Cebit, Big Data und Datenverbrechen

Big Data-Revolution?

Immer, wenn es um Zukunftsprognosen geht, steigt die Fehlerquote der Rechenmethoden. Auch wenn man schmutziges Big Data zum Einsatz bringt und einfach nur Muster aus der amorphen Datenmasse herausschält. Man operiert mit Annahmen und Hypothesen, die mehr über das mechanistische Menschenbild der Analysten als über die untersuchten Personen aussagen – auch wenn das die zumeist naturwissenschaftlich geprägten Big Data-Gurus anders sehen. Wenn fehleranfällige Maschinen Entscheidungen über einzelne Menschen treffen, etwa bei der Verweigerung von Krediten, hört der Spaß auf.

Es reicht dann auch nicht aus, einen Big Data-TÜV ins Spiel zu bringen, bei dem ich die Möglichkeit habe, die Vorhersagen der automatischen Denunzianten-Systeme zu entkräften. So eine Institution hat Professor Mayer-Schönberger vom Internet Institute in Oxford ins Gespräch gebracht: Algorithmen, die Risiko-Vorhersagen für Internetnutzer berechnen, müssten für Experten einsehbar sein, sagte der Autor des neuen Buches „BIG DATA – A REVOLUTION THAT WILL TRANSFORM HOW WIE LIVE, WORK AND THINK“ im Gespräch mit der Zeit:

„Die Faktoren, die in die Berechnung der Prognose einfließen, müssen transparent sein, und es muss Regeln geben, wie der Betroffene das Ergebnis widerlegen kann.“

Umgekehrt wird ein Schuh draus, Meister Mayer-Schönberger. Die Beweislast muss beim Big Data-Anwender liegen. Wenn er mich ohne meine Zustimmung und ohne Offenlegung der Berechnungsmethoden als kriminellen und nicht zahlungsfähigen Alkoholiker einstuft, kann ich das betreffende Unternehmen oder die Organisation als „Datenverbrecher“ anzeigen und strafrechtlich belangen.

„Das Maß aller Dinge ist meine Bereitschaft, Daten von mir preiszugeben. Hier liegt der Kern von Big Data-Anwendungen. Mein digitales Ich, meine digitale Repräsentanz und mein digitales Beziehungsnetzwerk müssen in meiner Hand liegen. Sozusagen ein Recht auf virtuelle Selbstbestimmung. Die Nutzung dieser Daten kann ich den Big Data-Systemen zu jeder Zeit wieder wegnehmen“, so Unternehmensberater Bernhard Steimel, nachzulesen in meinem Beitrag für die Frühjahrsausgabe der Zeitschrift GDI-Impuls.

Wir sollten uns im netzpolitischen Diskurs nicht länger mit personalisierter Werbung aufhalten, die über Big Data im Internet eingeblendet wird. Ich lasse mich von den blöden Anzeigen nicht zum willenlosen konsumsüchtigen Käufer degradieren.

Anders sieht es mit Entscheidungshilfen von Maschinen aus, die mein Leben beeinflussen und hinter meinem Rücken ablaufen. Deshalb fordern wir (also Bloggercamp-Kollege Hannes Schleeh und ich) die Big Data-Vielschwätzer heraus, in unserer Schreibwerkstatt für das Crowdfunding-Buch „Die Streaming Revolution“ den Giftschrank ihrer Systeme zu öffnen und die Treffsicherheit der Prognosen nachzuweisen. Live und ohne doppelten Boden. Das Ganze fließt ein in das Kapitel „Die Vermessenheit der Big Data-Weltvermesser – Ein Crowdsourcing-Experiment mit Hangout on Air“.

Ansonsten klassifiziere ich die Big-Data-Gichtlinge weiterhin nach der Devise von Hoffmann von Fallersleben:

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Was das Ganze mit meinem Zigarettenkonsum und meinen Vorlieben für Gerstensaft ohne Hopfenextrakt zu tun hat, erkläre ich morgen in meiner The European-Kolumne.

Absurde Korrelationen findet man ja schon zahlreich: Je mehr Likes ein Krankenhaus hat, desto weniger Menschen sterben dort.

2 Gedanken zu “Cebit, Big Data und Datenverbrechen

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