Zweite Session des heutigen Blogger Camps um 19,30 Uhr: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption #bc

Hauptverantwortlich für den Titel dieser Runde ist Sascha Lobo. Jedenfalls regte mich seine Spiegel-Kolumne zu dieser Formulierung an. Hatte ich heute früh ja bereits gepostet.

Für etablierte Branchen wird es immer schwieriger, die Dimension der tektonischen Verschiebungen zu antizipieren. Aus dem Werk von Professor Clayton M. Christensen stammt die Formulierung:

“Disruptive Technologien machen zu dem Zeitpunkt, an dem Investitionen für das Unternehmen so wichtig wären, noch kaum Sinn.”

Klingt nicht so spektakulär, ist aber für etablierte Industrien ein echtes Problem. Die Umsätze stagnieren auf hohem Niveau und die Talfahrt ist noch nicht so ganz in Sichtweite. Man kann es höchstens erahnen.

„Nur wer bereit ist, auch das eigene Geschäftsmodell ständig zu hinterfragen, wird überleben”, so AUDI Vorstandschef Rupert Stadler, einer der drei Herausgeber des im Oktober auf den Markt gekommenen Buches „Erfolg im digitalen Zeialter“.

Die Wirtschaft habe angeblich reagiert, für viele Unternehmen rangieren ein eigener Facebook- und Twitter-Account sowie eine attraktive Website ganz oben auf der Rangliste propagierter Erfolgsrezepte. Doch reicht das wirklich aus?

Wenn aus einer kleinen Luftbewegung plötzlich ein Sturm entsteht, wird klar, dass es ein Fehler sein kann, Trends der sich stetig entwickelnden Digitalisierung – die ständig neue Daten generiert und auch immer häufiger physische Produkte vernetzt – nicht permanent zu hinterfragen. Wenn ich mir die Autoren dieses Buches anschaue, wachsen bei mir die Zweifel:

Antwort sollen diese Autoren geben (keine Angst, die sind im Blogger Camp nicht dabei, es geht um die Autoren des Buches): Marc Benioff (CEO salesforce), Thomas Bieger (Rektor Uni St.Gallen), Roland Boekhout (Vorstandschef ING-DiBa), Walter Brenner, Andreas Hermann und Miriam Meckel (alle Uni St. Gallen), Rolf Buch (Vorstandschef arvato), Mathias Döpfner (Vorstandschef Axel Springer), Michael Frenzel (Vorstandschef TUI), Herbert Hainer (Vorstandschef adidas), Michael Heinz (Vorstand BASF), Heinrich Hiesinger (Vorstandschef ThyssenKrupp). Markus Hofmann (Vorstand AXA Konzern), René Obermann (Vorstandschef Deutsche Telekom), Siegfried Russwurm (Vorstand Siemens), Rupert Stadler (Vorstandschef AUDI) und Johannes Teyssen (Vorstandschef E.ON).

Richtige Regelbrecher und Abweichler sind nicht dabei. Aber die braucht man ganz dringend. Sie machen sich den schnellen Wandel und die Auflösung alter Kontexte zunutze. Die ungezähmten Ideen an der Peripherie sind der Rohstoff, aus dem morgen glänzende Markterfolge erwachsen, wie ich in meinem Wolf Lotter-Stück geschrieben habe.

Genügend Diskussionsstoff für die Blogger Camp-Runde um 19,30 Uhr. Hoffe, Ihr seid dabei.

Erste Session des heutigen Blogger Camps um 18,30 Uhr: Mein Auto ist eine App #bc

In der Onlineausgabe des Fachmagazins Automotive IT habe ich zur ersten Runde des heutigen Blogger Camps zum Thema „Mein Auto ist eine App: Über Vernetzungsintelligenz im Verkehr und Elektromobilität“ einen interessanten Artikel gefunden. Er beschreibt die Herausforderungen der Autoindustrie, wenn es um vernetzte Services geht und beruft sich auf eine Analyse der Unternehmensberatung Mücke, Sturm & Company.

„Je früher OEMs (diese blöden Abkürzungen: Original Equipment Manufacturer – also Erstausrüster, gs) innovative Services auf den Markt bringen, desto höher ist ihre Chance Marktanteile zu gewinnen und gleichzeitig neue Umsatz- und Kundenbindungspotenziale zu heben“, macht Professor Jens Gutsche, Senior Advisor von Mücke, Sturm & Company deutlich.

Vor liegen die Chancen?

Wettbewerbsvorteile beim Autokauf: Modelle mit Connected Services werden in Zukunft mehr nachgefragt.

Appstore für Connected Services: Die Zahlungsbereitschaft für die einzelnen Services ermöglicht den OEMs kontinuierliche Umsatzchancen durch kostenpflichtige Services.


Lernende Kundenbeziehung: Auf Basis des kontinuierlichen Datenaustausches ist es möglich, eine lernende Kundenbeziehung aufzubauen und die Präferenzen des Kunden zu identifizieren. Eine hohe Kundenbindung ist die Folge.


Optimierung der Aftersales-Services: Das Auto kann per Ferndiagnose überprüft und mögliche Probleme so frühzeitig erkannt werden. Über das Infotainment-System können gezielte Angebote von Vertragswerkstätten beworben werden.


