Die Kraut-Ökonomie: Nur ein Nischen-Phänomen?

Ende der Massenproduktion?

Die vernetzte, kollaborative und digitalisierte Welt reduziert die Eintrittsbarrieren, um als Produzent tätig zu werden! Es fördert die Autonomie und schwächt das Regime der Fremdbestimmung. Das spüren nicht nur die Zeitungsverlage. Siehe meine Kolumne für The European, die Anfang Dezember des vergangenen Jahres erschien.

„Die Kultur der meisten Mega-Konzerne mit ihren ausgeprägten Hierarchien, ihren starren Formalitäten, ihren unbeholfenen Kommunikationsmechanismen und als Resultat davon ihren langsamen Reaktionszeiten passt offensichtlich nicht mehr zu dem heute herrschenden Tempo. Sie ist nicht mehr vereinbar mit der heute existierenden Wirtschaftskultur und erscheint im Vergleich dazu alt und atemlos“, bemerkt der Philosoph Frithjof Bergmann.

Neue Techniken und die Open-Source-Prinzipien forcieren diese Entwicklung, die sich von der überholten industriellen Massenproduktion wegbewegt.

Besonders spannend sind dabei die vielen Crowdfunding-Initiativen, die auch in deutschsprachigen Ländern wie Pilze aus dem Boden schießen, wie Dirk von Gehlen am Beispiel seines Buchprojektes „Eine neue Version ist verfügbar“ beim Digitalen Quartett darlegte. Hier werde ein direkter Austausch zwischen Produzent und Konsument ermöglicht. Es sei keine Bettelei, wie Kritiker meinen, sondern es gehe um die Beteiligung der Crowd an innovativen Projekten. Normalerweise gebe man sein Buchmanuskript bei einem Verlag ab und kümmert sich nicht um den Rest. Beim Crowdfunding begleiten die Kunden den Entstehungsprozess und werden danach gefragt, was ihnen das Projekt wert sei. Und diese Werte entstehen nur durch die aktive Unterstützung – das sei das genaue Gegenteil von Bettelei.

Verändert sich dadurch die Ökonomie im Ganzen? Davon bin ich zutiefst überzeugt. Es ist die perfekte Form der Beteiligung, die sich im Crowdfunding manifestiert. Es könnte das etablierte Finanzsystem in den Schatten stellen, Unternehmensgründungen beflügeln, als Katalysator für Innovationen fungieren und für eine Demokratisierung der Beziehungen zwischen Unternehmen und Konsumenten beitragen.

Anne Haeming beschreibt in der FAS diese Effekte im Journalismus: „Dagegen ist eine Crowd gewachsen“ lautet der Titel des Beitrages. Etwa das am Dienstag startende Projekt „Krautreporter“:

„Man muss die Nutzer als Investoren betrachten, die Kosten transparent machen, kontinuierlich über den Stand der Dinge bloggen, sie einbeziehen“, schreibt Haeming.

All das ist nicht nur in klassischen Verlagen und Redaktionen undenkbar. Das gilt auch für den Rest der Unternehmenswelt. Und ob diese Graswurzel-Bewegungen die Medienbranche nur „ergänzen“ werden, wie die FAS-Autorin meint, bleibt noch abzuwarten. Vielleicht erleben wir eine Metamorphose der Volkswirtschaft im großen Stil. Könnte noch einige Zeit dauern, aber ich sehe hier einen weiteren „Tipping Point“.

Vielleicht werde ich das in meiner Mittwochskolumne aufgreifen. Da brauche ich aber noch ein wenig mehr Input. Mal schauen, was ich da an weiteren Ideen zu Papier bringen kann.

7 Gedanken zu “Die Kraut-Ökonomie: Nur ein Nischen-Phänomen?

  1. „Verändert sich dadurch die Ökonomie im Ganzen? Davon bin ich zutiefst überzeugt. Es ist die perfekte Form der Beteiligung, die sich im Crowdfunding manifestiert.“
    Ich habe da mein Zweifel … Um die Ökonomie als Ganzes zu verändern, müsste das CROWDFUNDING in seiner Summe die Größenordnungen erreichen, mit denen sich der Kapitalbedarf großer Innovationen decken lässt, wie sie zum Beispiel den Kondratieffzyklen zugrundeliegen. Das sehe ich nicht kommen.
    Auch die „perfekte Form der Beteiligung“ gerät an ihre Grenzen, wenn bei massenhafter Beteiligung notwendig aufbrechende innere Widersprüche zwischen den Beteiligten deren Gemeinsamkeiten überdecken und dominieren. Diese inneren Widersprüche und Gegensätze spielen anfangs keine Rolle. Denn das soziale System (der Krauter) gewinnt seine Unterscheidbarkeit, seine Identität, durch die „den anderen, Etablierten“ fehlende kollektive Begeisterung. Nach der Euphorie des Anfangs genügt das nicht mehr.

  2. Denk an Patente und du hast schnell die Branchen, in denen mit crowdfunding wenig bis nichts zu machen ist. In den anderen Branchen hingegen teile ich deine Einschätzung, dass das Potenzial riesig ist.

  3. Warum sollten Patente ein Gegenargument sein? Wenn ich eine Erfindung nur in Papierform habe, sie patentieren lasse und danach meine Produktion über Crowdfunding starten möchte, geht das auch.

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  6. Patente sind ein Problem, weil es wahrscheinlich auch heute schon massenhaft Projekte bei Kickstarter (et al) gibt, die irgendwelche Patente anderer verletzen. Du kannst im Endeffekt in den USA im Bereich IT/Technik/Gadgets nichts machen, ohne irgendein schwachsinniges Patent von irgendjemandem zu verletzen.

    Das da noch niemand (meines Wissens nach) verklagt wurde liegt wohl nur daran, dass sich das Verklagen bei den ganz kleinen Nummern nicht lohnt. Das wird sich mit der Größe des Markts aber ändern …

    Und dann wird eine Idee wie die Pebble Uhr aus dem Markt geklagt, weil irgendjemand ein Patent auf „a small device that gets information from a big device like a PDA or smartphone“ hat.

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