„Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes“: Empfehlungen nicht nur an Literaturblogs #Wortspielradio #fbm13


Wolfgang Schiffer im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle

Wolfgang Schiffer im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle

Ein Tag auf der Frankfurter Buchmesse für eine weitere Sendung des Wortspiel-Radios. Diesmal kein Live-Podcasting, sondern Interviews mit Verlegerinnen und Verlegern von kleinen, ambitionierten und unabhängigen Verlagen. Wolfgang Schiffer und ich fragten nach den verlegerischen Konzeptionen, Neuerscheinungen und Plänen.

„Und manch einem haben wir gar eine Antwort entlocken können auf die Frage ‚How long is now'“, so Wolfgang Schiffer in seinem Blogpost.

Eine tiefsinnige Frage, die auch vom gesamten Literaturbetrieb beantwortet werden müsste. Es werden fantastische Bücher gemacht, die gute Rezensionen bekommen, aber im Buchhandel mehr schlecht als recht verkauft werden. Allerdings ist eine Trendwende absehbar, sagt Stefan Weidle. Die Stimmung dreht sich vor allem bei den Buchkäufern.

Es häufen sich die negativen Berichte über die „Kaufhauspolitik“ von Buchketten wie Hugendubel oder Thalia, die mit ihrer eher bescheidenen Sortimentspolitik in Schwierigkeiten kommen und gegen Amazon wenig entgegensetzen können. Das seien keine guten Buchhandlungen, sondern eher Verkaufsräume für Esoterik-Kerzen und sonstigen Schrott, so Weidle.

„Das wollen die Kunden nicht. Es gibt neue gute Buchhandlungen wie Ocelot in Berlin oder die Bernstein-Verlagsbuchhandlung der Gebrüder Remmel ‚R²‘ in Siegburg, die ein ganz anderes Konzept fahren. Es gibt ein breitgefächertes Literaturangebot und das muss man abbilden – auch das Ungewöhnliche“, sagt Weidle im Wortspiel-Radio-Interview.

So wurden von dem Roman „Die Manon Lescaut von Turdej“ von Wsewolod Petrow fast 10.000 Exemplare verkauft, aber nicht bei Hugendubel oder Thalia. Das ging vor allem über unabhängige Buchgeschäfte, die nicht nach Konzernlogik und Controlling-Engstirnigkeit geführt werden. Das Kulturkaufhaus Dussmann in der Berliner Friedrichstraße sei die rühmliche Ausnahme, betont Weidle. Hier könnten die Buchhändler selbst das Sortiment bestimmen, bei anderen Ketten sind sie entmachtet.

Ärgerlich sei generell die Schnelllebigkeit des Literaturbetriebs.

„Die Beschleunigung ist derart wahnsinnig, dass ein Buch nicht nach einem Jahr, sondern schon nach drei Monaten veraltet. Spätestens nach sechs Monaten ist es sinnlos, noch auf Rezensionen zu hoffen, um Bände zu verkaufen“, moniert Weidle.

Verleger Kurt Wolff

Verleger Kurt Wolff

Einen Beitrag zur Entschleunigung leistet die Kurt Wolff-Stiftung, die sich nicht nur dem Werk des Vermittlers expressionistischer Literatur widmet, sondern die Vielfalt der Verlags- und Literaturszene fördert.

„Wir machen jedes Jahr einen Gemeinschaftskatalog, wo sich 65 unabhängige Verlage mit ihrem Programm vorstellen. Diesmal sollten Verleger ihre drei Lieblingstitel vorstellen und nicht nur Neuerscheinungen. Das Neue ist nicht das Bessere oder Gute. Das Neue ist schlichtweg nur das Neue“, erklärt der Stiftungsvorsitzende Weidle und verweist auf die Unmöglichkeit, über den Buchhandel Bände aus der Backlist zu verkaufen.

Die meisten Buchhandlungen würden ihren Bestand nach spätestens sechs Monaten remittieren. Kaum einer bestellt mehr nach, wie es noch zu Zeiten des Buchlaufzettels war. Um so wichtiger seien Literaturbuchhandlungen wie Wetzstein in Freiburg, Bittner in Köln oder Felix Jud in Hamburg, die sich von diesem Trend abkoppeln. Klaus Bittner führe eine vorbildliche Buchhandlung.

Als Weidle zum ersten Mal seinen Verlag bei Bittner vorstellte, führte er nicht nur ein sehr langes Gespräch mit dem Buchhändler, sondern wunderte sich über das breite Sortiment an Titeln, die in anderen Läden schon längst remittiert wurden. Ohne prall gefüllte Tüten geht man selten aus dem Geschäft von Klaus Bittner raus – was ich bei meinen samstäglichen Exkursionen nach Köln freudig bestätigen kann – zu Lasten meines Geldbeutels.

Einen Beitrag zur Entschleunigung könnten auch die Literaturblogs leisten, die sich ebenfalls eher an den Neuerscheinungen orientieren, meint Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer.