Individuelle Nachfolgemodelle: Dem Fahrer kann aufgrund der Kenntnis seiner speziellen Fahreigenschaften ein individuelles Nachfolgemodell angeboten werden, welches direkt auf die Kundenanforderungen zugeschnitten ist.

„Die Einführung von Connected Services stellt die OEMs allerdings auch vor neue Herausforderungen, meist außerhalb ihrer Kernkompetenzen“, schreibt Automotive IT.

Dazu zählen:

Cloud: Im Cloud-basierten Ökosystem ist eine Kernherausforderung der Aufbau eines leistungsfähigen CRM-Systems.


Infotainment-System: Bislang wurden Infotainment-Systeme von den Zulieferern zur Verfügung gestellt. Hightech-Unternehmen durchbrechen jetzt diese Domäne.


Funkverbindung: Das Fachgebiet der Telko-Anbieter. Über die Möglichkeiten, wie die Bereitstellung der Funkverbindung erfolgen kann, sind sich die Experten noch uneinig.

Connected Services: Um durch Connected Services laufend Umsätze generieren zu können, muss ein Geschäftsmodell für deren Erstellung und Vertrieb entwickelt werden.


Online-Portal: Sowohl Telko- als auch Hightech-Unternehmen besitzen die Kompetenzen zur Bereitstellung von Online-Portalen.

„Es gibt zwei strategische Herangehensweisen für die OEMs: Closed-Shop-Ansatz (eigenständiger Aufbau des Ökosystems und der App-Entwicklung) oder der Open-Shop-Ansatz (Partnerschaftlicher Ansatz)“, so Automotive IT.

Mein Rat: Macht es mit Apple.

Dann wären intelligente Verkehrskonzepte interessant. Wie lange wollen eigentlich Berufspendler noch im Stau veröden? Warum fährt auch heute noch fast jeder allein mit seiner Karre zur Arbeit? Carsharing-Konzepte gibt es schon einige. Warum werden sie nicht mehr genutzt?

Zur Elektromobilität. Da gab es ja kürzlich einen Krisengipfel bei Angie. Bislang wirken die deutschen Hersteller etwas verschlafen. Bis 2020 sollen ja eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Wie kann das erreicht werden? Habt Ihr weitere Fragen, die ich in die Moderation aufnehmen soll?

Zwischenrufe während des Live-Hangouts sind natürlich auch gerne gesehen. Bitte mit dem Hashtag #bc versehen. Weitere Infos findet Ihr bei Hannes.

Wolf Lotter und die Dampfmaschinen-Ideologie der liebwertesten Industrie-Gichtlinge

Schon vor drei Jahren ist Wolf Lotter in seinem Buch „Die kreative Revolution – Was kommt nach dem Industriekapitalismus“ den Museumswächtern des Industriekapitalismus kräftig ans Leder gegangen. Wissen schlägt Produkt.

„Die großen Gewinne, die weltweiten Erfolge ökonomischer Prozesse und Innovationen sind nahezu alle wissensbasiert, seit dem Siegeszug des Computers und des Internets ist das deutlich“, erläutert Lotter, der aber darauf verweist, dass die meisten Akteure von Wirtschaft und Politik getaktet sind wie in den Zeiten des Fordismus. Harmonisch werde der Machtkampf zwischen industriekapitalistischen und wissensbasierten Organisationen nicht ablaufen.

Die Dampfmaschinen-Propheten sind in einer Großen Koalition organisiert. Zu ihnen zählen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und die Vertreter der Tarifparteien. Ihre simple Botschaft: Maschinen, Schrauben, Dübel und qualmende Schlote machen uns im harten globalen Wettbewerb krisenfest. Lotter zerlegt diese Weisheiten in seinem charmanten österreichischen Ton:

„Die Re-Industrialisierung hat vom Ton her etwas reaktionäres und gehört zur Vorstellungswelt der Volksparteien, die sich hier sehr einig sind. Sie sind in der Industriegesellschaft geboren worden und sind mit der Kultur der Industriegesellschaft eng verhaftet. Sie haben ein mechanistisches Menschenbild und gehen davon aus, dass Fabriken leichter zu kontrollieren sind. Mit der neuen Welt der Wissensgesellschaft können sie sich nicht anfreunden. Die deutsche Volkswirtschaft zählt zu den vier größten Industrienationen. Das ist nicht zu bestreiten. Allerdings liegt der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung des Bruttoinlandsproduktes bei 20,7 Prozent. Das repräsentiert gerade mal ein Fünftel der Wirtschaftsleistung, aber 100 Prozent des Theaters, weil Politiker und Verbandsfunktionäre ihre Macht nicht aufgeben wollen und in dieser alten Welt ihre Erfüllung sehen. Man sollte die Industriegesellschaft nicht dividieren. In der Industrie haben wir Leute, die klug genug sind um zu wissen, dass es nicht darum geht, einen Begriff zu erhöhen. Es geht darum, mit Wissen bessere Dienstleistungen und Produkte herzustellen. Es ist vollkommener Unsinn, wenn die Politik sich immer noch auf das mechanistisch Anfassbare kapriziert. Das beweist, dass der durchschnittliche deutsche Politiker ein Beamter ist, wie Frank-Walter Steinmeier – ein Berufsbeamter, der von der Ökonomie und von der Praxis keine Ahnung hat“, so Lotter im ichsagmal-Interview.

