzen. Sein Nachfolger beherrscht zur Zeit den gleichen Fall: Nicolas Berggruen, der als Karstadt-Wunderheiler vor zwei Jahren die Bühne betrat. Schon seine erste PR-Show hätte nachdenklich stimmen müssen, als er sich in einer Suite des New Yorker Carlyle-Hotels in einem Bademantel mit zwei Kuscheltieren auf dem Bett ablichten ließ. Sieht so ein bodenständiger Unternehmer aus, der die Ärmel hochkrempelt und alles versucht, einen angeschlagenen Tanker wieder auf Vordermann zu bringen? In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wird mit Berggruen abgerechnet:

„Nach der Karstadt-Übernahme wurde er als Messias gehandelt und als Altruist hingestellt. Nicolas Berggruen hat uns alle verführt, aber kein einziges Versprechen gehalten.“

Er habe kein Interesse an Materiellem, ließ Berggruen verlauten, aber eine emotionale Bindung an Berlin. Mich so einer solch dünnen Semantik-Sauce konnte sich der Deal-Maker eine Zeit lang über Wasser halten. Er erhielt Karstadt für den symbolischen Preis von einem Euro.

„Es gab 2010 keinen rationalen Grund für den überbordenden Optimismus, trotzdem waren alle froh, dass der Beschenkte das Geschenk annahm: der Konkursverwalter, die Gewerkschaft, die 25.000 Beschäftigten, die für Nicolas Berggruen auf 150 Millionen Euro Lohn verzichteten. Die Arbeitsministerin. Die Öffentlichkeit. Im Jahr 2010 ist der Messias hinabgefahren in die deutschen Innenstädte, so wurde Berggruen in den abendlichen Fernsehnachrichten betitelt. Essen weinte vor Glück. Und nun gibt es wieder Tränen“, so die FAS.

Die Berggruen Holding ist ein Gewinnmaximierer. Solche Läden arbeiten nach dem Wiesel-Prinzip. Berggruen habe unterm Strich in Karstadt kein eigenes Geld gesteckt. Millionen habe er im Gegenteil aus den Lizenzgebühren zurückerhalten, die der Konzern ihm für die Nutzung des eigenen Namens zahlt, da Berggruen daran die Rechte erworben hat.

„Von den 300 Millionen Euro Erlös aus dem Verkauf der Sporthäuser und des Luxus-Alsterhauses in Hamburg, dem Kadewe in Berlin und dem Münchener Oberpollinger, die offiziell ins Unternehmen fließen sollen, könnte dank zahlreicher Überkreuzbeteiligungen letztlich ein Gutteil auf Berggruens Konto landen“, führt die FAS weiter aus.

Man hätte sich auch die Frage stellen können, wie man aus einem Anfangskapital von wenigen Millionen über zwei Milliarden Dollar macht – also eine Steigerung um den Faktor 500? Davon kann jeder normal mittelständische Unternehmer noch nicht einmal träumen.
Es geht den Finanzinvestoren immer um kurzfristige Renditeziele, ohne selbst ein großes Risiko einzugehen. Im öffentlichen Diskurs, das zeigt der Fall Berggruen, haben wir wohl nichts dazu gelernt. Dabei sind die Methoden mehr als bekannt.

Seit dem Jahr 2000, als die rot-grüne Bundesregierung die Erlöse aus dem Verkauf von Unternehmen steuerfrei stellte, herrscht Handel mit Betrieben, bei dem sich auch die beteiligten Banker, Unternehmensberater und Anwälte eine goldene Nasen verdienen. Den Ablauf habe ich am Beispiel des Grüne Punkt-Müllkonzerns ausführlich geschildert.

Wie hoch sind eigentlich die Steuern, die Berggruen bislang für den Karstadt-Deal bezahlt hat? Müsste man mal recherchieren.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Herr Berggruen eigentlich in seinen eigenen Firmen? Beispielsweise in der „Nicolas Berggruen Holdings GmbH“ oder in der „Nicolas Berggruen Berlin Three Properties GmbH & Co. KG“, die in der edlen Fasanenstraße residiert? Auch da müsste man skeptisch werden.

Jetzt sollten Politik, Gewerkschaften und Betriebsräte endlich in einen anderen Modus umschalten. Die Zeit der Zärtlichkeit dürfte vorbei sein. Man sollte Berggruen zeigen, wozu eine Gesellschaft mit demokratischer Verfassung in der Lage ist, wo er doch in seinem Opus „Kluges Regieren“ für eine Expertokratie plädiert und China so toll findet. Wahlen könnten nach seiner Meinung „die Fähigkeiten der Gesellschaften untergraben, sich zu erhalten“. Auweia. So reden und schreiben sie, die Holtrops dieser Welt. Besser wäre wohl die Formulierung Hohl-Trops.

4 Gedanken zu “Ritter, Retter und am Ende doch nur Blender: Über den Karstadt-Wunderheiler

  1. grac

    Guter Beitrag. Der FAS-Artikel ist zwar sehr schön geschrieben, kommt doch aber im Grunde zu spät. Oder stützt er sich auf dramatisch neue Erkenntnisse? Gab es neben Heldenverehrung damals zur Zeit der Übernahme eigentlich auch kritische Artikel in der Wirtschaftspresse (FTD etwa)?

    In dem verlinkten Blogartikel zu Offshore-Leaks leistet du ja auch das, was eigentlich der Wirtschaftsjournalismus tun müsste. In einem Kommentar schriebst du damals: „Ich glaube nicht, dass die beteiligten Top-Manager und Milliardäre diese Aufdeckung ohne Blessuren überstehen würden.“ Wie siehst du diese Einschätzung 8 Monate später?

    Ich hoffe auf weitere Artikel im Neuen Jahr 😉 Guten Rutsch!

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