wenn Du bis morgen 12:00 Uhr nicht zurück getreten bist, knallt es ganz gewaltig
Korrekt, Lauer. 73 Zeichen, die es in sich haben. „Lieber Johannes“ habe ich mal abgezogen – wir wollen uns doch nicht mit dieser rabulistischen Grußformel herumschlagen.
Hier lebt jedenfalls eine Kultur der direkten Ansage auf, die man eigentlich schon fast wieder vergessen hat. Aus den Tagen von Befehl-und-Gehorsam. Klare Kante an Untergebene. Mach, was ich will und alles wird gut. Folgerichtige ist der zweite Satz der Lauer-Prosa auch so programmatisch ausgefallen. Auffallend das besitzanzeigende Fürwort „meine“.
Ich seh mir nicht mehr länger schweigend und untätig an, wie Du meine Partei gegen die Wand fährst
Der Homme de lettres von der Spree zaubert das Bekenntnis seines Leidens mit ganzen 98 Zeichen in den mobilen Schreibautomat.
Und auch das Schlusswort in der hohen Kunst der Disputation hätte selbst der Meister des Aphorismus, Georg Christoph Lichtenberg, nicht besser ausdrücken können, schon gar nicht in enthaltsamen und puristischen 64 Zeichen:
Alter, wie verstrahlt bist du denn? Du merkst ja gar nichts mehr
Lauer, Du kannst es doch. Dank der öffentlichkeitswirksamen und ameisenhaft arbeitenden Ponaden Deiner Partei versinken die Botschaften der Selbstzerfleischung nicht in die Vergessenheit der Smartphone-Löschtaste.
Schreibe Dich in Kurzprosa los von Deinem schweren Kreuz, nutze jeden Tweet als Therapie, um die im Herbst erreichten zwei Prozent richtig zu deuten und nicht mit dem Mandat zum Entern des Kanzleramtes zu verwechseln.
Die vertragliche Einigung zwischen Verlegern und Google, die in Frankreich getroffen wurde, könnte auch Vorbild für Deutschland sein. Das sagte Hans-Joachim Otto, Parlamentarischer Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums, in einer Sondersendung des Bloggercamps (ab Sendeminute 25).
„Es ist mir allemal lieber, wenn sich die Marktteilnehmer auf vernünftige Regelungen einigen können, auf eine Privatautonomie, als das der Staat irgendwelche Gesetze schreiben muss“, so Otto.
Die Verleger in Deutschland hätten leider in einer ersten Stellungnahme bekundet, dass das französische Modell für sie nicht in Frage kommt.
„Ich denke, die Bundesregierung sollte durchaus mit den Verlegern darüber reden, ob wir nicht doch einen Weg finden, der gewährleistet, dass sie ihre berechtigten Interessen durchsetzen und ihren Qualitätsjournalismus auch für die Zukunft retten, ohne in die Gefahr zu laufen, dass neue Business-Modelle damit erschwert oder abgewürgt werden“, erklärt Otto.
Ein Konzern wie Google wäre noch in der Lage, sich die notwendigen Lizenzen für die Veröffentlichung von Nachrichten zu kaufen. Für junge Unternehmen, die Nachrichtenportale oder News-Aggregatoren betreiben wollen, sehe das anders aus.
„Wenn es zu einer Einigung kommt, dann ist die rechtliche Änderung überflüssig. Eine Vereinbarung ist die Alternative zum Gesetzentwurf. Dazu muss es aber eine Bereitschaft auf beiden Seiten geben. Und ich kann nur an alle Beteiligten appellieren, dass sie ihren Teil dazu beitragen, auszuloten, ob nicht doch eine Regelung auf vertraglicher Ebene die sinnvollere und flexiblere Lösung ist. Der Gesetzentwurf, der von der Bundesregierung eingebracht wurde, hat eine Menge Kritik und Fragen aufgeworfen. Diese Fragen müssen wir seriös beantworten. Es könnte deshalb im Interesse aller Beteiligten sein, wenn wir statt der Gesetzesmaschinerie zu einer Lösung kommen, die einvernehmlich ist“, betont Otto.
Branchenlösungen seien der bessere Weg als starre Antworten des Gesetzgebers, die den technologischen Entwicklungen stets hinterherhinken. Allerdings müsste das jetzt schnell gehen, denn die Legislaturperiode endet im Sommer. Es sei jetzt fünf vor zwölf.
„Keiner kann die Hände in den Schoß legen, keiner sollte sich sicher sein, dass die Gesetzesänderung genau so durchgeht, wie sie eingebracht wurde. Es gilt immer das so genannte Strucksche Gesetz: Ein Gesetz kommt immer anders aus dem Bundestag heraus als es eingebracht worden ist. Das kann beim Leistungsschutzrecht auch passieren“, resümiert Otto in der Talkrunde des Bloggercamps.
Soweit die nachrichtliche Meldung, kurz nach unserer Sondersendung. Was denkt Ihr über diesen Vorschlag?
Wer im Netz anfängt, Liveübertragungen via Hangout On Air oder vergleichbare Plattformen laufen zu lassen, steht mit einem Bein im Knast oder könnte zumindest ein deftiges Ordnungswidrigkeiten-Verfahren mit Geldstrafen von bis zu 500.000 Euro kassieren.
Der Rundfunkstaatsvertrag ist ein Relikt aus den Zeiten von „Dalli Dalli“ und „Einer wird gewinnen“:
„Rundfunk im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages ist ein linearer Informationsdienst, der für die Allgemeinheit und zum zeitgleichen Empfang bestimmt ist und die Veranstaltung und Verbreitung von Angeboten in Bewegtbild oder Ton entlang eines Sendeplans unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen zum Inhalt hat. Private Veranstalter bedürfen zur Veranstaltung von Rundfunk einer Zulassung, §20 Abs. 1 Satz 1 RStV. Bundesweite Fernsehangebote bedürfen der medienrechtlichen Prüfung durch die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) sowie die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Für die Prüfung eines bundesweiten Zulassungsantrages rechnen Sie bitte mit einem zeitlichen Aufwand von zwei bis drei Monaten (!) bis zur abschließenden gebührenpflichtigen Genehmigungserteilung.“
Verstöße gegen dieses prächtige Regelwerk der Echtzeitkommunikation können mit einer Geldbuße von bis zu 500.000 Euro geahndet werden.