Würde man den Ratschlägen von Steinmeier folgen, keine wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaft zu werden, wäre Deutschland bitterarm.

„Wir schöpfen in der Kreativökonomie Ideen, konstruieren Autos und Maschinen. Die deutsche System-Industrie steht für wissensbasierte und personalisierte Industrielösungen. Wir bauen nichts am Fließband, sondern wir bauen individualisierte Leistungen. Deswegen sind die Produkte letztlich so erfolgreich. Was Steinmeier meint, ist wohl ein Rückgriff auf eine alte und hierarchisch überschaubare Gesellschaftsstruktur, wo es eine Arbeiterklasse gibt, wo es Angestellte gibt, wo es einen normalen Lebensverlauf gibt. Das ist bei Schwarz-Gelb nicht anders. Es gibt in der Bundesregierung wirklich keine einzige Person, die sich mehr als alibimäßig mit Wissensgesellschaft und kreativer Ökonomie beschäftigt, obwohl das mittlerweile den größten Teil der Ökonomie ausmacht. Fast jedes OECD-Land sei in dieser Frage stark engagiert, weil es die klügsten Köpfe halten und verstehen will. Das will man offensichtlich in der deutschen Politik nicht“, moniert Lotter, der für die Zeitschrift brand eins die Einleitungsessays schreibt.

Qualmende Schlote bringen der deutschen Wirtschaft gar nichts, auch keine Arbeitsplätze, da die Fertigungstiefe in den vergangenen Jahren nicht zugenommen hat und wohl auch in Zukunft nicht zunehmen wird. Das sieht auch Lotter so.

„Wir verdienen unser Geld, indem wir Ideen und Wissen produzieren. Das ist eine völlig andere Welt als die Skalierungswelt der Industrie, die auf Massenfertigung setzt. Würden wir dem Empfehlung zur Re-Industrialisierung folgen, dann wäre Deutschland bald ein Armenhaus. Wir könnten auf gar keinen Fall gegen die Massenproduzenten konkurrieren, die es längst in aller Welt gibt und von denen wir heute profitieren. Es sind die Märkte für unsere guten Ideen“, meint Lotter.

Warum transportieren eigentlich Organisationen wie das Institut der deutschen Wirtschaft dann immer noch das Märchen von der heilsamen Wirkung der Re-Industrialisierung?

„Es gibt viele Institute und Direktoren, die eng mit dem industriellen Sektor verflochten sind. Insgesamt gibt es eine enge Verflechtung zwischen Industrie, Wirtschaftsinstituten und Politik. Man muss sich nur die Namensliste der Berliner Industrielobby anschauen. Teilweise sogar in Personalunion. Das spielt sich vor allem im roten und schwarzen Lager ab. Da wird jemand Politiker mit einer alt-industriellen Lackierung, der dann später zum Verbandschef aufsteigt, um seine Freunde im Industrielager weiter zu unterstützen“, sagt Lotter.

Ähnliches kann man bei den Wirtschaftsinstituten beobachten. Man braucht sich nur den Vorstand des Instituts der deutschen Wirtschaft anschauen 😉

Wo aber sollten denn nun wirtschaftspolitische Akzente gesetzt werden?

„Es ist eigentlich klar, wer in Deutschland für Wohlstand sorgt. Es sind die vielen Menschen, die in mittelständischen und kleinen Unternehmen oder als Selbständige arbeiten. Und die können gar nicht anders als innovativ zu denken, sonst wären sie sofort weg vom Fenster. Sie sind meistens in wissensbasierten Dienstleistungsbranchen tätig im weitesten Sinne. Sie lösen Probleme für andere Leute. Manchmal ist es auch eine alberne Definitionsgeschichte. So glauben manche Mittelständler, dass sie noch zum industriellen Sektor gehören. In Wirklichkeit kümmern sie sich aber um Software, Logistik und denken sich Lösungen aus“, führt Lotter aus.

Sein Ratschlag: Politische Entscheider sollten den Prinzipien folgen, die der Ökonomie Erfolg bringen. Und der liege in einer hervorragenden wissensbasierten Ökonomie und das schon seit langer Zeit. Die Politiker sollten auch mit Wirtschaftshistorikern reden, um sich ein klares Bild zu verschaffen. Das empfiehlt Lotter vor allem dem Bundeswirtschaftsminister und dem SPD-Fraktionschef. Sie könnten etwa mit Professor Werner Abelshauser sprechen (oder sein Opus „Deutsche Wirtschaftsgeschichte“ lesen). Der würde ihnen erklären, dass die Industriegesellschaft strukturell diesen Namen seit fast 100 Jahren gar nicht mehr verdient. Die kleinen Klüngel der Berliner Politik sind wohl das Hauptproblem, die sich gegenseitig die Stichworte zuschieben und nicht wissen, was draußen wirklich passiert. Nur auf dieser Grundlage entstehe so ein Unsinn, der am Wochenanfang vom Bundeswirtschaftsminister verkündet wurde.

Und generell benötigen wir in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft mehr Abweichler und Spinner.

