Missbrauchsopfer und die „Settings“ eines katholischen Ordens

Es ist erschütternd, was sich in der Internatszeit des Bonner Collegium Josephinum abspielte, wie viele Opfer viel zu lange schwiegen und wie die Verantwortlichen des Ordens mit diesen Fällen heute noch umgehen. In der Osnabrücker Zeitung wird auf einen Fall hingewiesen, der morgen am Bonner Landgericht verhandelt wird, da die Bonner Staatsanwaltschaft wieder einmal keine Grundlage sieht, ein Strafverfahren zu eröffnen – Verjährung.

„Sie kamen im Dunkeln, und sie rochen nach Schweiß, Alkohol und Zigaretten. Heinz M. legte sich auf den Bauch und stellte sich tot. Starr vor Angst und Scham ertrug er es, dass sich fremde Hände unter seine Bettdecke schoben und ihn befummelten, dass sich jemand auf ihn legte, ihn bedrängte und penetrierte. Immer wieder musste er den brutalen Ruhestörern auch noch oral zu Diensten sein. In manchen Nächten sogar mehrfach. Heinz M. erinnert sich, dass einige Male, noch während er einem Klosterbruder ausgeliefert war, der nächste schon die Zimmertür öffnete.
Schmerz, Ekel und Schuldgefühle quälten den frommen Messdiener aus Hagen. Gegen die körperliche Pein versuchte er sich mit Nivea-Creme als Gleitmittel zu wappnen, die ihm seine Mutter mitgegeben hatte. Mit seinem Seelennotstand ging er zur Beichte – und geriet vielleicht an dieselben Patres, die ihn zuvor behelligt hatten. Heinz M. glaubt, dass es drei oder vier waren.“

Schlimme Schilderungen, die man als Oper wohl ein ganzes Leben nicht mehr los wird. Und wie reagiert die Kirche? Weil er gegen die Redemptoristen klagt, habe ihn der Orden im Oktober nicht zu einem lange anberaumten Treffen von Missbrauchsopfern eingeladen. Man könne nicht „zur gleichen Zeit auf verschiedenen Settings sprechen“, erklärte Provinzial Johannes Römelt auf Anfrage unserer Zeitung. Wenn der Rechtsstreit beendet sei, werde er Heinz M. gerne wieder zu Gesprächen einladen.

Settings? Mir wird übel.

Siehe auch:

Sexueller Missbrauch an katholischen Einrichtungen: Wie aus Opfern Täter gemacht werden.

Offener Brief an Kardinal Meisner: Wann wird Eminenz wirklich tätig, wenn es um sexuellen Missbrauch geht? #cojobo

Anzeige gegen Pater Pädo.

5 Gedanken zu “Missbrauchsopfer und die „Settings“ eines katholischen Ordens

  1. Die ganze „Obrigkeit“, welche auch immer, ist eine verkommene verlogene Gemeinde und wird immer wieder genügend Opfer finden. Und genau so ist es. Und wenn ein „Anständiger“ sich einem anderen „Anständigen“ anvertraut, dann ist das meistens so ein Einfaltspinsel, der sofort die Obrigkeit davon unterrichtet, weil er doch so anständig ist und entsetzt über die Ausfälle des
    Verleumders. Aber so ist es schon immer gewesen und wird sich nicht ändern. Mitunter finde ich die Bezeichnung für Menschen „Kreatur“ ganz bezeichnend. Sie sind nicht eine Spezies, die man unbedingt lieben muß. Ausnahmen, wie stets, bestätigen die Regel.

  2. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das ist die Grundmentalität von geschlossenen Organisationen, die ausschließlich mit Abschottungsmaßnahmen reagiert. Wer das in Frage stellt und an die Öffentlichkeit geht, wird als Störenfried und Unruhestifter gesehen.

  3. Ja, da kann einem wirklich nur übel werden. Noch übler wird mir, wenn ich sehe, wie dreist die (katholische) Amtskirche all die Vorgänge unter die kirchlichen Teppiche kehrt. Die von der Deutschen Bischofskonferenz 2010 in Auftrag gegeben „Missbrauchsstudie“ ist gestoppt worden, weil die katholische Kirche der Veröffentlichung der Studienergebnisse nicht zugestimmt hat. Jetzt soll dieses „Studienprojekt“ erneut ausgeschrieben werden. Vielleicht findet sich ein anderes Institut, dass sich ein bisschen besser manipulieren lässt. Ehrliche Aufarbeitung sieht wahrlich anders aus.

    Mir fällt auch schwer, diese Vorgänge als Einzelfälle abzutun. Durch die Presse gingen die großen „Fälle“: Odenwaldschule, Canisius-Kolleg (Berlin), Konvikt Sankt Albert (Rheinbach), Aloisiuskolleg (Bonn), Kloster Ettal. Aber die Liste ist ja viel, viel länger. (K)eine vollständige Liste findet sich bei Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_römisch-katholischen_Kirche

  4. Ach, und noch eine kleine Ergänzung. Auch die deutsche Justiz (Staatsanwaltschaften) scheint auf diesem Auge recht blind zu sein … Unzählig die Fälle, wo die Verfahren eingestellt wurden!

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