Liebwerteste Gichtlinge und die antidigitale Besserwisser-Duftwolke

Auf der Suche nach politischer Kompetenz im Digitalen

Hier ein kleiner Ausblick auf meine morgige The European-Kolumne, die man so ab 9 Uhr abrufen kann. Über Kommentare und weitere Hangout-Interviews würde ich mich sehr freuen.

Man müsse jetzt sehr schnell einen Zugang zu Hochtechnologien vermitteln, fordert Gaming-Experte Christoph Deeg im ichsagmal-Interview.

Computerspiele seien dafür ein hervorragender Transmissionsriemen:

„Deutschland ist kein digitales Land und keine digitale Gesellschaft. Wir müssen endlich unsere Hausaufgaben machen. Politische Figuren wie Rösler würden in diese Thematik ständig mit einer Pseudo-Wirtschaftsförderung reingehen. Da ist nichts Neues und Modernes dabei.”

Es riecht nach volkspädagogischer Belehrung

Es fehle ein digitaler Masterplan. So sollte jede Schule Gaming in den Unterricht integrieren. Jede Schule, die Gaming nicht aktiv nutzt, ist nach Ansicht von Deeg keine gute Schule.

„Wir können Schule, Lernen, berufliche Weiterbildung und auch die Arbeitswelt durch Gamification besser machen. Das gilt auch für das Innovationsmanagement in Unternehmen. Und hier liegt der Knackpunkt in Deutschland. Wir müssen mehr über die positiven Erfahrungen aus der digitalen Welt sprechen und weniger kulturpessimistische Debatten über Technikfolgenabschätzung führen.“

Selbst aus vielen Lernspielen kriechen volkspädagogische Zeigefinger-Botschaften heraus. So wird schon Schulkindern vermittelt, was Ältere von der Digitalisierung halten: Das ist alles gefährliches Zeug und ohne Kindermädchen-Betreuung nicht zu bewältigen. Wer in Deutschland Leseförderung über das Spiel Pokémon vorschlägt, wird von verknöcherten Oberstudienräten als grenzdebiler Pausenclown geächtet.

Unsere bildungsbürgerliche Elite kann vielleicht Schillers Glocke auswendig runterbeten, versagt aber schon bei der Unterscheidung von Bits und Bytes. Wir müssen endlich ein digitalfreundliches Umfeld in allen Teilen der Gesellschaft schaffen. In einer erzkonservativen und brutal hierarchischen Welt fällt es schwer, die Potenziale der Digitalisierung aufzuzeigen. Gamification könnte ein Ansatz sein, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen.

Onkel Christoph begleitet Euch zur Gamescom

„Wir haben eine Alternativlos-Gesellschaft. Und das gilt für Politiker aller Parteien. Es gibt Vorgaben, die von Verwaltungsbeamten alternativlos umgesetzt werden. Was fehlt, ist eine Vision. Wie wollen wir in Zukunft arbeiten, leben und lernen? Und genau an dieser Stelle wird Gaming relevant. Hier zeigen die Menschen sehr genau, wie sie gerne arbeiten und kommunizieren wollen. Kommt zur Gamescom nach Köln, Onkel Christoph nimmt Euch an die Hand und zeigt Euch die lustigen Sachen. Ihr lernt Gamer in freier Wildbahn kennen und versteht, wie morgen die vernetzte Gesellschaft und die digitale Infrastruktur ausschauen müsste“, so Deeg.

Das gilt übrigens auch für die Telekom. Mit der Drosselpolitik des Magenta-Konzerns erreichen wir Verhältnisse wie in Detroit und zwar flächendeckend, so die Warnung von Deeg.

Eine reiche Industrienation wie Deutschland, die die digitale Revolution verschläft, bekommt spätestens in zwanzig Jahren gravierende Probleme und wird von Ländern wie Südkorea überrollt.

Abschied von den Manfred Spitzer-Gichtlingen der Gesternwelt

Unsere Kinder werden uns dann die Pistole auf die Brust setzen und fragen, warum sie uns noch Rente bezahlen sollen, wo wir doch ihre Zukunft in einer bildungsbürgerlichen Besserwisser-Duftwolke vergeigt haben. Trendforscher Peter Wippermann ist immer wieder überrascht, wie jungfräulich die digitale Agenda unter den deutschen Dichtern und Denkern immer noch betrachtet wird im zwanzigjährigen Jubiläumsjahr des Internets. Eigentlich sollten wir in der aktiven Auseinandersetzung mit der Vernetzungsfrage schon sehr viel weiter sein.

„Selbst das Web 2.0 hat schon 2004 die Bühne betreten. Das mobile Internet steht auch schon seit einigen Jahren auf der Tagesordnung“, erläutert Wippermann im Smart Service-Talk.

Die Kerntreiber werden in teutonischen Diskursen immer noch links liegen gelassen. Die digitalen Technologien haben sich rasant weiter entwickelt. Gleiches gilt für die ökonomischen Modelle und für eine Generation, die mit interaktiven Medien aufgewachsen ist und mittlerweile zur Gruppe der Hauptkonsumenten zählt. Wir sind zu träge, um uns mit den Möglichkeiten der Vernetzung aktiv auseinanderzusetzen. Der Wirtschaft läuft Gefahr, diese Talente auf dem Arbeitsmarkt und in der Startup-Szene links liegen zu lassen. Hier schlummern gigantische Möglichkeiten, die sich allerdings nur in einer Kultur der Vernetzung entfalten können. Insofern wird es Zeit für einen digitalen Gesellschaftsvertrag, den wir politisch vereinbaren müssen, um uns von den rückwärtsgewandten Gefechten der liebwertesten Manfred Spitzer-Gichtlinge endgültig zu verabschieden.

Siehe auch:

20 Jahre Internet und wir sprechen jetzt von digitaler Revolution?

Bildung für das 21. Jahrhundert: D64 fordert eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache!

DIGITALES QUARTETT: SIND WIR WIRKLICH DIE MY-GENERATION?

Das politische Widerstandspotenzial im Netz sollten die etablierten Politiker und Manager nicht unterschätzen, wie Sascha Lobo feststellt: Soziale Netzwehr: Erdogan wird wissen, weshalb er Twitter fürchtet.

Kommentar verfassen