Sie machen sich den schnellen Wandel und die Auflösung alter Kontexte zunutze. Die ungezähmten Ideen an der Peripherie sind der Rohstoff, aus dem morgen glänzende Markterfolge erwachsen. Das werden wir heute Abend im virtuellen Blogger Camp verhandeln. Eine Gesprächsrunde über die Re-Industrialisierung machen wir da allerdings nicht (das würde ich gerne im Dezember auf die Agenda setzen).

Blogger Camp: Plädoyer für eine disruptive Sit-in-Bewegung #bc

Aus der zerstörerischen Disruption ist mit dem Internet die digitale Dauerdisruption geworden. Davon ist Sascha Lobo überzeugt:

„So techno-verschwurbelt sich diese Behauptung anhören mag, so radikal sind ihre Folgen. Während im 20. Jahrhundert ein industrieller Markthit mit zarten Weiterentwicklungen einen Konzern über Jahrzehnte tragen konnte, kennt im Netz kaum noch jemand die Helden von vor fünf Jahren“, schreibt Lobo in seiner „Spiegel“-Kolumne.

Schöpferische Zerstörung im Sinne des Ökonomen Joseph A. Schumpeter war schon immer ein Prozess, aber das Internet habe den Takt sehr aggressiv erhöht. Der Konzern von morgen sei eine fortwährende Kette von Riesen-Start-ups, die stakkatohaft wiedergeboren werden und jedes einzelne Mal zum Erfolg verdammt sind.

Ziegelstein-Diktatur in den Organisationen

„Und das in einem Land, in dem Medien noch zwanzig Jahre nach ihrer Einführung als ‚Neue Medien‘ bezeichnet werden. In einem Land, in dem Start-ups so lange misstrauisch beäugt werden, bis sich genau deshalb das Misstrauen rückwirkend als berechtigt erweist. In einem Land, in dem das Neue erst dann akzeptiert wird, wenn es sich ein paar Jahre bewährt hat. Schon ein falscher Schritt eines solchen prozessualen Umbauunternehmens – wie es Facebook schon heute ist – reicht aus, damit die digitale Dauerdisruption das tut, was sie am liebsten macht: disruptieren, zerreißen, zernichten. Damit aus den gefallenen Kurzzeitkonzernen der Humus entsteht, auf dem Schumpeter seine nächsten Pflänzchen ziehen kann“, führt Lobo weiter aus.

Wie gehen nun die Arbeitskräfte von morgen mit dieser Unkalkulierbarkeit um? In den Hochschulen bekommen die liebwertesten Gichtlinge des akademischen Betriebes leider eine andere Welt geboten. Gefragt sind heute Selbstorganisation statt Hierarchie, Möglichkeitsräume statt pseudoexakter Planungen, Fehlerfreundlichkeit statt Standardisierung. Kein Befehl und Gehorsam, sondern Abschaffung der Ziegelstein-Diktatur in den Organisationen von Wirtschaft und Staat. Und was für ein Nachwuchspersonal kommt von den Universitäten im Geiste von Bologna? Akademische Automaten.

Das verwaltete Studium ist Verrat an der akademischen Freiheit des Denkens, so meine Ausführungen in der Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“. Deshalb mein heutiges Plädoyer für eine disruptive Sit-in-Bewegung in den Hörsälen und auch virtuell.

Beginnen werde ich damit im heutigen Blogger Camp in der zweiten Session von 19,30 bis 20,00 Uhr. Thema: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption – nicht zu verwechseln mit Dauererektion, lieber Mirko Lange 🙂

Teilnehmer: Katja Andes (Ideacamp UG), Lars Mensel (The European), Dirk Elsner (blicklog), Andreas Klug (Ityx), Hannes Schleeh und Heinrich Rudolf Bruns. Moderation: Icke.

Hashtag für Zwischenrufe während des Live-Hangouts #bc

Übrigens: Aus dem Werk von Professor Clayton M. Christensen stammt die Formulierung:

„Disruptive Technologien machen zu dem Zeitpunkt, an dem Investitionen für das Unternehmen so wichtig wären, noch kaum Sinn.“

Klingt nicht so spektakulär, ist aber für etablierte Industrien ein echtes Problem. Die Umsätze stagnieren auf hohem Niveau und die Talfahrt ist noch nicht so ganz in Sichtweite. Man kann es höchstens erahnen.

Zum Lamento über die disruptive Wirkung des Netzes zähle ich übrigens auch den neuen Verleger-Volkssport „Google-Bashing“.

Sag es einfach: Im Journalismus und auch anderswo

Einfachheit klingt einfach, ist in Wahrheit aber ein schwerer Brocken des Alltags. Das fängt beim Umgang mit Produkten sowie Diensten an und hört im Journalismus nicht auf. Etwa bei der Vermittlung von sperrigen Themen. Das gemeinnützige New Yorker Recherchebüro Pro Publica experimentiert mit Songs, Musikvideos und Comics, um das zu ändern, berichtet die NZZ heute in ihrem Medienteil („What the frack is going on?“) der manchmal auch etwas sperrig rüberkommt, von mir aber jeden Dienstag zur wöchentlichen Lektüre zählt. Ich mag den Stil der NZZ. Zurück zur NZZ-Story:

„Für Pro Publica liegt das Kriterium für eine gute Geschichte in der Wirkung, die sie erzielt. Hat die Veröffentlichung Aufmerksamkeit für ein Problem geschaffen? Kann investigativer Journalismus das Leben verbessern?“

Der Journalist Paul Williams habe das Problem bereits vor dreissig Jahren in seinem Buch „Investigative Reporting and Editing“ thematisiert: Wenn eine Enthüllung folgenlos bleibe, dann liege das oft nicht an der Apathie der Leser, sondern am Versagen des Reporters. Eine Investigation sei gescheitert, wenn es der Journalist nicht verstehe, den Bürgern klarzumachen, worum es eigentlich gehe, schrieb Williams 1978.

