Social Web ohne öffentlichen Raum: Versinken wir in Egozentrik?

Social Web als virtueller Salon
Social Web als virtueller Salon

Der Philosophie-Professor Byung-Chul Han provoziert in steter Reihenfolge mit kleinen aber feinen Streitschriften, die im Matthes & Seitz-Verlag in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ erscheinen.

Häufig drehen sich seine Gedanken über die Untiefen des Netzes und die gesellschaftlichen Verwerfungen, die von der digitalen Sphäre ausgehen. Anregend zu lesen und einladend zum Widerspruch. So ergeht es mir auch mit der seiner jüngsten Schrift mit dem Titel „Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns“.

Seine Grundthese halte ich für falsch und seine Schlussfolgerungen sind dürftig: Angeblich manifestiert sich im Internet heute kein öffentlicher Raum mehr. Ein öffentlicher Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns.

„Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich“, schreibt Han am Anfang seines kleinen Büchleins.

Er räumt noch ein, dass die heutigen Netzteilnehmer vielleicht sogar mündiger als die Empfänger der konventionellen Massenmedien sind, in der jeder Einzelne seine individuelle Meinung haben könne und – so mein Einschub – nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sein kann.

„Aber aus diesen Egos bildet sich kein Wir zum kommunikativen Handeln. Zur Entpolitisierung der Gesellschaft führen also der Zerfall der kommunikativen Öffentlichkeit und die zunehmende Narzissifizierung des Selbst.“

Mit dem Zerfall des öffentlichen Raumes verschwinde das Fundament für jene Demokratie, die auf der Herausbildung eines gemeinsamen Willens im öffentlichen Raum beruht. In Anlehnung an Jürgen Habermas behauptet Han, dass auf Blogs und in sozialen Medien, die heute den öffentlichen Raum bilden oder ersetzen, kein Diskurs stattfindet. Digitale Medien behindern die Bildung einer Gemeinschaft im emphatischen Sinne.

„Es entstehen nur zufällige Ansammlungen oder Vielheiten von für sich isolierten Individuen, von Egos, und keine Versammlungen, die Orte des Diskurses wären. Sie sind kein politisches Subjekt mehr, das zu einem Wir fähig wäre.“

Diese Ausgangslage seiner weiteren Analysen und Vorschläge halte ich nicht für stichhaltig. Die krampfhafte Suche nach dem „Wir“, die Verortung eines imaginären öffentlichen Raumes, die Bildung einer Gemeinschaft, die angebliche Vereinzelung im Web oder die Unmöglichkeit des Diskurses im Internet – Widerspruch, Widerspruch, Widerspruch und nochmals Widerspruch.

Immerhin räumt Han die Möglichkeiten einer neuen und womöglich direkteren Demokratie ein, die man über die digitale Vernetzung erreichen könnte. Eine Art direkte Dorfdemokratie – permanente Abstimmungen über ein so genanntes Qube-System. „Question your tube“ war in den 1970er Jahren eine Fernsehanlage mit beschränkter interaktiver Funktion. Das Internet sei ein wesentlich verbessertes Qube-System. Das politische Engagement bedarf keiner mühsamen Kommunikation und keines anstrengenden Diskurses zum Konsens. Ein Mausklick würde genügen. Der Privatraum sei selbst die Republik. Hm, liebwertester Gichtling Han, das ist doch etwas dünn.

Bislang waren und sind wir eher eine formierte Gesellschaft. Taktgeber der Massenmedien, Funktionäre des Parteienstaates, Hinterzimmer-Seilschaften, Cliquen, Klüngel und so genannte Experten (die fern ihres Fachgebietes auch nur Idioten und Laien sind) beherrschten die öffentlichen Meinung und den öffentlichen Raum. Ich finde es viel sympathischer, den selbsternannten Dirigenten des Meinungsstroms permanent in die Suppe spucken zu können, sie in Frage zu stellen, sich selbst zu Wort zu melden und jeden Tag bei meinem eigenen Tun in Frage gestellt zu werden.

Deshalb formulierte ich mein Blog-Motto in Anlehnung an Fernando Savater:

Das Leben ist zu kurz, um sich nicht zum Eklektizismus zu bekennen, zur Freiheit des Auswählens und Verwerfens.

Deshalb mein Bekenntnis zu den Dadaisten vom Cabaret Voltaire in Zürich: Sie wendeten sich gegen allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und man könnte ergäenzen „den öffentlichen Raum“ und irgendein künstliches „Wir“. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen.

Ob sich aus dem eigenen Tun im Netz bedeutungsschwere Diskurse, bahnbrechende Erkenntnisse, Zuspruch oder Ablehnung ergeben: Entscheidend ist die reine Möglichkeit der Teilnahme, die es früher nicht gab. Als Motto fürs Digitale eignet sich ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg, den Dirk von Gehlen in seinem lesenswerten und über Startnext finanzierten Opus „Eine neue Version ist verfügbar“ zitiert:

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Im Netz etablieren sich virtuelle Zufallsgemeinschaften mit begrenzter Dauer als informeller Versammlungstyp ohne feste Strukturen. Von Gehlen bezieht sich dabei auf die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts, die auch Professor Peter Weibel vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) betont: Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. “Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Genügend Stoff für weitere Diskurse.

Ich hätte großes Interesse, zumindest einmal im Monat einen virtuellen Salon zu veranstalten. Vielleicht in einer Buchhandlung, live gestreamt via Hangout on Air, in Co-Moderation mit meinem Kölner Freund Wolfgang Schiffer (den ich aber noch gar nicht gefragt habe). Jeden Monat mit interessanten Gästen, überraschenden Themen und stimulierenden Salonstücken – eine Diskursbühne und zugleich ein Dilettanten-Theater. Hätte noch jemand Interesse?

Vielleicht sollten man gegen die Sicherheits-NSA-Friedrich-BKA-BND-Gichlinge stärker mit dadaistischer Anarchie vorgehen – Netzbewegung hin, Netzbewegung her.

Siehe auch:

Salonkultur und herrschaftsfreier Diskurs im Netz: Über die Sümpfe der digitalen Kommunikation.

2 Gedanken zu “Social Web ohne öffentlichen Raum: Versinken wir in Egozentrik?

  1. Mal wieder ein interesanter Beitrag. Ich halte den Vergleich mit den Salons für interessant. Die Entstehung der Öffentlichkeit einhergehend mit der Entstehung der freien Presse in Deutschland im 19. Jahrhundert hat mich im Studium intensiv beschäftigt. Eigentlich bietet das soziale Web mit Blogs und Communities die Chance zu einer Wiederbelebung der bürgerlichen, besser demokratischen-partizipativen Öffentlichkeit. Nur schade, dass sich ein grosser Teil der traditionellen (konservativen), bürgerlichen Öffentlichkeit – ich nehme mal nahezu Lehrer in meinem Bekanntenkreis – sich genau jenem sozialen „Neuland“ in einer Mischung von Unkenntnis, Technologiefeindlichkeit, Misstrauen und wenigen berechtigten Einwänden verweigert. Und die traditionellen angeblich wertkonservativen Sprachrohre unterstützen noch diese Ablehnung.

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