Foto von Hannes Schleeh
Ein echtes Innovationshindernis. Gleiches gilt generell für Politik und Wirtschaft, die die digitale Transformation blockieren:
Die Netzbetreiber erhoffen sich hohe Umsätze aus der digitalen Transformation der deutschen Wirtschaft. Sprachtelefonie ist ein Auslaufmodell und beim Datengeschäft schneiden die Content-Anbieter den größten Teil des Kuchens ab. Sie sind Gefangene ihrer Flatrate-Preispolitik und wollen endlich am Bit-Geschäft partizipieren. Doch diese Hoffnungen könnten sich als Blütenträume erweisen – zumindest in Deutschland. Die Wirtschaft ist seltsam lustlos auf dem Weg in eine vernetzte Ökonomie. Sie suhlt sich in ihren Erfolgen als Exportnation aus den guten alten Tagen der industriellen Massenproduktion und spekuliert auf eine industrielle Renaissance. Auf Facebook oder Google marschiert man wegen des guten Tons und intern wird auf den Einsatz von Social Web-Werkzeugen wenig wert gelegt. Es könnte ja die hierarchische Statik der eigenen Organisation ins Wanken geraten:
Digitale Schockstarre
„Die meisten warten ab. Das hemmt das Neue beträchtlich und verzögert den Übergang so sehr, dass man in gewisser Weise annehmen kann, es werde gar keinen geben“, moniert der Publizist Professor Gunter Dueck. Es dominiert die unverkennbare Unlust. Die Verlage haben keine Lust auf eBooks und kapitulieren in Schockstarre vor Amazon, das Fernsehen hat keine Lust, sich mit den nebenbei im Kleinen betriebenen Internetkanälen herumzuschlagen. Banken ergötzen sich an jeder Filiale, die noch offen ist. Die schrumpfenden Tageszeitungen wollen nicht so richtig wahrnehmen, warum sie nur noch halb so dick sind, weil Anzeigen der Sparten Immobilien, Kontakte, Stellenangebote oder gebrauchte Autos auf Portale im Netz und in Smartphone-Apps abwandern. „Die Unlust ist so sehr spürbar, dass man auch von Abwarten sprechen kann, dessen schlechtes Begleitgewissen durch halbherzige Versuche gemildert wird“, so Dueck.
Die Politik ergeht sich in aktionistischer Symbolpolitik und bringt noch nicht einmal die eigenen eGovernment-Projekte erfolgreich auf den Weg – Bund Online dürfte noch als vage Erinnerung abrufbar sein. Stichwort: Die digitale Kompetenz der Bundesregierung – Placebo-Lutschpastillen.
Deutschland verliert international den Anschluss und gleitet ins digitale Mittelmaß ab, warnt Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company.
Er spricht sogar von einer technologiefeindlichen Einstellung der Wirtschaft. Fast alle Branchen seien sogar unterdigitalisiert.
„Wir fallen sogar zurück. Es gibt in Deutschland eine gewisse Technologiefeindlichkeit, auch in Unternehmen. In Nordeuropa gibt es beispielsweise eine viel höhere Affinität zu neuen Technologien“, sagt Friedrich mit Blick auf die nächste Woche startende Mobile World in Barcelona.
Staatliche Impotenz
Als Bremsklotz erweise sich auch das regulatorische Umfeld. In Nordeuropa gebe es eine Gesetzgebung, die die Unternehmen verpflichtet, hohe Bandbreiten für schnelles Internet überall anzubieten und zwar für jedes Gebäude. Auch die Nachfragestimulation des Staates liege bei uns im Argen.
„Es gibt weltweit sehr viele eGovernment-Projekte, die die Nachfrage für digitale Dienste anregt. Nicht so in Deutschland“, bemängelt Friedrich.
Da bekommen die liebewertesten Gichtlinge des Staates schon Pickel beim Gedanken, Like-Buttons auf ihrer Webpräsenz zuzulassen.
“Nicht mal ein Drittel der Deutschen bekommen Internet, das schneller als 10 Megabit ist. Das Wachstum der Internet-Zugänge liegt unter einem Prozent”, so Banse.
Er bezieht sich auf den Monitoring Report “Digitale Wirtschaft 2012″ des Wirtschaftsministeriums, der sich eher wie eine Krankenakte liest. Eine Bemerkung, die Banse im c’t-Online-Talk von Deutschlandradio Wissen machte.
Deutschland sei auf diesem Feld international nicht konkurrenzfähig. Ähnlich sieht es auch bei der nächsten Generation des schnellen Internets aus: Glasfaser. Merkel spricht ja so gerne von der Gigabit-Gesellschaft.
“Das ist nur mit Glasfaser möglich. Nur 0,6 Prozent der Internetzugänge bestehen aus Glasfaser. In Japan sind es über 62 Prozent”, erläutert Banse.
Die Politik verhalte sich pragmatisch und wartet auf den Druck von außen, sagte bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk in der Bloggercamp-Sendung über die „Krankenakte digitale Wirtschaft“:
„Und der ist viel zu gering.“
Handwerk und Mittelstand wissen schlicht nicht, was sie mit digitaler Technologie anfangen sollten. Über Firmen-Wikis oder die Ausstattung der Außendienstmitarbeiter mit Tablet-Computern werde gar nicht nachgedacht.
„Und die Konzerne schnüren sich in einer übervorsichtigen IT-Hauspolitik ein und sperren moderne Social Web-Werkzeuge aus.“
Die Honigtopf-Innovationen
Etwas aktiver sind Staat und Wirtschaft beim Fördergeldwellen-Surfen. Da gibt es einen Überbietungswettkampf an digitalen Innovationen – für die Kulisse.
„Die Forschungsinstitutionen des Staates und der Wirtschaft pervertieren diese Maßnahmen, indem sie dadurch Geld verdienen, dass sie die Fördertöpfe unter sich aufteilen! Sie müssen gar keine Innovationen hervorbringen! Sie bewerben sich mit ihren Ideen einfach um die Fördergelder für die Umsetzung genialer Ideen und forschen mit diesen Geldern irgendwie weiter. Wenn dann die Finanzkontrolleure nach den aus Innovationen verdienten Geldern fragen, weisen sie die Einnahmen aus den Fördertöpfen vor. Ja, tatsächlich, sie haben es geschafft, aus ihren Ideen Geld zu machen“, schreibt Dueck in seinem neuen Buch „Das Neue und seine Feinde – Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“.