„Pro Publica hat deshalb 2010 eine Kooperation mit der New York University (NYU) begonnen. Die Studenten sollten erkunden, wie Pro Publica vor allem junge Leute auf komplexe Geschichten aufmerksam machen kann. So kamen sie auf die Darstellung in Broadway-Songs, Musikvideos und Comics. ‚Time‘ bezeichnete das Musikvideo als eines der kreativsten des Jahres 2011″, schreibt der NZZ-Redaktor 🙂 Thomas Schuler.

Die besten Erklärstücke seien direkt, knapp und einfach zu verstehen, betonten die Studenten in einem Statement.

„Auf investigativen Journalismus trifft selten eine dieser Beschreibungen zu. Stattdessen spiegelt er die Unordnung des wahren Lebens wider. Deshalb stellt das Erklärstück nur den Beginn dar, ein Tor in die Tiefe, für die man Pro Publica schätzt und respektiert. Der Song verstehe sich nicht als Ersatz für die Enthüllungen. Er sei als Anreiz gedacht, tiefer einzusteigen“, so Schuler.

Pro Publica vereinfacht die Themen auf wenige Zeilen, die zudem gesungen sind. Etwa der Refrain: „What the frack is going on?“ und „My water is on fire tonight“.

Ein Broadway-Song und ein Comic über toxische Finanzpapiere seien weitere ungewöhnliche Beispiele dafür, wie investigative Journalisten mit ihren Enthüllungen Aufmerksamkeit suchen. Angeboten wird das Ganze kostenlos.

„Fast 50 Millionen Dollar (!) hat Pro Publica bisher ausgegeben – das meiste Geld kam vom kalifornischen Unternehmerpaar Herbert und Marion Sandler, ohne das es Pro Publica nicht gäbe. Von Beginn an begleitete Pro Publica die Sorge, vom Geld der Sandlers abhängig zu sein. 2009 konnte Pro Publica eine Million Dollar von 1000 Spendern einwerben, 2010 immerhin 3,5 Millionen von 1300 Spendern und 2011 5 Millionen Dollar von 2600 Spendern. In diesem Jahr will Pro Publica 6 der 10 Millionen Dollar des Jahresbudgets von anderen Stiftungen (Gates, Ford, Knight, Open Society und andere) und Privatleuten einwerben, so dass die Sandlers nurmehr 4 Millionen Dollar dazugeben“, führt Schuler weiter aus.

Cooles Modell. Vielleicht auch ein geeigneter Weg, um für Frische in den bildungsbürgerlichen Feuilleton-Stuben zu sorgen. Christoph Kappes hat in einem Beitrag für das Debattenmagazin „The European“ ein paar Ideen zusammengetragen – aber bestimmt nicht an Comics und lustige Filmchen gedacht. Das Feuilleton habe aber nicht zu unterschätzendes Privileg:

„Es muss seine Beobachtungen nicht wie seine Schwester-Ressorts an den Zielen Macht und Geld messen (und ihren heutigen Vorbedingungen Meinung und Leistungsaustausch). Kultur hat kein eindeutiges Referenzsystem zum Maß der Antworten, sie hält sich an sich selbst. Die Chance: Vielfalt der Positionen, Blickwinkel und Perspektiven. Erlaubt ist, was Resonanz findet. Glänzend auch die Zufallsfunde, die man wie Kastanien horten und nach Hause tragen kann.“

Denn die guten Fragen sterben nicht aus, da gebe ich Christoph recht.

„Wie wollen wir leben? Wo finden wir Sinn? Was sich hingegen ändern kann, ist der Antwort-Modus: Statt in Weihrauch herabgelassene Dekaloge und kraftstrotzende Paukenschläge (wen er da wohl meint….,gs), befördert der Frage-und-Tast-Modus einen Anschluss-Prozess, für den das Internet als Prozessmaschine die neuen Formen gerade gebiert. Vielleicht macht ja nicht die Publikation allein, sondern der Prozess (aus Publikationen) unseren Fortschritt. Das Feuilleton kann auch mit der Form spielen, intervenierend, flüssig bis zur Trollerei. Der fließende Prozess der vielen Formen als Gegenstück zum Buch als leuchtender Diskurs-Solitär.“

Sei Denglisch auf Facebook okayer als sonst? Was bedeutet queer?

