Über Schirrmacher: In der Vergangenheit hat er so viele Theorien in die Welt gesetzt


Wie könne eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben, fragt sich der allmächtige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem Rundschumschlag gegen die so genannten Netzutopisten. Sind wohl alles Spinner:

„Jetzt, wo sich leider auch immer mehr Journalisten sich ihre sozialen Prognosen vom Silicon Valley und der Wall Street schreiben lassen, riskieren wir eine ganz einfache und ebenso gelassene Vorhersage: gar nicht.“

Aber was hat denn nun guter Journalismus mit den Ertragsproblemen der Printmedien zu tun? Gar nichts. Und was bietet denn Schirrmacher an Alternativen an, um die strukturellen Probleme der Verlage in den Griff zu bekommen. Gar nichts. In seinem wutschnaubenden Rundschlag „Das heilige Versprechen“ haut Frankie-Boy alles in eine Tonne:

„Im Zeitalter des Internets kann jeder alles sein, Verleger, Lektor, Autor, Journalist. Jeder kann partizipieren, jeder Geld verdienen. Das ist das Mantra. Dass keine dieser Aussagen stimmt, ist offensichtlich. Und wenn sie trotzdem immer noch nachgeplappert werden, stellt sich die Frage: Wer profitiert eigentlich von dieser Ideologie? Und was bedeutet das für die Zeitungen?“

Als Kern seiner hilflosen Schwimmversuche im Netz bleibt nur eine Aussage stehen. Wir, die dümmlichen Netzlinge, sind nur die nützlichen Idioten von Facebook, Google, Amazon und Co. und nur diese Giganten des Internets machen Kasse.

„Die Informationsökonomie hat in ihrer heutigen Alpha-Version ausschließlich zum Entstehen industrieller Giganten geführt, zu Konzentrationsprozessen, die den Einzelnen immer häufiger zum Ausbeuter seines eigenen Ichs machen. Einzig die ‚kalifornische Ideologie‘, die sogenannten ’neuen Regeln für die neue Ökonomie‘, die in allen Köpfen rumspuken und die maßstabsetzend der Heilige des Silicon Valley, Kevin Kelly, vor vielen Jahren verkündete, tarnen diese Wiederkehr des Neoliberalismus in Gestalt der Techno-Utopie“, schreibt der FAZler.

Ansonsten ist halt alles Mumpitz. Niemand sei mit seinen Netz-Projekten wirklich erfolgreich. Alles nur leere Versprechen. Ich möchte gar nicht auf jeden einzelnen Aspekt dieses elitären Elaborats eingehen. Den Charakter und Ehrgeiz von Schirrmacherchen kann man in viel schönerer Prosa im Kriminalroman „Der Sturm“ von Per Johansson aka xy nachspüren.

Am grundlegenden Dilemma der Printmedien schlurft der Frank vorbei. Und das schreibe ich jetzt nicht mit der herablassenden „Der ist doch Internetausdrucker-Attitüde“.

Der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl hat das sehr gut beschrieben und ich habe das doch als früherer Printmedien-Powerkunde ohne Schaum vor dem Mund in meinem Blogpost ausführlich dargelegt, übrigens auch mit Empfehlungen eines Lesers, wie man einiges besser machen könnte in den Verlagshäusern. Siehe: Nekrolog eines Printmedien-Kunden.

Massenmedien hatten als “Partner” der Werbewirtschaft lange Zeit eine marktbeherrschende Stellung.

“Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Das hat doch nun wahrlich nichts mit Netzutopien oder Social Web-Märchenerzählungen zu tun. Es liegt an der Logik des Netzes, die auch schon vor dem Aufkommen sozialer Medien existierte.

Letztlich bleibt bei Schirrmacher dann wohl nur der Angriff auf die Netzmonopolisten via Leistungsschutzrecht und sonstigen Restriktionen übrig. Sollte er dann aber auch offen kommunizieren. Vielleicht ist Frankie-Boy aber auch nur ein Getriebener der Netzwirklichkeit, der es nicht verkraften kann, auf Augenhöhe mit den Nutzern des Internets zu kommunizieren. Ein Salon-Löwe, der herablassend auf die Ich-Verleger herunter starrt, die an seinem Nachrichten-Thron knabbern.

