Achtung, liebe Eltern! Ihr Kind ist vielleicht ein Hacker, Nerd oder noch schlimmer: ein Sprayer

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Die Empörungsrepräsentanten der Stadt Bonn, die selbsternannten Moralwächter der Ordnungspartnerschaft „Gemeinsam gegen Graffiti“ und alle erregten Hausmeister der Beethoven-Metropole legen sich derzeitig in einer Aktionswoche ins Zeug, um gegen Graffiti und Farbschmierereien zu agitieren vorzugehen.

Eine „Besonderheit“ erwartet die Bürgerinnen und Bürger in einem „Jugendzimmer“, das im Stadthaus besichtigt werden kann – mit kompetenter Fachberatung der Polizei und der Stadtverwaltung. Dort lernen Eltern und andere Erziehungsberechtigte, wie sie die Gemächer ihrer Zöglinge ausspionieren observieren filzen liebevoll begutachten sollten, um frühzeitig „schädigendes Verhalten“ zu entlarven. Dabei sollte man auch auf Anzeichen achten, ob die lieben Kleinen dem Konsum von Cannabis frönen oder regen Handel mit Rauschmitteln betreiben. Eine aufgeschnittene Getränkeflasche zum Beispiel sei ein sehr einfaches Rauchgerät.

„Jugendliche aus der Sprayerszene konsumieren häufig auch Cannabisprodukte, zeigt die polizeiliche Erfahrung“, so Mario Becker vom Kommissariat Kriminalitätsprävention der Bonner Polizei.

Den Vorwurf der Spionage weist dieser Mann natürlich weit von sich. Es gehe ja nur um Prävention.

Da diese Geisteshaltung nur von Montag bis Mittwoch von 12 bis 14 Uhr zu bewundern ist, konnte ich gestern nicht recherchieren, welche Profiler-Befunde im Jugendzimmer auf eine kriminelle Sprayer-Karriere hinweisen.

Aber vielleicht könntet Ihr mir helfen und eigene Indizienketten entwerfen.

Etwa exzessive Tapetenschmierereien mit Fingerfarbe, Anhäufungen von leeren Spraydosen im Gelben Sack des Nachbarn, Einsatz der Sprayer-App ArtStudio auf dem Tablet-PC des Kindes (siehe Foto oben), verdächtige Leerstellen im Kellerregal mit den Utensilien zur Renovierung der Wohnung, ständige Müdigkeit des Kindes am Frühstückstisch (verweist auf nächtliche Exkursionen auf den Bahngleisen zwischen Bonn und Köln), farbverschmierte Seife im Badezimmer, How to-Youtube-Videos aus der Reihe „Wie Sprayer den Hausmeister-Brigaden entkommen“, Sprayer Hoodies auf dem Weihnachtswunschzettel und, und, und.

Und wenn die Eltern schon in Habachtstellung sind, sollten sie die eigenen Sprösslinge direkt nach weiteren Auffälligkeiten inspizieren. Als Standardwerk für die familiäre Fahndung empfehle ich „Grundlagen der Polizeipsychologie“ (Hogrefe Verlag). Im Kapitel „Jugendliche Hacker“ können Mama und Papa wichtige Erkenntnisse für Fahndungserfolge im Jugendzimmer sammeln. So gelingt der erzieherische Rundumschlag für die Aufzucht eines wohlgeformten Nachwuchses. Einen Hacker, Cracker oder Crasher in den eigenen vier Wänden erkennt man an der spielerischen, kreativen und findigen Art des Umgangs mit anderen Menschen.

„Sie besitzen Witz, sind belastbar, provozieren gerne und zeigen meist eine ausgeprägte Schadenfreude. Gleichzeitig neigen sie kaum zu Aggressivität.“

Bei den gefährlichen Nerds handelt es sich um „introvertierte Datenmenschen, die außer der Informatik keine Interessen haben. Sie sind oft sozial isoliert und zeigen beinahe autistische Züge. Daneben sind Idealismus und Narzissmus typisch für sie.“

Die Ausstellung im Bonner Stadthaus sollte also für die nächste Aktionswoche thematisch erweitert werden, um die Präventionsfahndung ganzheitlich betreiben zu können.

10 Gedanken zu “Achtung, liebe Eltern! Ihr Kind ist vielleicht ein Hacker, Nerd oder noch schlimmer: ein Sprayer

  1. Roman, stimmt. Diese Aktion der Ordnungshüter in Bonn ist sogar mehr als krasse Scheiße – auch wenn das noch so relativiert wird. Hier werden kollektiv Kinder und Jugendliche mit fragwürdigen Ursache-Wirkung-Erkenntnissen der Polizei in ein dümmliches Raster gepresst, wie man es aus den Gewaltdiskussionen über Amokläufer kennt. Zudem stiftet man Eltern an, diesen Verdachtsmomenten auch noch zu folgen. Was passiert denn nach der Tatort-Inspektion in den Jugendzimmern? Beratungsgespräche bei der Polizei oder Einladungen an die so genannten Ordnungshüter in die eigenen vier Wände? Das ist übelstes Denunziantentum.

  2. Constantin Sohn

    Die Kripo ist für jeden Tipp dankbar!
    Beschmiert ihr Kind schon Schulhefte, Mäppchen oder Schulranzen? Dann verpfeifen sie es noch heute.

  3. Ich habe gerade auf Deinem iPad Mini eine verdächtige Zeichnung im Sprayer-Stil entdeckt, lieber Constantin. Soll ich petzen?

  4. Ist zwar ein anderes Thema als ’sprayen‘ aber es trifft in exakt die selbe Mentalität: „Bist du angepisst von jemandem? Dann räche dich und schwärz ihn an!“ http://www.youtube.com/watch?v=WwfV4mBUbbo

    Kein Wunder, dass unsere Mitbürger so eher auf Intransparenz stehen, als offen zu handeln. Könnte ja jemand zugegen sein, der diesen Werbespot auch gesehen hat.
    Dieser Spot und die Aktion bei Euch in Bonn (gibt es die eigentlich auch in einer anderen Stadt?) lassen einen einfach nur noch schaudern…

  5. Eltern „beobachten“ ihre Kinder, Kinder „beobachten“ ihre Eltern – dieses Szenario kommt mir bekannt vor 🙁

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