„Wo Institutionen ihre Leitwirkung verlieren – von Brockhaus, Knigge, Kirche bis Schule – muss das Feuilleton ins Leben herabsteigen. Wir brauchen die Verhandlung der richtigen sozialen Praxis, weil es knirscht und kracht, wenn sich Menschen in beschleunigten Zeiten orientierungslos auf die Füße treten. Das Feuilleton ist dann der Ort, an dem Menschen das Verhandeln lernen und so ihre Positionen finden können. Dies kann nur im Netz erfolgen, wo Redaktionen auch den Pluralismus moderieren können“, erläutert Kappes.

Das Feuilleton müsse Information viel stärker als bisher ordnen und Ankerpunkte bieten, weil die alte Ordnung von Hierarchien in Bibliotheken, Büchern und Alphabet durch mehrdimensionale digitale Zugangswege abgelöst werden.

„Es muss Muster sozialer Interaktion dort aufdecken, wo viele Akteure in unübersichtlichen Formationen wirken. Es muss diesen folgen, sie kommentiert retweeten und sie entfolgen“, meint Kappes.

Ein einzelner Feuilleton-Gott kann da wohl nicht mehr den Takt vorgeben – auch nicht in Frankfurt am Main 😉

Oder wie Per Johansson (oder SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld als Co-Autor) in dem Roman „Der Sturm“ schreibt: „Christian Meier sei auf der Flucht gewesen, lautete ein in Deutschland offenbar immer populärer werdendes Gerücht. In der Vergangenheit habe er so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik.“  

Letztlich ging es immer nur um die nächste große Verschwörungstheorie. Die Leute hörten dem Meier aber nicht mehr so gebannt zu. Er schien an die Seite zu rutschen, und es wirkte fast komisch, wenn er wieder einmal den Untergang der Welt beschwor. Eine Prognose, die auch wirklich schwer zu erfüllen ist. Von der Unmöglichkeit eines Berichtes über den eingetretenen Untergang mal ganz abgesehen.

Jetzt wird mein Blogpost aber wieder sehr sperrig. Deshalb will ich künftig stärker der Recherche- und Lektüre-Methode des Religionsphilosophen Jakob Taubes folgen, der ein wichtiges Werk und eine zentrale Botschaft schon durch Handauflegen erkannte. Es war seine Art, die für ihn wichtigen Werke zu lesen. Er war ein Jäger des einen Satzes oder Wortes, in dem sich das Wesentliche des Geschriebenen kondensierte. Überhaupt nicht einfach. Da mache ich jetzt einfach mal eine Lektüreempfehlung:

Für den Comic-Band „Showman-Killer“ von Jodorowsky und Fructus, der mich auch fotografisch inspirierte.

Und dann noch ein Hinweis auf das Blogger Camp „Einfachheit“ am Mittwoch, den 28. November, die erste Session von 18,30 bis 19,00 Uhr.

Oder wir sehen und hören uns einfach schon morgen, beim Blogger Camp über Auto-Apps und der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption.

Update:

Als Einstieg in meine sperrigen Storys über die vernetzte Service-Ökonomie verweise ich auf den Buchbinder-Wanninger-feat.-Chuck-Norris-Der Hotline-Digitale-Demenz-Song.

Mit Maschinen gegen die Krise? Über die Schrauben-Dübel-Logik von Herrn Steinmeier

Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) hat das arbeitgebernahe (vielleicht auch industrienahe) Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) in Zusammenarbeit mit der IW Consult GmbH heute eine Studie zur „Messung der industriellen Standortqualität in Deutschland“ vorgelegt. Danach konnte Deutschland seine Position im internationalen Standortwettbewerb deutlich verbessern und im Jahr 2010 den fünften Platz unter 45 untersuchten Industrie- und Schwellenländern erreichen.

Und da freut sich natürlich der Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler: Die Studie des zeige eindrucksvoll die Stärke der deutschen Industrie.

„Sie ist ein wesentlicher Garant für Erfolg und Wohlstand in Deutschland. Nicht zuletzt aufgrund unserer breiten und wettbewerbsfähigen industriellen Basis haben wir die globale Finanz- und Wirtschaftskrise gut bewältigt und können im internationalen Vergleich mit sehr positiven Wirtschaftsdaten aufwarten. Eine der vorrangigen Aufgaben unserer Wirtschaftspolitik muss es deshalb weiterhin sein, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der in Deutschland tätigen Industrieunternehmen durch klare, verlässliche und zukunftsfähige Rahmenbedingungen nachhaltig zu stärken.“

In den kommenden Jahren werde es vor allem darauf ankommen, die Energiewende so umzusetzen, dass die industrielle Wettbewerbsfähigkeit gestärkt und nicht geschwächt wird. Aha. Was heißt das denn konkret? Das Stromprivileg für die Industrie erhalten und weiterhin einseitig die privaten Haushalte belasten? Fröhliche Industriepolitik betreiben und andere Sektoren vernachlässigen? Rösler möchte höhere Lohnzusatzkosten vermeiden und die Industrie nicht mit immer neuen Auflagen überziehen. Klientelpolitik?

Wo der Industrielobbyismus dann hinführt, konnte man am Wochenende in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung lesen, die die IW-Studie schon vorab veröffentlicht haben. Der Rest der Journalistenzunft ist erst heute mit den Zahlen beglückt worden. Tenor des Berichts:

Maschinen machen Deutschland krisenfest: Deutschland erlebt eine Reindustrialisierung – und ist damit gut durch die Krise gekommen. Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung konnte gehalten und zuletzt sogar gesteigert werden„.

