Pragmatismus statt Macher-Attitüde: Eine Klugheitslehre nicht nur für Wahlkämpfer #btw13

Über die Kunst des Abwartens
Über die Kunst des Abwartens

Die Spin-Doktoren und Wahlkampfmanager der SPD sollten sich bis zum 22. September noch schleunigst das neue Opus des Publizisten Holm Friebe besorgen und intensiv studieren. Auch Blogger wie Richard Gutjahr könnten einen Blick in das Werk des Geschäftsführers der Zentralen Intelligenz Agentur werfen und aufhören, über die kategorische Langeweile des politischen Wettstreits um den Einzug ins Kanzleramt zu lamentieren.

Dahinter steckt ein Konzept, ein durchdachter Schachzug, eine Strategie: „Die Stein-Strategie – Von der Kunst, nicht zu handeln“. Steinbrück und Co. müssten doch so langsam kapiert haben, wie das vonstatten geht, denn es wiederholt sich das Szenario von 2009. Angie Merkel meidet jegliche Auseinandersetzung. Adressat dieser Einschläferungstaktik ist nicht das schwarze, sondern das rote Lager. Dieser Wählerklientel will man keinen Anlass geben, sich von einer Anti-Merkel-Stimmung an die Urne treiben zu lassen. „Asymmetrische Demobilisierung“ nennen das die Demoskopen der Forschungsgruppe Wahlen. Merkels Dramaturgie folgt dem nüchternen und pragmatischen Habitus des legendären Was-bin-ich-Moderators Robert Lembke, der die Aura eines Fernsehbeamten hatte.

Das Credo der Kanzlerin lautet: Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln. Der SPD-Spitzenkandidat versucht sich zwar abzugrenzen und als Macher zu profilieren. Er findet allerdings keinen Widerhaken bei seiner Gegnerin. Fast wortgleich übernahm der SPD-Herausforderer Peer Steinbrück die Leitplanken von Merkel in sein Wahlkampf-Repertoire und warf der CDU-Politikerin vor:

„Sie sind, Frau Bundeskanzlerin, eine Last-Minute-Kanzlerin. Sie haben eine Neigung zum Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln.“

Dabei haben Steinbrück und seine SPD-Spin-Doktoren nach Ansicht von Friebe verkannt, dass eine solche Attacke Merkel gar nichts anhaben kann, weil Steinbrück damit genau eine ihrer subtilen Stärken zu stigmatisieren versucht.

„Während Steinbrück auf das etwas angestaubte Bild des Politikers als zupackendem Haudrauf mit feurigem Reformeifer referenziert – und sich selbst als solcher in Pose setzt -, bestätigt Merkel, was Frank Parnoy in Wait über die Prokrastinations-Neigung von Spitzensportlern, medizinischen Koryphäen oder auch Investment-Genies herausgefunden hat: ‚Top-Profis versuchen, genau zu verstehen, wie viel Zeit sie für eine Entscheidung zur Verfügung haben, um dann innerhalb dieses Zeitrahmens so lange zu warten wie irgend möglich’“, schreibt Friebe.

Da Politik sowieso ein zähes, langwieriges und zeitraubendes Überzeugungsgeschäft ist und aus dem Bohren dicker Bretter besteht (Max Weber), fehlt es den hemdsärmeligen Sprücheklopfern in Macher-Pose häufig an Glaubwürdigkeit. Etwas weniger auf die Sahne hauen, etwas realpolitischer argumentieren und auf die Schwierigkeiten der Umsetzung verweisen. Patentrezept-Rhetorik hat eine zu kurze Halbwertzeit – auch das durchschauen die Wählerinnen und Wähler. Deshalb muss ich mir allerdings keine Wahlkampf-Rede von Merkel antun.

In Bonn machte ich mit meiner Frau einen großen Bogen um die CDU-Großveranstaltung auf dem Marktplatz und genoss bei einem guten Italiener eine würzige Portion Spaghetti Arrabiata – ein echter Wachmacher. Auch das Holm Friebe-Buch ist nicht einschläfernd. Im Gegenteil. Aber das erkläre ich morgen in meiner The European-Kolumne. Bertolt Brecht und Walter Benjamin werden auch mit von der Partie sein.

Siehe auch:

„Meine Wahl – An einem Tisch mit Angela Merkel“: Kuschelrock mit der Kanzlerin.

2 Gedanken zu “Pragmatismus statt Macher-Attitüde: Eine Klugheitslehre nicht nur für Wahlkämpfer #btw13

  1. Herr Ober

    Danke für den Hinweis. Normal meint ja jeder, irgendwie Machialvelli oder Der Weg des Kriegers empfehlen zu müssen, oder wie das Chinesische Buch da heisst.
    Was die SPD mMn für ein Problem hat, ist mehr, dass sie jegliches Profil als sozialdemokratische Partei verspielt hat und gerne die CDU wäre. Und die gibt es ja nun schon, und deren Wähler wählen eben? Genau.

  2. Leider ist es völlig egal, welche Partei und welchen Kandidaten man wählt. Leander Golman hat das in dem Essay „Das Gesetz vom Tanz der Marionetten auf der Fassade der Demokratie“, welcher kürzlich vorab erschienen ist, in witziger und oft zynischer Weise deutlich gemacht.
    Dennoch ist es sehr überzeugend – und deprimierend.
    Link auf WordPress: http://wp.me/p29pVB-Q,
    Link für smartphones u.ä. http://www.bookrix.de/_ebook-leander-golman-das-gesetz-vom-tanz-der-marionetten-auf-der-fassade-der-demokratie/ .
    Gibts aber auch bei Amazon kostenlos. Der Essay ist Teil eines Buches, das in Kürze erscheint.

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