Studien, Publikationen, Impact-Points, Leuchtturmprojekte, Politiker-Pressetermine und einen ordentlichen Bonus für den spezialisierten Fördertopf-Innovationsmanager. Sobald die Förderung aufhört und die Mittel versiegen, marschieren die Winnie Puuhs des digitalen Wandels zum nächsten Honigtopf. Die gestoppten Projekte werden durch neue ersetzt, die wiederum neu gefördert und jährlich auf IT-Gipfeln der staunenden Öffentlichkeit als Theaterstück präsentiert werden.
Sollten Leser an der innovativen Fördergeld-Kreislaufwirtschaft zweifeln, empfiehlt Gunter Dueck eine Suchanfrage mit den Stichworten „Theseus“, „Galileo“ und „Ariane“. Oder schlicht: „Fördermittel verpulvern“.
Dirk von Gehlen will mit seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ aufzeigen, wie das Ablösen der Daten von ihrem Träger auch ihre Form verändert:
„Sie tauen dadurch auf, verflüssigen sich. Die Digitalisierung macht Kunst und Kultur zu Software – zumindest sollten wir sie, um die veränderten Bedingungen im Digitalen verstehen und nutzen zu können, wie Software denken. Wir sollten den Begriff der Version dem des singulären Original-Werkstücks entgegenstellen. Denn im Digitalen gilt, darauf weist Felix Stalder in seinem lesenswerten Text ‚Who’s afraid of the (re)mix? Autorschaft ohne Urheberschaft“ hin: Jede Werkbearbeitung schafft ein neues Werk, ohne das bestehende auszulöschen'“, schreibt Gehlen im Vorwort seines neuen Opus.
Es gehe nicht mehr einzig um das Werkstück, das früher auf analoge Datenträger gebannt wurde.
„Ein Film, ein Song, ein Text und alle digitalisierten Werkstücke werden ihren besonderen Zauber künftig immer mehr aus dem Prozess ihres Entstehens ziehen, denn einzig aus dessen Resultat“, so die Überzeugung des Buchautors, der mich als Unterstützer seines Werkes jede Woche über den Fortgang seines Projektes informiert.
Im Digitalen gibt es keine Abgeschlossenheit und keine Unveränderlichkeit. Wir stehen in einer andauernden Konversation. Texte, Videos und Audios werden im Netz dokumentiert, sie werden verbreitet und weitergenutzt, sie regen zum Dialog an und wir können sie überarbeiten, fortschreiben und diskutieren.
Finanziert wird das Gehlen-Buch über die Crowdfunding-Plattform Startnext. Und genau an dieser Stelle sind wir auf einer neuen Stufe der Kultur der Beteiligung, die das Internet möglich macht. Hier werde ein direkter Austausch zwischen Produzent und Konsument ermöglicht, meint Gehlen. Es sei keine Bettelei, wie Kritiker meinen, sondern es gehe um die Beteiligung der Crowd an innovativen Projekten. Normalerweise gebe man sein Buchmanuskript bei einem Verlag ab und kümmert sich nicht um den Rest. Beim Crowdfunding begleiten die Kunden den Entstehungsprozess und werden gefragt, was ihnen das Projekt wert sei. Und diese Werte entstehen nur durch die aktive Unterstützung – das sei das genaue Gegenteil von Bettelei.
Das ist weitaus schwieriger, als im Verborgenen irgendetwas auszubrüten und es dann mit großem Marketing-Geschrei unter die Leute zu bringen.
Man erlebt dabei immer mehr Menschen, die ohne Zwang, ohne Abo-Modelle, ohne Zahlungsschranken und ohne Schutzgesetze bereit sind, freiwillig für Start-ups, Kunst, Kultur oder Journalismus zu bezahlen. Sie widerlegen damit die Dauerschwätzer des Establishments, die nach staatlichen Hilfen schreien, um nicht durch die vermeintliche Kostenlos-Mentalität der Netzbewohner in den Abgrund gestürzt zu werden.
Die liebwertesten Lobby-Gichtlinge verrichten dafür das Tagwerk der Mächtigen in den Hinterzimmern der Berliner Republik – wie bei der brachialen Durchsetzung des Leistungsschutzrechtes. Sozusagen die gesetzliche Variante von Viagra, um altersschwachen Medien-Konglomeraten wieder Potenz zu verschaffen. An der Crowd reden sie dabei vorbei.
Um die Kultur der Beteiligung noch direkter, noch sichtbarer, noch echtzeitiger zu machen, starten mein Bloggercamp-Kollege Hannes Schleeh und ich das Startnext-Projekt „Die Streaming-Revolution – Ein fließendes Buch über und mit Hangout on Air“.
Es erscheint als eBook und bricht die Beschränkungen eine gedruckten Buches weiter auf. Über die Crowdfunding-Plattform bekommen unsere Unterstützer und Sponsoren nicht nur Möglichkeiten zur Beteiligung, sie werden Teil des Buches über die wöchentliche Bloggercamp-Werststatt, die wir live ins Netz übertragen.
Wir suchen nicht nur die Interaktion, wir wollen mit dem fließenden Buch neue Projekte der Graswurzel-Kommunikation via Hangout on Air anstoßen, die wiederum Bestandteil des eBooks werden. Die erste Version soll zur republica Anfang Mai fertig sein und in Berlin vorgestellt werden. Warum Streaming-Revolution? Weil wir davon überzeugt sind, dass die Kommunikation auf Augenhöhe mit der Netzöffentlichkeit die Kultur der Beteiligung weiter stärkt. Der Google-Dienst Hangout on Air bietet ja nicht nur Vorteil in der einfachen Bedienung, in der sofortigen Verfügbarkeit, Aufzeichnung und Archivierung über Youtube. Die Technologie steigert die Netzwerkeffekte von synchroner und asynchroner Kommunkation über zusätzliche Verbreitungs- und Diskussionskanäle.
Während Fernsehsender unter dem Buzzword „Social-TV“ um die Aufmerksamkeit der Zuschauer am Rechner buhlen, „nehmen die Online-Formate die Interaktionen im besten Fall gleich mit. Es braucht kein Neunziger-Jahre-Call-In-Verfahren wie bei Raab, um die Stimmung der Zuschauer einzufangen, kein verkrampftes Suchen von Kommentaren und Tweets, die anschließend eingeblendet oder vorgelesen werden, ohne wirklich darauf einzugehen. Online-Talkshows sind in dieser Hinsicht flexibler als ihre TV-Pendants, die Diskussionskultur ist direkter, ungezwungener, eine spontane Zuschaltung von Gästen ebenso möglich wie die Änderung des Programms, wenn es zu einem Thema doch einmal mehr zu sagen gibt“, schreibt Zeit Online.