Im Jahr 2011 lag der Industrieanteil bei rund 23 Prozent. Andere EU-Staaten hatten weniger: Italien zuletzt 16 Prozent, Spanien 13 Prozent, Frankreich und Großbritannien nur etwa 10 Prozent.

Die starke Industrie habe dazu geführt, dass Deutschland besonders gut durch die Krise gekommen ist. Davon seien die Studienverfasser vom IW überzeugt. Getragen worden sei die Erholung besonders vom Export.

„Zudem sind die Standortbedingungen für die Industrie hierzulande als gut bis sehr gut zu beurteilen“, sagte Karl Lichtblau vom IW Köln der FAS.

Das vor allem ist falsch, Herr Lichtblau. Siehe die Zahlen des Statistischen Bundesamtes!

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier wird von der FAS mit folgenden Worten zitiert:

„Deutschland steht im Augenblick aus mehreren Gründen wie Alice im Wunderland da.“ Einer der Gründe sei, dass die Deutschen einen hohen Anteil von Industrieunternehmen gehalten hätten. Deutschland sei den Ratschlägen, eine Dienstleistungsgesellschaft zu werden, ausdrücklich nicht gefolgt, sagte Steinmeier. „Wir haben weiter, wie wir das gut können, Waschmaschinen, Schrauben, Dübel, Maschinen und Autos gebaut – mit großem Erfolg.“

Aber Herr Steinmeier, wir brauchen den Ratschlägen gar nicht zu folgen. Wir sind doch schon längst eine Dienstleistungsökonomie, auch wenn der industrielle Sektor eine große Bedeutung hat. Aber zu den Schrauben und Dübeln von Herrn Steinmeier komme ich gleich noch. Seine industriekapitalistische Euphorie liegt auf einer Welle mit dem zweiten Artikel der FAS, der noch ein Scheibe oder eine Mutter drauflegt:

Ein Lob auf die deutsche Industrie – Was heißt hier Dienstleistungsgesellschaft? Deutschlands Stärke ist und bleibt die Industrie. Plötzlich wollen auch alle anderen werden wie die Deutschen. Denn das Land zeigt sich stark in der Krise„.

Dass Fabriken auf einmal wieder in Mode kommen, habe viel mit der Finanzkrise zu tun. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin bei der Helaba in Frankfurt, erklärt das der FAS so:

„Industrie macht Krach und stinkt. Wir dachten bis 2008, wir hätten mit der Finanzbranche etwas gefunden, das weder stinkt noch kracht und trotzdem Wachstum bringt.“ Doch dann kam die Finanzkrise. „Und wir stellten fest, dass man auch in Banktürmen mit Papier giftiges Zeug schaffen kann.“ Hinzu komme, dass 2008 nicht nur die Finanzblase geplatzt ist, sondern auch die Immobilienblase. Damit war auch der Boom der Bauwirtschaft in so unterschiedlichen Ländern wie Amerika, Irland und Spanien beendet. „Das war bitter“, sagt Traud. „Und auf einmal stellte man fest, dass es da ja noch einen anderen Bereich der Realwirtschaft gibt: die Industrie.“

Entsprechend fällt das Urteil der FAS aus:

Dank Industrie erholte sich Deutschland schnell vom Lehman-Schock – überraschend schnell -, und seither läuft’s.

Nun möchte ich ja gar nicht die Relevanz der Industrie schmälern. Aber die Absolutheit und Monokausalität von BMWi, IW und FAS gehen doch an dem Kern der Sache vorbei. Ein Blick auf die harten Fakten des Statistischen Bundesamtes kann da nicht schaden. Für 2012 liegen die Zahlen natürlich noch nicht vor. Aber schauen wir uns das vergangene Jahr etwas genauer an:

„Die Wachstumsimpulse kamen 2011 vor allem aus dem Inland. Insbesondere die privaten Konsumausgaben erwiesen sich als Stütze der wirtschaftlichen Entwicklung: Sie legten preisbereinigt mit + 1,5 Prozent so stark zu wie zuletzt vor fünf Jahren“, verkündete das Statistische Bundesamt auf einer Pressekonferenz am 11. Januar 2012, auf der ich auch zugegen war.

Aufwärts ging es auch im industriellen Sektor, keine Frage: „Es wurde deutlich mehr in Ausrüstungen (preisbereinigt + 8,3 Prozent) – darunter fallen hauptsächlich Maschinen und Geräte sowie Fahrzeuge – und Bauten (preisbereinigt + 5,4 Prozent) investiert als ein Jahr zuvor.“

Der Außenhandel hatte einen geringeren Anteil am BIP-Wachstum als die Binnennachfrage.

Deutschland exportierte preisbereinigt 8,2 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig stiegen die Importe etwas weniger stark (+ 7,2 Prozent). Die Differenz zwischen Exporten und Importen – der Außenbeitrag – steuerte 0,8 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum bei.

