Ratzinger und der „Aufklärungs-Tsunami“ in der katholischen Kirche

Verschwiegene Gemeinschaft

Georg Schikart stellt in seinem Buch „Abgekanzelt: Protokoll einer Inquisition“ eine wichtige Frage, die vielleicht auch ein klerikaler FAZ-Redakteur wie Daniel Deckers in Interviews mit Kirchenvertretern in den Raum werfen könnte.

„In der Welt draußen gibt es rechtsstaatliche Verfahren und Regeln. Aber bei Mutter Kirche?“

Aber das kommt Deckers wohl nicht in den Sinn. Er schreibt heute in der FAS vom heroischen Joseph Ratzinger, der schon vor seiner Wahl zum Papst die treibende Kraft bei der Ahndung sexueller Gewalt von Klerikern gegen Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene gewesen sei. Das gehe so deutlich wie nie zuvor aus einem Interview mit dem langjährigen Kirchenanwalt Charles Scicluna hervor, der von 2002 bis 2012 für die kirchenrechtliche Bearbeitung der Missbrauchsfälle zuständig war, die aus allen Teilen der Welt nach Rom gemeldet wurden. Wie viele dieser Fälle, liebwertester FAS-Gichtling Deckers, sind denn den Staatsanwaltschaften gemeldet worden? Wie viele Geistliche wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt? Wie viele Fälle wurden zur Anklage vor weltlichen Gerichten gebracht?

Stattdessen bejubelt Deckers die Rolle Ratzinger bei der Änderung des Kirchenrechts, die ihm Scicluna vorbetet:

„Ein Problem war, dass das neue Kirchenrecht von 1983 die Ahndung sexuellen Missbrauchs nicht dem Vatikan vorbehalten hatte. Vielmehr hatte man im Geist des II. Vatikanischen Konzils den einzelnen Bischöfen überlassen, Missbrauchsfälle zu regeln. Es gab auch keine Pflicht, solche Fälle nach Rom zu melden, wohl aber mehrere Instruktionen zum Umgang mit Missbrauchsfällen, die auf dem Kirchenrecht des Jahres 1917 basierten. Diese waren nach 1983 aber nicht erneuert oder aktualisiert worden. Kardinal Ratzinger hatte dieses Problem schon früh erkannt. Als Präfekt der Glaubenskongregation wandte er sich schon in den frühen neunziger Jahren an den Obersten Gerichtshof, weil dieser auch für die Klärung von Kompetenzen innerhalb der Römischen Kurie zuständig ist. Ratzinger bat um Klärung, wer im kirchlichen Rechtsraum für die Verfolgung dieser Straftat zuständig sein solle: die Kleruskongregation oder die Glaubenskongregation.“

Am Strukturproblem ändert das nichts. Die Kirche arbeitet nach eigenen Regeln. Sie bleibt eine geschlossene Gesellschaft, die Skandale stets selbst untersuchen und steuern will – auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Eine Organisation, die sich über die weltliche Jurisdiktion stellt. Eine Institution, die Priester vor der Strafverfolgung des Staates schützt, Straftaten vertuscht und Straftäter versetzt – auch auf die Gefahr hin, dass sie neue Straftaten begehen könnten.

Es ist traurig, dass sich staatliche Institutionen im 21. Jahrhundert immer noch am Nasenring vorführen lassen.

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