Oder wie Per Johansson (oder SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld als Co-Autor) schreibt:

“Christian Meier sei auf der Flucht gewesen, lautete ein in Deutschland offenbar immer populärer werdendes Gerücht. In der Vergangenheit habe er so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik.”

Letztlich ging es immer nur um die nächste große Verschwörungstheorie. Die Leute hörten dem Meier aber nicht mehr so gebannt zu. Er schien an die Seite zu rutschen, und es wirkte fast komisch, wenn er wieder einmal den Untergang der Welt beschwor. Eine Prognose, die auch wirklich schwer zu erfüllen ist. Von der Unmöglichkeit eines Berichtes über den eingetretenen Untergang mal ganz abgesehen.

Gibt es nun wirklich kein einziges journalistisches Projekt, das im Internet erfolgreich läuft. Was ist denn beispielsweise mit „Pro Publica“?

Siehe auch:

Nichtzeitungsleser.

Zeitungssterben: Meine (sprichwörtlichen) 5 Cent.

Es lebe der Content.

Neoliberalismus im Journalismus? Wer hat’s erfunden? – Eine Replik an Frank Schirrmacher.

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6 Gedanken zu “Über Schirrmacher: In der Vergangenheit hat er so viele Theorien in die Welt gesetzt

  1. Schirrmacher gibt mit dem Artikel eine Vorlage, um die “ Reflexion über den gesellschaftlichen Preis der neuen Technologien“ anzustoßen. Einiges sehr polemisch, aber dafür deutlich genug, wo Fragen ansetzen können.
    Ich fürchte, demgegenüber ist deine Antwort doch etwas zu flach. Utopien und Ökonomie gehören so eng zusammen, enger geht’s gar nicht. Utopien, die zu teuer sind und sich nicht bezahlt machen, bleiben unerfüllt. Die Quittung ist ein Herumgewurstel im Internet, das oft nur als toller Resonanzraum für „Empörung“ und andere Emotionsformen allgemein bemerkt wird, sonst aber ziemlich bedeutungslos ist, und auf der anderen Seite der kommunizierenden Röhren eine unübersehbare Abwärtsspirale in der Qualität bei den Zeitungen. Ist das, die Öffentlichkeit, die wir haben wollen, oder bewegen wir uns auf eine Dystopie zu?
    Interessant ist der Punkt, den Schirrmacher nicht anspricht: die Leserschaft. Da liegt möglicherweise der Hase wirklich im Pfeffer und da sitzen alte Zeitungen und die plotische Blogosphäre gemeinsam in einem sinkenden Boot.

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  2. Schirrmacher schreibt am Thema vorbei. So interessant die Diskurse über Netzutopien, Monopolisten und Zensoren sind, so wenig hat das mit der Krise der gedruckten Tageszeitungen zu tun. Alles andere habe ich hier auch schon sehr ausführlich behandelt. Von den AGB-Zensur-Diktatoren bis zur Thematik „Scheißt der Teufel immer auf den größten Haufen“ – um es etwas weniger intellektuell auszudrücken.

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  3. […] Patrick Breitenbach fragt den Autor unter dem Titel “Neoliberalismus im Journalismus? Wer hat’s erfunden?” nach Alternativen. Christian Jakubetz sieht Schirrmacher auf einer Mondfahrt und zählt vier Punkte auf, warum die Medienlandschaft heute anders aussieht als früher. Thomas Knüwer verweist auf seinen drei Jahre alten Artikel über die Frage, “Wie Verlage im Internet Geld verdienen?” in der er die Antwort auch gleich gibt: “So wie bisher.” Und natürlich darf der Verweis auf “Der Sturm” nicht fehlen, den Gunnar Sohn süffisant in seinem Artikel liefert: “Über Schirrmacher: In der Vergangenheit hat er so viele Theorien in die Welt gesetzt“. […]

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  4. Schirrmacher schreibt am Thema vorbei? Und dieser Artikel soll also eine Replik auf den excellenten Essay von Schirrmacher sein? Ja, dann.

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