Wie berechenbar ist die Unberechenbarkeit? #Kontrollverlust #rp14 #Bloggercamp.tv

Wie planbar ist der Mensch?
Wie planbar ist der Mensch?

Das Schwerpunktthema „INTO THE WILD“ der Berliner Blogger-Konferenz re:publica 2014 ist gut gewählt. Von unterschiedlicher Seite wird suggeriert, dass wir über Algorithmen „wieder“ zu berechenbaren Wesen degradiert werden können. Das würde vielen wohl in den Kram passen – nicht nur den Apologeten des starken Staates. Ähnliches versprechen auch die Big Data-Vielschwätzer, die sich in der Beraterszene tummeln und mit ihren Analyse-Tools die eierlegende Wollmichsau versprechen.

Bedeutungsschwer wird von goldenen Social Web-Regeln, Patentrezepten im Marketing und der perfekten personalisierten Werbung gesprochen. Schaut man hinter die Kulissen der Zahlenschieber, bleibt häufig nur Dünnbrettbohrertum übrig. Beweise für ihre Allwissenheit liefern die Neo-Controlling-Gichtlinge des Netzes nur ungern. Bislang sind die Big Data-Gurus, Social Web-Tool-Gläubihgen, Targeting- und Reichweiten-Strategen meinen Einladungen zu Live-Demonstrationen via Hangout on Air ausgewichen. Das wundert mich nicht, da sie in der Regel alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen.

Dabei wäre es doch so einfach für die Alchemisten der Neuzeit, einen Blick in ihre Zauberküchen zu gewähren und Fallbeispiele direkt mit der Crowd zu besprechen. Vielleicht fürchtet man die Erkenntnis, dass die Nacktheit des Kaisers mit seinen neuen Kleidern allzu deutlich wird. Überprüfbarkeit von Modellen zu verlangen, ist Gift für die metaphysischen Schaumschläger. Ein wenig erinnert diese Anmaßung von Wissen der Big Data-Jünger an den Positivismus-Streit, den der Philosoph Karl Popper auslöste. Eine wissenschaftliche Haltung müsse kritisch sein, so Popper. Eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging, sondern kritische Überprüfungen suchte. Überprüfungen, die die Theorie oder These widerlegen konnten, die sie falsifizieren konnten, aber nicht verifizieren. Auch eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf ein Gesetz zu ziehen, das diese Verbindungen als kausal notwendig, ausnahmslos geltend und streng allgemein bestimmt.

Wer krampfhaft nur nach Bestätigungen von eigenen Modellen sucht, neigt zum Sektierertum und verdrängt die Fehlbarkeit seines Wissens. Es ist eine Welt des bloßen Scheins, die ausschließlich aus menschlichen Vermutungen besteht, die keinerlei Gewissheit bietet. Was Popper in seinem „Kritischen Rationalismus“ formulierte, war übrigens schon den vorsokratischen Philosophen wie Parmenides und Xenophanes vor rund 2.500 Jahren klar. Alles menschliche Wissen sei ein Raten: Es ist alles durchwebt von Vermutung.

Deshalb ist die „Forderung“ nach Unberechenbarkeit, die im Programmtext der re:publica auftaucht, recht eigentümlich, um es vorsichtig zu formulieren:

„Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden? Die Auflösung von Strukturen, das Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis eben, könnten Strategien sein. Aber wie finden wir uns dann noch zurecht, wie finden wir zueinander? Wie flüstert man im Netz und vor allem: mit wem? Wird nicht, wer ein freies, unkontrolliertes Netz fordert, umso mehr kontrollieren müssen, wer dabei sein darf und wer draußen bleiben muss?“

Kann man Unberechenbarkeit und den Kontrollverlust strategisch planen? Das ist absurd und widersprüchlich. Am Mittwoch diskutieren wir ja in unserer 16 Uhr-Sendung von Bloggercamp.tv mit Michael Seemann über sein Startnext-Buchprojekt „Das Neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust“. Da werde ich das Motto der #rp14 auch zur Sprache bringen.

In der ersten Bloggercamp.tv-Session um 11 Uhr ist wieder Drohnen-Zeit:

Siehe auch:

Über die trügerischen Verheißungen der Big Data-Hohepriester:

Vielleicht erleben wir auch nur die letzte Schlacht des Controllings, um in den Zeiten des Kontrollverlustes die alte Logik des Industriezeitalters in die vernetzte Welt zu retten. Die Schaffung von neuer Übersichtlichkeit im chaotischen Universum des Cyberspace. Der Wunsch nach Rückgewinnung der Deutungshoheit und die Sehnsucht nach maschinengesteuerten Entscheidungen auf dem Fundament der Ratio.

Big Data evoziert utopische wie auch dystopische Rhetorik. Es weckt Hoffnungen und Ängste vor Überwachung. Das eine Lager erträumt sich ein Himmelreich der Planbarkeit, das andere warnt vor dem Niedergang des selbstbestimmten Lebens.

Beide Fraktionen sitzen mit ihren Mutmaßungen im selben Schützengraben und glauben an die vermeintlichen Zahlen-Zauberstücke, die ihnen Big Data-Analysten mit bedeutungsschweren Gesten vorführen. Häufig handelt es sich um Physiker oder Mathematiker, die zur Sozialwissenschaft konvertiert sind. Und dies wohl ist kein Zufall 😉

Lesenswert: Leben mit der Paranoia: Into the wild – re:publica 2014.

Internetmäander.

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