Update:
Hier unsere Bloggercamp-Sondersendung zur Social Media Week in Hamburg. Die erste Session unserer Schreibwerkstatt für die Entstehung des Buches „Die Streaming-Revolution“.
Und hier ein Hangout on Air von Andreas Prokop, der live über unseren Live-Hangout berichtete 🙂
Für meine morgige The European-Kolumne zum Thema „Lustlos im Netz – Wie Politik und Wirtschaft die digitale Transformation blockieren“ bin ich im neuen Buch von Professor Gunter Dueck auf eine herrliche Lesefrucht gestoßen, die ich natürlich sofort als Abschluss meines Beitrages verwenden musste:
Es geht um die Abwehr gegenüber der notwendigen digitalen Transformation, die übrigens leider auch in netzpolitischen Diskursen nicht so richtig auf der Agenda steht, wenn man sich mal die täglichen Treffer auf Rivva anschaut. Aber das ist noch ein Thema für weitere Storys, die ich in nächster Zeit aufgreife werde.
Hier nun der Auszug meiner Kolumne:
Etwas aktiver sind Staat und Wirtschaft beim Fördergeld-Wellensurfen. Da gibt es einen Überbietungswettkampf an digitalen Innovationen – für die Kulisse.
„Die Forschungsinstitutionen des Staates und der Wirtschaft pervertieren diese Maßnahmen, indem sie dadurch Geld verdienen, dass sie die Fördertöpfe unter sich aufteilen! Sie müssen gar keine Innovationen hervorbringen! Sie bewerben sich mit ihren Ideen einfach um die Fördergelder für die Umsetzung genialer Ideen und forschen mit diesen Geldern irgendwie weiter. Wenn dann die Finanzkontrolleure nach den aus Innovationen verdienten Geldern fragen, weisen sie die Einnahmen aus den Fördertöpfen vor. Ja, tatsächlich, sie haben es geschafft, aus ihren Ideen Geld zu machen“, schreibt Dueck in seinem neuen Buch „Das Neue und seine Feinde – Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“. Klingt irgendwie nach dem Bestseller von Karl Popper.
Und welche Ernte bringen die innovativen Tarnkappenbomber? Studien, Publikationen, Impact-Points, Leuchtturmprojekte, Politiker-Pressetermine und einen ordentlichen Bonus für den spezialisierten Fördertopf-Innovationsmanager. Sobald die Förderung aufhört und die Mittel versiegen, marschieren die Winnie Puuhs des digitalen Wandels zum nächsten Honigtopf. Die gestoppten Projekte werden durch neue ersetzt, die wiederum neu gefördert und jährlich auf IT-Gipfeln der staunenden Öffentlichkeit als Theaterstück präsentiert werden. Sollten The European-Leser an der innovativen Fördergeld-Kreislaufwirtschaft zweifeln, empfiehlt Gunter Dueck eine Suchanfrage mit den Stichworten „Theseus“, „Galileo“ und „Ariane“. Oder schlicht: „Fördermittel verpulvern“.
Die Netzbetreiber erhoffen sich hohe Umsätze aus der digitalen Transformation der deutschen Wirtschaft. Doch diese Hoffnungen könnten sich als Blütenträume erweisen. Die Wirtschaft ist seltsam lustlos auf dem Weg in eine vernetzte Ökonomie. Sie suhlt sich in ihren Erfolgen als Exportnation aus den guten alten Tagen der industriellen Massenproduktion und spekuliert auf eine industrielle Renaissance. Die Politik ergeht sich in aktionistischer Symbolpolitik (als jährlicher Höhepunkt sichtbar auf dem Altherren-IT-Gipfel) und bringt noch nicht einmal die eigenen eGovernment-Projkte erfolgreich auf den Weg (Bund Online als Stichwort: Die digitale Kompetenz der Bundesregierung – Placebo-Lutschpastillen). Deutschland verliert international den Anschluss und gleitet ins digitale Mittelmaß ab, wie Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company konstatiert. Er spricht sogar von einer technologiefeindlichen Einstellung der Wirtschaft.
Morgen geht es in meiner The European-Kolumne natürlich auch um das Thema „Lustlos im Netz“. Anregungen, Kommentare, Meinungen, Studien kann ich heute noch so bis 16 Uhr verarbeiten. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe zu unseren beiden Sendungen #bloggercamp
Der kommerzielle Erfolg von mobilen Internetanwendungen, -inhalten und -diensten geht bisher weitgehend an den Netzbetreibern vorbei. Das Geschäft machen Apple, Google und Co. Kein neuer Sachverhalt also. Die Datenexplosion bringt allerdings die Netzinfrastruktur immer häufiger an die Belastungsgrenze. Es drohen massive Ausfälle. Das machte Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company auf einem Pressegespräch in Düsseldorf deutlich. Traditionell wagt Friedrich kurz vor dem Start der Mobile World in Barcelona einen Ausblick auf die wichtigsten Trends der Branche für Telekommunikation.
Ohne massive zusätzliche Investitionen sei in Westeuropa das Limit der bestehenden Netze bereits in zwei Jahren erreicht. Insbesondere zu Spitzenzeiten könnten Engpässe auftreten. Um das allein in Deutschland anstehende Investitionsvolumen von über 30 Milliarden Euro für den Ausbau des neuen Mobilfunkstandard LTE und Glasfasernetze aus den Überschüssen finanzieren zu können, müsse es den Netzbetreibern schnellstmöglich gelingen, den zunehmenden Datenverkehr in Umsätze zu verwandeln.
Vor diesem Hintergrund war Ansicht von Friedrich die Einführung der Datenflatrate ein historischer Fehler der Netzbetreiber, denn wenige Power-Nutzer verursachen das Gros des Datenverkehrs. Im Schnitt erzeugen fünf Prozent der stärksten Datennutzer rund 75 Prozent des Datenvolumens eines Anbieters. Mit der sukzessiven LTE-Einführung öffnet sich ein Zeitfenster, um die Flatrate-Politik zu beenden oder zu reduzieren.