„Wir sollten es uns selbst zur Pflicht machen, eine Erinnerungskultur zu pflegen und stärker auf das schauen, was gestern war. Das leisten die Feuilletons und Kultursendungen der klassischen Medien nicht. Wir sollten in diesen Aktualitätswettbewerb nicht einsteigen.“

Stefan Weidle ergänzt das Schiffer-Credo mit einem Zitat aus dem opulenten Werk „Zettel’s Traum“ von Arno Schmidt:

„Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes.“

Arno Schmidt

Aber was ist eigentlich alt, wenn man alte Werke verlegt, wie der Lilienfeld Verlag? Hier werden Autoren der Vergessenheit entrissen, wie etwa Emmanuel Bove. Er war eine Feuilleton-Größe, wurde übersetzt und viel besprochen, dann setzte irgendwann die große Stille ein. Solche Literatur wolle man durch neue Übersetzungen oder Wiederauflagen von älteren Übersetzungen reanimieren, sagt Axel von Ernst.

Franz Hessel

Dazu zählt erfreulicherweise auch der Flaneur Franz Hessel.

„Die Rechte sind 70 Jahre nach seinem Tod frei geworden und wir haben als ersten Band den Roman ‚Heimliches Berlin‘ ins Programm genommen“, so Viola Eckelt.

Wie geht nun der Literaturbetrieb mit diesen Büchern um? Wenn das Herbstprogramm des Verlages erscheint, gelten viele Werke im darauffolgenden Frühjahr als veraltet – so ticken zumindest viele Kulturredakteure, bestätigt Axel von Ernst:

„Die können das in ihren Redaktionen nicht mehr unterbringen, weil der Titel angeblich zu alt sei. Dieser Titel war aber vorher auch schon alt.“

Wortspiel-Radio auf Tour

Wortspiel-Radio auf Tour

Ein unwürdiger Umgang mit Literatur. Wortspiel-Radio wird das ändern 🙂

Interessant auch: Christoph Kappes über Sobooks: „Eine bessere Tiefe der Interaktion direkt im Buch”

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Über gsohn

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12 Antworten zu „Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes“: Empfehlungen nicht nur an Literaturblogs #Wortspielradio #fbm13

  1. schifferw schreibt:

    Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    Noch mal „Wortspiel-Radio“ – diesmal in einer wunderbar informativ kommentierten Weise! Ich kann mich glücklich schätzen, dieses Blog-Format mit einem derart erfahrenen Blogger wie Gunnar Sohn angehen zu können. Herzlichen Dank, mein lieber Gunnar!

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  2. dasgrauesofa schreibt:

    Ein schöner Radiobeitrag, bei dem ich parallel zu Euren Gesprächen gleich mal auf die Seite der mir doch oft unbekannten Verlage gesurft bin. Es wurde sehr schön deutlich, mit wie viel Liebe und Herzblut die „kleinen “ Verleger ihre Projekte betreiben und wie schwer sie es oft im kennzahlengesteuerten Großbuchhandel haben. Aber ein paar Lichtblicke gab es ja auch: die unabhängigen Buchhandlungen, die Literaturblogs. So bleibt zu hoffen, dass sowohl Buchhandel als auch und vor allem die Literaturblogs nicht auch anfangen auf Kennzahlen und Klicks zu achten, denn dann finden auch dort wieder nur die sowieso mit großem Marketingbudget gepushten Bücher Erwähnung.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. gsohn schreibt:

    Hast Du Lust, beim Wortspiel-Radio mal mitzumachen, Claudia?

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  4. gsohn schreibt:

    Wolfgang, ich freu mich schon auf unsere nächste Sendung.

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  5. Pingback: Webperlen: Fremde E-Mails veröffentlichen, Sobooks, Amazon und der Büroverkauf der FDP

  6. dasgrauesofa schreibt:

    Ohh – Lust zum Mitmachen hätte ich schon! Ich habe, weil gerade in den letzten Wochen immer mehr Interviews und eben Eure Radiobeiträge auf dem Blogs zu hören sind, darüber nachgedacht, ob ich da nicht auch Spaß daran haben könnte. Warum nicht mehr Multimedialität auf den Blogs nutzen? Wirklich zu Ende gedacht habe ich das nicht, vor allem, weil es mir recht zeitaufwendig zu sein scheint. Wenn sich aber so eine Möglichkeit finden könnte, fände ich das schon toll.
    Viele Grüße, Claudia

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  7. gsohn schreibt:

    So zeitaufwändig ist das gar nicht, wenn wir Live-Podcasting machen. Du brauchst nur ein vernünftiges USB-Mikro.

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  8. tobiaslindemann schreibt:

    Vielen Dank für diese Sendung, die mir aus dem Herzen spricht! Gerade Literatur bietet die Gelegenheit, sich vom Tagesgeschäft, den Hypes und Moden abzukoppeln. Schade aber, dass sowohl Literaturkritik als auch Buchhandel sich so selten auf diese Stärke der Literatur besinnen. Ich fand es z. B. enttäuschend, wie zwischen Deutschem Buchpreis und Literaturnobelpreis letzte Woche der 100. Geburtstag von Claude Simon (immerhin ein Nobelpreisträger) fast in Vergessenheit geraten ist. Der Satz „Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes“ sollte uns Bloggerinnen und Bloggern zum Leitsatz werden.

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  9. tobiaslindemann schreibt:

    Ach ja, und das Ihr gerade Radio als Medium für Literatur auserkoren habt, gefällt mir als Radiomacher natürlich sehr!

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  10. Pingback: Pressköter und Tintenstrolche: Audio-Livestreaming von Wortspielradio beim #StreamCamp13 | Ich sag mal

  11. Pingback: Bücher neu denken – Literarischer Diskurs bei #Bloggercamp.tv um 11 Uhr | Ich sag mal

  12. gsohn schreibt:

    Hat dies auf http://www.ne-na.de rebloggt.

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