Über Propheten, Berge und netzpolitischen Provinzialismus

Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann

Wenn der Berg nicht zum Netz-Propheten kommt, muss der Netz-Prophet halt zum Berg gehen. So könnte man die Ausführungen von Michael Seemann in seinem Blogpost „Ich habe vergessen, wo vorn ist“ zum Scheitern des Widerstandes gegen das Leistungsschutzgesetz auf eine Kurzformel bringen. Und ich finde diese Analyse sehr zutreffend. Michael bezieht sich in seinen Ausführungen auf Sascha Lobo, der beklagt, dass es in der Debatte zum Verlegerschutzrecht nicht gelungen sei, die Youtube Generation abzuholen.

„Es gibt keine Vernetzung zu den Videobloggern, deren Reichweite alles in den Schatten stellt, was in Blogs und auf Twitter so zu finden ist. Insgesamt ist es nicht gelungen das Problem mit dem Leistungsschutzrecht meiner Mutter, meinem Vater – niemandem außerhalb unserer kleinen Filterbubble verständlich zu machen.“

Im ichsagmal.com-Interview mit Michael ist das ausführlich zur Sprache gekommen mit einigen interessanten Vorschlägen für künftige netzpolitische Kampagnen, die ich in meiner morgigen The European-Kolumne vertiefen.

Die Reaktionen auf die Löschung der papstkritischen Beitrage von Jürgen Domian durch Facebook-Moralwächter ist ein guter Indikator für die Selbstbezogenheit einiger Netzaktivisten. Sie reichten von „heul doch“ bis zu Empfehlungen an Domian, seine Anmerkungen zur bigotten katholischen Kirche auf einem eigenen Blog zu veröffentlichen und das Hosting selbst in die Hand zu nehmen. Das ist ein Ratschlag zum Ausschluss aus der Öffentlichkeit – so eine Art selbst gewähltes Exil der Bedeutungslosigkeit in einer netzpolitischen Filterblase.

Die Musik spielt aber auf Facebook, Youtube, Tumblr und WordPress.com.

„Ob wir es wollen oder nicht: Dort findet die Öffentlichkeit statt. Wenn man unsere größten Blogs – Netzpolitik, Fefe, Hastenichtgesehen – daneben stellt, befindet sich unsere Relevanz im gerade noch messbaren Bereich. Wenn Spiegel Online mal gerade nicht über uns berichtet, sind wir Scheinriesen, deren Wirken praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, schreibt Michael Seemann.

Wir predigen Blogs auf selbstgehosteten Webspaces laufen zu lassen, weil das mal eine gute Idee war, als wir 2005 das Netz für uns entdeckten.

Es werde Zeit, dass wir mal unsere eigene Narrativ-Mottenkiste entrümpeln. Netzgemeinde” sei auch deswegen der richtige Begriff für uns, weil es das provinzielle und selbstbezogene dieser unserer Filterblase zum Ausdruck bringt.

„Wir sind ein kleines, verschlafenes Bergdorf, das nicht mal mitbekommen hat, dass die Dampfmaschine längst erfunden wurde.“

Die Empfehlung “Zurück zur eigenen Infrastruktur” ist dann eher ein Ausdruck der Ignoranz. Genauso wie die juristische Haarspalterei, ob es überhaupt Facebook-Zensur geben könne oder nicht, weil angeblich Zensur nur vom Staat ausgeht. Dazu habe ich ja auch ein paar Takte geschrieben. Michael sieht es ähnlich:

„Facebook ist die derzeit wichtigste digitale Öffentlichkeit und deswegen ist es eben doch ein Eingriff in die Meinungsfreiheit, wenn Facebook bestimmen darf, was gesagt werden darf und was nicht.“

Man könnte natürlich auch weiterhin die Mehrheit der Internet-Nutzer ignorieren und weiterhin hochnäsig auf Facebookianer herunterschauen. So wurde ja recht besserwisserisch kommentiert, warum Domian denn nun keinen eigenen Blog hat und sich dem Hausmeister-Regime von Facebook aussetzt.

Als Ergebnis droht der Tech-Elite ein weiteres Versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Umgekehrt kann das nicht heißen, dass man sich widerstandslos den AGB-Diktatoren ergibt und die Notwendigkeit eines freien Netzes in den Wind schießt.

Deshalb halte ich den vierten Punkt im Blogposting von Michael für entscheidend.

„Man kämpft auf Facebook für Plattformneutralität. Wenn Facebook eine nicht offene, aber extrem populäre Inftrastruktur ist, dann machen wir sie eben zur offenen, populären Infrastruktur. Wir lobbyieren bei Facebook für die Öffnung der Plattform für Standards, etc. und kämpfen für Meinungsfreiheit und demokratische Prozesse.“

Und wir initiieren öffentlich-rechtliche Web-Projekte, die mehr Freiraum für Experimente schaffen.

Ich halte die Empfehlung der Metronauten übrigens für falsch, zur Tagesordnung überzugehen und nicht über Fehler der „Netzgemeinde“ weiter nachzudenken.

Dazu auch lesenswert, was Computerveteranen jetzt tun sollten. Ich zähle ja zu den alten Säcken, die in den 70er Jahren noch mit Lochkarten an IBM-Computern herum hantierten, die so groß waren wie ein ganzes Klassenzimmer.

5 Gedanken zu “Über Propheten, Berge und netzpolitischen Provinzialismus

  1. Der Schluss gefällt mir, dass das eine (Facebook „reformieren“), das andere (mehr Freiraum für Experimente) nicht ausschließt. Aber was sind „öffentlich-rechtliche Web-Projekte“?

    Und den Metronauten Artikel habe ich nicht als Aufforderung zur Tagesordnung überzugehen verstanden, sondern mit dem Jammerton aufzuhören, wenn über die Fehler nachgedacht wird.

  2. Nun. Der Jammerton ist ja gar keiner. Ich finde es absolut notwendig, sich jetzt stärker in Frage zu stellen. Das meinte ich mit „zur Tagesordnung“ überzugehen.

  3. Was es mit den öffentlich-rechtlichen Projekten auf sich hat, wird morgen in meiner Kolumne weiter ausgeführt. Du kannst es Dir in dem Interview mit Michael Seemann auch anhören.

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