Künftig sollten Kunden einen Aufschlag für ein schnelles und sicheres Netz oder die bevorzugte Behandlung bei etwaigen Engpässen beim Datenzugang bezahlen. Nur so könnten die Telekommunikationsfirmen wieder substantielles Wachstum aus dem exponentiell wachsenden Datenaufkommen gewinnen und ihre Investitionen in die dafür notwendige Infrastruktur refinanzieren. skizziert Friedrich. So machen Verizon und AT&T aus den USA den europäischen Anbietern bereits eindrücklich vor, wie sich mit Preisdifferenzierung je nach Gerät und Integration aller mobilen Verbindungen unter einem Vertrag die Wachstumsraten und die Profitabilität erheblich steigern lassen.
Was so harmlos klingt, dürfte netzpolitisch noch zu einigen Nachbeben führen, wenn spezielle Pakete geschnürt werden, die beispielsweise Google-Dienste oder Facebook bevorzugen.
Genauso spannend dürfte die Diskussion verlaufen, wie TK-Konzerne über digitale Dienste für die Wirtschaft neue Umsätze erzielen. In Deutschland sind dafür die Voraussetzungen schlecht, sowohl auf Seiten der Wirtschaft als auch auf Seiten der Politik. Von Technologiefeindschaft von Unternehmen ist da die Rede und von unzureichenden Impulsen der Regierung. Am wenigsten Nachfrage erzeugen wohl die eGovernment-Projekte des Bundes. Da sind die 9MB-Mailfächer des Bundesinnenministeriums wohl kein Zufall….
Beide Themen habe ich in Düsseldorf angeschnitten mit spannenden Antworten von Dr. Friedrich.
Über den schleppenden Breitbandausbau, über die Lustlosigkeit der TK-Konzerne bei Investitionen in eine moderne Infrastruktur und über die Lippenbekenntnisse der Politik auf dem IT-Altherren-Gipfel, denen keine Taten folgen.
„Wir geben uns keine Mühe, um an der Spitze dabei zu sein. Die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hat in Deutschland keinen hohen Stellenwert. Bei der Politik erstaunt mich das nicht. Aber die Industrie müsste doch stärker auf den Putz hauen“, kritisierte Schwenk.
Es gebe keinen Masterplan für die vernetzte Ökonomie, weil das von der Wirtschaft nicht nachdrücklich gefordert wird. Die Spitzenverbände würden sich lieber auf ihren Lorbeeren ausruhen, die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten als Industrienation erarbeitet haben. Das könnte sich in den nächsten Jahren rächen.
„Die Politik verhält sich pragmatisch und wartet auf den Druck von außen. Und der ist viel zu gering“, so Schwenk. Handwerk und Mittelstand wissen schlicht nicht, was sie mit digitaler Technologie anfangen sollten. Über Firmen-Wikis oder die Ausstattung der Außendienstmitarbeiter mit Tablet-Computern werde gar nicht nachgedacht. „Und die Konzerne schnüren sich in einer übervorsichtigen IT-Hauspolitik ein und sperren moderne Social Web-Werkzeuge aus“, sagte Schwenk in der Bloggercamp-Runde.
An der Abwanderung der High Potentials nach Kalifornien, Shanghai oder Tel Aviv sei aber mittlerweile erkennbar, dass wir in Deutschland als Hightech-Standort zurückfallen, bemerkte Hangout On Air-Operator Hannes Schleeh.
Um 12 Uhr starten wir unsere Schreibwerkstatt für das Buch „Die Streaming-Revolution – Ein fließendes Buch über und mit Hangout On Air“.
In meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin The European geht ich noch ausführlicher auf die digitale Lustlosigkeit mit einem kleinen Exkurs zum neuen Buch von Gunter Dueck ein: „Das Neue uns seine Feinde – Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“.
Bis Dienstag so gegen 14 Uhr könnte ich noch Statements verarbeiten und auch noch Interviews führen. Am liebsten über Hangout On Air.
Dann schnell noch melden, wer etwas zum digitalen Status und zu den Zukunftsaussichten der vernetzten Ökonomie in Deutschland sagen möchte.
Jetzt fahre ich erst mal zum Düsseldorfer Pressegespräch von Booz & Co., bei dem es traditionell eine Vorschau zur Mobile World in Barcelona. Breitband spielt da natürlich auch eine Rolle.
Aus gutem Grund klagt Mirowski über einen Mangel an Folgen:
„Verändert hat sich nur, dass viel mehr Leute keine Arbeit haben und Regierungen zugeben mussten, dass ihre Haushalte außer Kontrolle geraten sind. Was alles sehr seltsam ist, wenn man die Wucht und Reichweite der Krise in Betracht zieht.“
Und was noch kritikwürdiger ist: Die Gier der Casino-Kapitalisten wird als Betriebsunfall oder Störfall abgetan, Für diejenigen, die gerne spielen, ist es immer besser zu überprüfen online casino nj anstatt zu einem eigentlichen Casino zu gehen.
Und das ist selbst bei den härtesten Kritikern des Finanzkapitalismus zu finden:
„Lesen Sie nur David Graebers Buch ‚Schulden‘, in dem er über fünfzehnhundert Jahre zurückblickt und dauernd enorme Schuldenzyklen ausfindig macht. Eine verständliche Reaktion, aber dass so viele Leute daran glauben, finde ich etwas merkwürdig. Denn die Krise hat ein paar ganz spezielle Aspekte zu bieten. Zuallererst den, dass die Leute es vorziehen, lediglich eine Makrokrise zu sehen, und das ist sie ohne Zweifel nicht. Paul Krugman etwa will nur die Makroökonomie verändern und glaubt, dann sei alles beherrschbar. Aber das ist nicht wahr“, so Mirowski.
Es reicht also nicht aus, sich die Köpfe über makroökonomische Steuerungsfragen heiß zu reden und auf Wunder über Veränderungen von fiskal- oder geldpolitischen Stellschrauben zu hoffen. Das ist politisch naiv und für die Gesellschaft sowie für die Realwirtschaft höchst gefährlich. Für die Makroökonomen ist das ja auch recht bequem. Man disputiert selbstreferentiell über die Frage, ob mehr oder weniger Schulden für die Gesundung von Volkswirtschaften notwendig sind. Ökonomen würden sich ja die Hände schmutzig machen, wenn sie die Motorhaube ihrer Formelwelt aufklappen und die Ölspuren der eigenen Homunculus-Ideologie wahrnehmen müssten. Sie würden dann beispielsweise die schmutzigen Tricks der Eigenkapitalräuber erkennen – also die Raubzüge der Private Equity-Gesellschaften.
