Digitale Aufklärung statt Kulturpessimismus

Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Franke
Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Franke

Statt mit kulturpessimistischen Digital-Debatten wertvolle Zeit zu verplempern, sollten wir uns Hirn vielleicht etwas mehr anstrengen, um Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Beispielsweise in der Bildungspolitik, wo wir uns nicht mit den Potenzialen des vernetzten Lernens beschäftigen, sondern sinnlose Strukturdebatten führen. Dabei wäre es wichtig, sich besonders in der Bildungspolitik mit den Vorzügen des vernetzten Lernens auseinanderzusetzen. Stattdessen vergeuden die Kultusminister von Bund und Ländern wertvolle Zeit für Struktur-Diskussionen. An den wirklichen Schwächen der Wissensvermittlung mogeln sich die meisten vorbei.

„Besonders im Schulunterricht werden Dinge gemacht, die eher schädlich sind als nützlich. Ein Lehrer muss sich mit 30, 60 oder 90 Schülern beschäftigen; er hat ja nicht nur eine Klasse und muss das große Ganze im Blick haben, aber nicht den Einzelnen“, sagt der Wiener Naturwissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Herbert W. Franke.

Eine individuelle Förderung sei unter diesen Umständen nicht möglich. Beim Einsatz von digitalen Lernautomaten würde das anders aussehen. Wenn man ein analytisches System zur Verfügung habe, ist eine Bestandsaufnahme für jeden einzelnen Schüler möglich. Zudem könne der Unterricht variabler gestaltet werden.

„Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik bringt sehr viel bessere Lernergebnisse“, sagt Franke.

So sei es heute mit Computerhilfe möglich, komplizierteste Gebilde in Bruchteilen von Sekunden auf den Schirm zu zaubern – wenn gewünscht bewegt oder interaktiv veränderlich.

„Der größte Teil aller mathematischen Zusammenhänge lässt sich in Bildern ausdrücken und erspart in den meisten Fällen die Mühe einer umständlichen Interpretation“, weiß Franke.

Visualisierte Formen würden zudem einen ästhetischen Reiz ausüben und die übliche Abneigung gegen Mathematik reduzieren.

„Diese Erkenntnis gilt generell für Naturwissenschaften – selbst für Quantenphysik und Molekularchemie“, sagt Franke.

Vielleicht übertragen die omnipräsenten Internet-Skeptiker auch nur ihre eigenen Ängste auf die ganze Gesellschaft. Nicht unüblich für eine Zeitenwende, wie die Autoren Ossi Urchs und Tim Cole in ihrem neuen Buch „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“ konstatieren. Was die liebwertesten Gichtlinge der Neo-Phobie in die Welt blasen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit. Sie betrachten die Informationsgesellschaft eher mechanistisch.

„Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen und sich ansonsten von medialen Hirten wie ihnen vorantreiben lassen muss in eine ungewisse, fremdgesteuerte Zukunft“, so Urchs und Cole.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Joran Lanier, der mittlerweile das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert. Er sollte weniger in der Mao-Bibel blättern und mehr Kant lesen: „Jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ Vor der gleichen Aufgaben stehen wir heute mit der digitalen Aufklärung, resümieren Urchs und Cole in ihrem Opus. Stimmt! Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne.

4 Gedanken zu “Digitale Aufklärung statt Kulturpessimismus

  1. Ich bin (leider) nicht omnipräsent, aber Skeptiker, selbst beim Internet. Traue mich aber trotzdem noch mal auf diese Seite, obwohl so ein Bekenntnis möglicherweise ein schlechtes Licht auf meine Persönlichkeit wirft. Für die Debatte um den Digitalen Wandel interessiere ich mich sehr, habe da meine Erfahrungen und Beobachtungen gemacht. Und lerne jeden Tag dazu. Insgesamt fällt mir auf, dass Kritik am Internet oft (zum Beispiel hier) als Persönlichkeitsstörung und Intelligenzmangel abgewertet wird. Schade Auf mich mag das ja zutreffen, insgesamt ist es aber ungerecht.
    Eine Ursache dafür, dass das Thema Digitaler Wandel so wenig Öffentlichkeitswirkung entfaltet, vermute ich genau in diesen Luftkämpfen um digitale Deutungshoheit. In einer wechselseitigen Denunziation statt Argumentation, in der Verabsolutierung der eigenen Position sowie im Hochmut gegenüber dem Mainstream. Für weite Kreise der Bevölkerung bedeutet die digitale (Medien-)Welt trotz alledem und alledem immer noch „Neuland“. Bei der Kanzlerin mache ich mir da übrigens die wenigsten Sorgen. Ihre politische Karriere speist sich aus der systematischen Unterschätzung durch ihre eitlen Gegner.
    Meine Neugier auf das Buch der Herren Cole und Urchs ist durch Ihre Sendung geweckt. Ein reizvoller Kontrast zu „Smarte Neue Welt“ von Evgeny Morozov. Vor allem bin ich gespannt, ob die beiden Autoren von „Digitale Aufklärung“ genauso analytisch und kenntnisreich argumentieren Morozov. Polemik – auch eine Morozov-Spezialität – können sie auf jeden Fall: „Rülpser“, „Reflexe“, „ geistige Mangel-Erscheinungen“. Da wird einem schon ein wenig bange angesichts einer solchen Auffassung von Aufklärung.
    Dass die beiden Autoren Skeptiker für dumm und ängstlich halten, soviel habe ich verstanden. Nur den Gegenentwurf fand ich dann eher wolkig: „neu denken“, „andere Geschäftsmodelle“. Nun ja. Interessant war die Episode mit der „Digitalen Diskretion“, um der Sorge über Big Data zu begegnen. Nur wer soll diese neue Regel vereinbaren und wie können wir dann Unternehmen, Geheimdienste oder Kriminelle (die ich alle nicht miteinander gleichsetze!) daran erinnern, sich daran zu halten?
    Im Ergebnis würde ich dafür plädieren, die Verachtung der intellektuellen Gegner, aber auch des Mainstreams der Gesellschaft, zugunsten einer anderen Form von Aufklärung zu verändern. Die besteht meines Erachtens in der Offenheit für die kritischen Argumente. Im Abschied von Schwarzweiß. Und in der Bereitschaft, selbst faszinierende technische Entwicklungen auch in Bezug auf ihren gesellschaftlichen Sinn zu hinterfragen. Hinterfragen, nicht verdammen.

  2. Ich werte Kritik am Internet nicht als Persönlichkeitsstörung – das wäre anmaßend. Es geht um die Fakten und Argumente der Skeptiker vom Dienst. Und ein wenig Polemik sei doch erlaubt -das werden Spitzer, Lanier, Schirrmacher und Morozov schon verkraften. Und das gilt auch für mich. Du kannst Deine Sicht der Dinge auch gerne mal mit uns diskutieren – in Bloggercamp.tv.

  3. „Ein wenig Polemik“ – was für ein Understatement. Aber Bloggen mit kraftvoller Position ist ja gar nicht mein Punkt. Vielmehr halte ich das binäre Diskussionschema zum Thema Digitale Zukunft für nutzlos. Das verzögert die aufwändige Arbeit am Detail, am Kompromiss. Das Beispiel Bildung in diesem Post ist ja ein richtiger Fingerzeig. Mehr „Digitale Herzensbildung“, wie der Formulierer vom Dienst, Sascha Lobo, es ausdrückte. Vielen Dank für die nette Einladung. Jetzt muss ich nur noch ein Buch schreiben.

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