Da müsste man schon eine große Portion Staatskunst mitbringen, um mit klugen gesetzlichen Maßnahmen diesen Sumpf trockenzulegen. Ceteris paribus-Modellrechnungen helfen da nicht weiter.
Dabei könnte man das Heuschreckentum relativ gut recherchieren und an die Öffentlichkeit bringen. Wäre eine schöne Aufgabe für die Datenjournalisten.
Zunächst gründen die Käufer eine neue Gesellschaft. Die nimmt ein Darlehen auf und erwirbt damit ein bislang rentabel arbeitendes Unternehmen. Anschließend werden beide Gesellschaften miteinander verschmolzen. Die Darlehensschulden liegen nun beim aufgekauften Unternehmen. Dann wird das ganze Konglomerat in eine GmbH umgewandelt – wegen der geringeren Veröffentlichungspflichten. Das liquide Vermögen wird dann bis zur Grenze des rechtlich Zulässigen an die neuen Gesellschafter ausgezahlt – so etwas nennt man in Branchenkreise „Recap“. Das übernommene Unternehmen wird also nach dem Wieselprinzip wie ein Ei ausgesaugt und danach an einen weiteren Finanzinvestor weitergereicht, der die Reste aufsammelt und verscherbelt. Neudeutsch bezeichnet man das als „secondary buyout“.
Bis ein Unternehmen von den Firmenjägern wieder verkauft wird, müssen darüber hinaus die Schulden zurückgezahlt werden: „Bootstrapping“ also Stiefelschnüren wird diese Technik in der Private-Equity-Szene genannt.
Manche Übernahme-Kandidaten werden auch an die Börse gebracht – das passiert ziemlich selten. Dann haben die neuen Aktionäre das Problem. Am Schluss wartet das Insolvenzverfahren.
Die Private-Equity-Gesellschaften vernebeln ihre Methoden in der Öffentlichkeit und reden lieber von der Notwendigkeit der Restrukturierung, Rekapitalisierung und Wiederbelebung des Übernahmekandidaten. Man wolle Firmen wieder ertüchtigen. In Wahrheit geht es um krumme Geschäfte für Anleger, denen man Erträge von 25, 30 oder gar 40 Prozent verspricht. Die Anleger sind entweder Einzelpersonen – teilweise aus dem Dunstkreis des übernommenen Unternehmens – oder Institutionen. Und die zeichnen die Private Equity-Fonds auf den Cayman Islands. Für diese halbseidenen Geschäfte müssen die „Investoren“ weniger Formulare ausfüllen als bei der Führerscheinprüfung in Deutschland. Die Namen der Aas-Geier werden natürlich nicht preisgegeben. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten zumindest Offenlegungspflichten gelten, um den Insidergeschäften der Firmenjäger auf die Spur zu kommen:
„Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisiert der ehemalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert.
Das Mindeste, was man von diesen Anteileignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen. Am Beispiel des DSD-Müllkonzerns hätte es wohl einige böse Überraschungen gegeben. Politisch wäre es für die beteiligten „honorigen“ Persönlichkeiten nicht möglich gewesen, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen – da bin ich mir sicher. In Ansätzen hat das Wolfgang Huhn aufgedeckt in einer Reportage über den Grüne Punkt-Müllkonzern DSD. Die Spuren auf den Cayman-Inseln konnten leider nicht aufgedeckt werden – da wäre sonst der eine oder andere Name einer hochstehenden Persönlichkeit der Deutschland AG zum Vorschein gekommen. Hier ein kurzer Ausschnitt des Wolfgang Huhn-Films für die Sendung „die story“:
Mit Offenlegungspflichten wäre es Wolfgang Huhn in den rund 12 Monaten, die er mit Unterbrechungen für die Recherche benötigte, mit Sicherheit gelungen, die Verbündeten im Deal der Firmenjäger ans Tageslicht zu bringen. Das DSD ist übrigens von KKR in einem so genannten Management-Buy-out-Verfahren weiter verkauft worden. Neuer Eigentümer sind der DSD-Vorstandschef Stefan Schreitet und sein Managementteam. Das Management wurde bei der Übernahme von einer Gruppe „privater und institutioneller Investoren unterstützt“, heißt es in einer Presseverlautbarung. Dazu zählte Philippe von Stauffenberg von Solidus Partners, eine Private Equity-Firma mit Sitz in London….
Aber das ist nur ein Aspekt der zerstörerischen Wirkung des Raubtier-Kapitalismus.
Um das Problem an den Wurzeln zu packen, fordert Mirowski den Rückbau des Schattenbankensektors.
Ebenso wichtig ist es, sich mit dem ideologischen Überbau der finanzkapitalistischen Räuber zu beschäftigen. Warum hat sich das Vampir-System so epidemisch ausgebreitet? Einen Ursprung sieht der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in den spieltheoretisch fundierten Mathematikern und Physikern, die sich als Strategen des Kalten Krieges in Szene setzten und nach dem Niedergang des Sowjetimperiums an der Wallstreet als Finanzakrobaten verdingen. Es geht um das Ideenfundament der Homunculus-Ökonomie, in der Menschen zu Automaten degradiert werden.
Und noch penetranter. Im Zentrum der Analysen von Schirrmacher, die er in seinem neuen Buch „Ego“ ausbreitet, steht die RAND Corporation und ihre Arbeit für das Militär. Gespickt mit Wissenschaftlern, die der neoklassischen Schule entstammen.
„Ihre zündende Idee: Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionieren.“
Dieses Abbild eines Menschen geistert als Doppelgänger, Dummy oder ökonomischer Agent durch die Modellrechnungen. Etwa in dem Grundlagenwerk „Spieltheorie und ökonomische Verhalten“ des Universalgenies John von Neumann und seines Kollegen Oskar Morgenstern. Zu den RAND-Vordenkern zählt auch der paranoide und schizophrene Mathematiker John Nash, bekannt geworden durch die Kinoverfilmung „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle. Die politische Tragweite des theoretischen Konstruktes von Nash fielen dabei unter dem Tisch. Beim Glamour-Betrieb in Hollywood ist das nicht verwunderlich. Aber was trieb das Nobelpreiskomitee in Stockholm, Nash im Jahre 1994 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften auszuzeichnen?
Nash war es, „der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war“, schreibt Schirrmacher in seinem Opus „Ego“. Es geht also um das berühmte Nash-Gleichgwicht, dass sich heute in Börsenalgorithmen von Hedgefonds, in Auktionsplattformen, in den mächtigsten Werbealgorithmen der Welt befindet und wohl auch in sozialen Netzwerken. Der große Ego-Automat unserer Systeme, von dem übrigens auch der Google-Chefökonom Hal Varian beseelt ist. Er zählt nach Angaben von Schirrmacher zu Entwicklern der spieltheoretischen Modelle für Google Adwords.
„Damals spielten menschliche und künstliche Hirne millionenfach alle erdenklichen Szenarien durch, die den Feind manipulieren, austricksen, verwirren, motivieren, erschrecken, lähmen und zu Handlungen verführen sollen. Heute geht es darum, mit den Modellen das Verhalten egoistischer Mitspieler vorherzusagen“, so Schirrmacher.
Vielleicht waren Nash und Konsorten auch nur ängstliche Kinder, die sich von allem und jedem bedroht fühlten. So war es jedenfalls beim Ernstfall-Theoretiker Carl Schmitt und beim Untergangspropheten Oswald Spengler. Kleine Hosenscheißer, die im Erwachsenenalter ihre Paranoia auf die Gesamtheit projizieren und sich kein anderes Leben denken können als das Freund-Feind-Schema im Schützengraben. Die Schriften der zu kurz gekommenen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für Sandkastenspieler. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen.
„O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.”
Das Ganze sagt also mehr über das Menschenbild der Gesellschaftskonstrukteure aus und wenig über die Menschheit – wer kann sich auch anmaßen, über die Gesamtheit aller Menschen zu urteilen.
Problematisch an diesen egozentrischen Theorien ist nicht nur der deskriptive, der beschreibende und erzählerische Teil. Sie postulieren nicht nur Egoisten, sie produzieren sie, kritisiert der FAZ-Herausgeber.
In dieser Schützengraben-Ideologie entsteht vernünftiges Verhalten nicht durch vernünftige Argumente oder einem Streit der Meinungen, sondern durch Drohungen und Angst vor Vernichtung. Diese Rationalität wird auch auf dem Finanzparkett durchgespielt – aufgeladen mit der Kriegsrhetorik der Spekulanten, die von „skalpieren“, „killen“ und „ausblasen“ sprechen und jede Kurs- oder Zinsänderung mit Schlachtgeräuschen über Lautsprecher jagen. Wie beim Drohneneinsatz sehen Trader keine menschlichen Gestalten mehr. Es sind nur noch Lichtpunkte in Form von Zahlen. Sie starren wie bei einer militärischen Operation auf Monitore und verorten die Einschläge, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das Vokabular stammt aus der Zeit der gegenseitigen atomaren Abschreckung:
„Jetzt drohen spieltheoretisch versierte Banken damit, dass ihr Untergang, wenn sie nicht ‚gerettet‘ werden, zum Untergang des gesamten Finanzsystems wird. Die Botschaft lautet in einer atemberaubenden Umkehrung moralischer Verantwortlichkeit: Rettet uns, damit ihr euch nutzt“, führt Schirrmacher aus.
Also die perfide Logik der Too-big-to-fail-Strategen. Es gibt einen einfachen Satz, mit dem man nach Ansicht des Ego-Autors „die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie lahmlegen und neue Freiheiten schaffen kann, ganz gleich, ob es sich um todsichere Spekulationen auf die Zukunft von Märkten und ihre Leidenschaften handelt. Der Satz, um die Marionette zu töten, lautet: Die Antwort war falsch.“ Oder eben, die Antwort lautet 42….
Big Data und sonstige Automaten-Regime tötet man auch durch Open Data. Es muss nur deutlich werden, dass diese Algorithmen-Götzen unsere eine Welt vorgaukeln wie beim Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Wäre doch eine nette Idee für eine Plattform zur Entlarvung der Nash-Ideologen.
Gerade schwebte ein Werbebriefchen von Printfinder in meinen Briefkasten. Überschrift des Schreibens: „Günstiger Bücher drucken im Baltikum“.
„Guten Tag und schöne Grüße aus Lettland!
Seit 2002 druckt Printfinder Bücher und andere Druckprodukte für Kunden in Deutschland und Skandinavien. In den letzten zehn Jahren ist Lettland beim Buchdruck zu einem führenden Exportland in Europa aufgestiegen, und wir sind stolz darauf, dazu beigetragen zu haben.
Viele Drucksachen können mit wesentlichen Preisvorteilen bei uns produziert werden. Nicht selten sparen unsere Kunden bis zu 40 Prozent (!) des deutschen Druckpreises. Dies betrifft vor allem Hardcover- und Softcover-Bücher in Auflagen von 300 bis 5.000 Exemplaren sowie Kataloge und Prospekte in unterschiedlichen Auflagen. Zudem sind wir auch im Siebdruckbereich (Freunde der Schreibkunst, hört auf, ständig „Bereich“ zu schreiben. Siebdruck hätte es auch getan, gs) tätig, wo die Kostenvorteile oftmals noch höher sind. Gewöhnlich betragen unsere Lieferzeiten nicht mehr als drei Wochen.“
Soweit ein kleiner Auszug des Briefes aus dem schönen Riga. Da sind wir dann mitten im Thema Billiglöhne, Leiharbeiter, Arbeitsbedingungen, Dumpingpreise und sonstigen Ärgernissen, die derzeitig im Netzdiskurs hochschwappen. Und Printfinder ist nur einer von vielen Anbietern aus Osteuropa, die sich einen gnadenlosen Preiskampf liefern. Und die Verlage in Deutschland zählen zu den beliebtesten Kunden. Der Mindestlohn in Lettland liegt übrigens deutlich unter 300 Euro. Wer also aus der Verlagsbranche und Literaturszene mit dem Finger auf Amazon zeigt, sollte sich fragen, welche Rolle er selbst spielt beim Wettlauf um niedrige Preise, die wiederum zu erbärmlich schlechten Löhnen führen.
Das soll Amazon nicht frei sprechen. Die Beschwichtigungstöne des amerikanischen Konzerns nach der Ausstrahlung der ARD-Reportage „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ haben den Shitstorm im Social Web erst so richtig beflügelt. So kann man mit dem Thema nicht umgehen. t3n hat das sehr gut zusammengefasst.
Der Bericht und die Aufregungswelle wird wohl auch dem Fundamentalkritiker Roland Reuß neue Nahrung geben. Der Heidelberger Germanist ist laut buchreport.de kein Freund von Open Access, warnte vor der Bücher-Digitalisierung durch Google und befürchtet jetzt, dass Amazon erst die Buchhandlungen und dann die Verlage „abmetzelt“. Sein Ratschlag an Sortimenter: Finger weg vom E-Book-Geschäft. Im Interview mit buchreport.de führt Reuß die Kritik an Amazon und am digitalen Gseschäft von Buchhandlungen weiter aus, die er in in einem Gastbeitrag für die FAZ zu Papier brachte.
Er ist wirklich der Ansicht, dass die Krise des Buchhandels nicht hausgemacht sei – „sieht man einmal davon ab, dass es flächendeckend immer wieder Läden gibt, die etwa keine Lust haben, bei Verlagen direkt zu bestellen und behaupten, es gebe bestimmte Bücher nicht, bloß weil sie ihr Grossist nicht auf Lager hat.“
Die Krise sei durch die Investitionen des amerikanischen IT-Kapitals hervorgerufen und da speziell durch die Infrastruktur, die Amazon, von weiten Teilen der Öffentlichkeit in ihrer Problematik unbemerkt, in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut hat.
„Die beuten systematisch die Faulheit der Leute aus (Bequemlichkeit) und schaden nicht nur der Buchbranche, sondern dem Einzelhandel insgesamt – und zwar massiv. Das wird bald auch ein wirtschaftliches Problem in jeder Region Deutschlands werden. Mich wundert, warum die Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor Ort nicht stärker in die Pflicht genommen werden.“
Es gehe auch um einen bedeutenden Rückgang von Umsatz- und Gewerbesteuer und natürlich auch um drohende Arbeitslosigkeit.
„Dass die Firma mit Sitz in Luxemburg, die das planierraupenmäßig auf der ganzen Welt durchzieht, von einem korrupten EU-Recht steuerlich profitiert und durch Steuerersparnis Gewinne macht, ist nicht hinnehmbar. Die Franzosen haben es immerhin soweit gebracht, dass sie das Unterlaufen der Buchpreisbindung durch die Portofreistellung unterbunden haben. Das ist schon einmal ein erster Schritt“, so Reuß.
Zudem habe Amazon gezielt die Antiquariatsportale ZVAB und Abebooks aufgekauft.
„Außerdem werden Privatanbieter ermuntert, auf der Amazon-Website antiquarisch Bücher angeboten. An sich wäre das noch nicht schlimm. Man kann aber die Beobachtung machen, dass bereits bei Erscheinen nagelneue Bücher zu günstigeren Preisen als dem gesetzlichen Ladenpreis angeboten wird, manchmal wird sogar geworben dafür, dass diese Bücher noch eingeschweißt sind. Das kann gar nicht sein.“
Es folgt noch der Hinweis auf eine Strafanzeige von Reuß gegen Amazon wegen Hehlerei. Ein angriffslustiges Kerlchen. Dahinter verbirgt sich allerdings auch eine große Portion Blendwerk.
Wenn er beispielsweise Amazon als Luxemburger Steuerumgehungskonzern tituliert und die braven lokalen Buchhandlungen als ehrliche Steuerzahler in den Himmel hebt. Glaubt er wirklich, dass die großen Verlage und Buchhandelsketten keine Strategien zur Steuerminderung entwickeln? Und hat sich Reuß überhaupt mal die Mühe gemacht, sich mit der Bilanz von Amazon auseinanderzusetzen? Beispielsweise über die Höhe der Zahlungen an den deutschen Fiskus, über die Höhe der Gewerbesteuer, die Amazon an den eigenen Standorten abführt? Der amerikanische Konzern ist mitnichten ein Säulenheiliger. Aber die Dämonisierung von eBook, Vernetzung, Boom des Onlinehandels und Amazon führt die Buchbranche genauso ins abseits wie die Musikkonzerne und den stationären Handel.
Die Krise des Buchhandels ist nicht hausgemacht? Wie viele gute Buchhandlungen sind bereits durch die Buchkaufhäuser in den Abgrund gestürzt worden? Wie viele Druckereien mussten schon dichtmachen, weil große und kleine Verlage mittlerweile ihre Druckaufträge nach Osteuropa verlagern? Und wie sieht es mit den Buchhandelsketten aus, die in der Nachbarschaft noch ein modernes Antiquariat im Portfolio bieten mit schön eingeschweißten Büchern und der Aufschrift „Lagerschäden“? Das sind die gleichen Anbieter, die kurz via Amazon Marketplace kurz nach dem Erscheinen eines neuen Buches das Werk für einige Euros billiger verkaufen und damit die Buchpreisbindung unterlaufen – es sind deutsche Anbieter, Herr Reuß.
Und wie steht es um die Buchdruck-Kultur in Deutschland? Es dominiert wohl eher auswechselbare Massenware. Auch die Kunst der Buchillustration, die in den 1920er Jahren eine Blütezeit hatte, befindet sich im Siechtum. Wer macht noch so tolle Bücher wie der Georg Müller Verlag – etwa die Halbleder-Ausgaben der Abtei Thelem? Auch die kann man mittlerweile mit der Lupe suchen.
Warum soll ich denn zu Hugendubel, Thalia und Co. gehen mit einer mittelmäßigen Beratungsleistung, die ich im Internet weitaus besser vorfinde? Es gibt immer noch sehr gute Literaturbuchhandlungen wie den Buchtempel von Klaus Bittner in Köln. In jeder größeren Stadt findet man davon vielleicht noch ein oder zwei Geschäfte. Mit sinkender Tendenz. Das wird die Buchbranche nicht retten. Auch das eBook-Bashing geht völlig am Thema vorbei. Reuß und Co. unterschätzen die Formatrevolution, die sich auch bei Büchern abspielt. Die Kipp-Geschwindigkeit nimmt zu. Aber immer noch sitzen beispielsweise die Verlage auf dem hohen Roß und lamentieren darüber, ob es gerecht sei, dass Amazon eBooks einführt, kritisiert Professor Peter Wippermann vom Trendbüro Hamburg im ichsagmal-Interview.
“Gleichzeitig brechen die Großflächen-Kaufhäuser für Bücher zusammen, weil es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr lohnt. Redaktionen werden abgebaut, weil das Vertriebssystem Papier nicht funktioniert. Hier gerät die analoge Industriewelt in den nächsten zehn bis 20 Jahren stärker unter Druck als es in den vergangenen 20 Jahren der Fall war.”