Seit Ewigkeiten ist es amtlich und wird auch von den Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigt: Deutschland ist eine Service-Ökonomie. 69 Prozent der nominalen gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung kommt aus dem Dienstleistungssektor. „Ja aber“, blöken in schöner Regelmäßigkeit die liebwertesten Gichtlinge des Industrielobbyismus. Was ist mit der Autoindustrie, mit dem Maschinenbau und dem verarbeitenden Gewerbe? „Auch Apple wäre nichts ohne Produkte.“ Richtig.

Es ist idiotisch, dass als Gegenargument ins Feld zu führen. Schaut auf die Arbeitsplätze in der industriellen Fertigung und ich sage euch, dass wir keine Industrienation mehr sind. Forschung, Entwicklung, Veredelung, Montage, Vertrieb, After Sales, Logistik und vieles mehr sind Dienstleistungen, die rund um die ins Ausland verlagerte Massenproduktion noch im eigenen Land stattfinden

Das ist auch bei Apple so und wird sich wohl nicht mehr ändern. Deshalb sollten sich die monokausal denkenden Meinungsführer in Politik und Wirtschaft endlich vom Paradigma des „Made“ in Germany verabschieden. Korrekt wäre „Design“ in Germany, wie es das „Smart Service Manifest“ zum Ausdruck gebracht hat:

„Seit 2003 geben die Deutschen zum ersten Mal mehr Geld für Dienstleistungen als für Produkte aus. Wir verabschieden uns damit vom Produkt-Paradigma und schwenken ein in eine Epoche, in der die ‚Produktion‘ immaterieller Güter und Dienstleistungen die Märkte antreibt. Konjunkturförderprogramme und das Wachstums-Beschleunigungsgesetz aber sind (oder waren, gs) einseitig auf den Bausektor und die industrielle Technologiefertigung ausgerichtet.“

Herr Steinmeier von der SPD kann ja mal am Beispiel einer „deutschen“ Waschmaschine überprüfen, wie es um die Fertigungstiefe in unserem Lande bestellt ist, wie hoch der Anteil der Produktion im Ausland ausfällt und in welchen Ländern seine Schrauben und Dübel so alles eingebaut werden mit dem Prädikatssiegel „Made in Germany“. Ich könnte ihm dann alleine in Osteuropa und China die Standorte nennen, wo ein großer Teil des Innenlebens seiner so inbrünstig geliebten deutschen Produkte zu großen Teilen hergestellt werden. Wie wäre es mal mit einer Exkursion nach Bosnien, Herr Steinmeier?

Wer von der Krisenresistenz der Industrie redet, sollte von den Konjunkturpaketen und Abwrackprämien nicht schweigen. Wie viel ist von diesen Finanzspitzen nach der Lehman-Krise eigentlich in den Dienstleistungssektor geflossen? Wenig. Fast alles schnappte sich die Industrielobby. Und hier sind sich Arbeitgeber und Gewerkschaften ausnahmsweise mal einig, die auch jetzt wieder staatliche Unterstützung wegen der schwächelnden Auftragslage begehren. Die Spitzen der Tarifparteien beschränken sich diesmal auf die Krisenregelung für Kurzarbeit, die nach dem Lehman-Kollaps eingeführt wurde.

Vielleicht sollten wir endlich mal kapieren, dass es keinen Sinn macht, Industrie gegen Dienstleistungen auszuspielen oder auf Immobilienblasen und die Spekulatius-Casino-Kapitalisten-Zockerboys zu reduzieren.

Zukunftsfähig werden beide Sektoren nur in einer vernetzten Ökonomie sein. Da hätte die Industrie auch noch einiges zu tun, etwa beim Aufbau einer leistungsfähigen Infrastruktur für die Entfaltung der Digitalisierung in Deutschland. So steigt in Europa die Zahl der Glasfaseranschlüsse für schnelles Internet exorbitant an – nur nicht bei uns.

„Im Ranking der EU27+9-Länder liegen Litauen mit einer Anschlussquote von 30 Prozent der Haushalte, Norwegen (18 Prozent) und Schweden (14,5 Prozent) an der Spitze. Insgesamt 22 Länder bringen es auf eine FTTH/B-Anschlussquote von mehr als einem Prozent. Deutschland und England gehören nicht dazu, erstmals jetzt aber Luxemburg (1,5 Prozent) und Spanien (1,4 Prozent)“, schreibt heise.de.

Ein Trauerspiel, das auch irgendwann zu volkswirtschaftlichen Verwerfungen führen kann. Siehe dazu auch: VATM-Studie: Zur Lage der TK-Dinosaurier – Warum Apple und Google besser sind.

Das Thema möchte ich in einem Beitrag am Freitag vertiefen. Statements, Studienhinweise, kritische Kommentare zu meiner Einschätzung bitte bis Donnerstagabend hier als Kommentar posten, in eigenen Blogpostings aufgreifen oder mir per Mail schicken: gunnareriksohn@gmail.com. Telefoninterviews oder Live-Hangouts sind natürlich auch machbar.

Das Ganze könnte natürlich auch noch eine Rolle bei der zweiten Session des virtuellen Blogger Camps am Mittwoch um 19,30 Uhr spielen: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption.

Studenten im Bologna-Prozess: Stoff-Bulimie statt Regelbruch – Reinschaufeln, auskotzen, vergessen

Innovationen entstehen nach Ansicht des Bloggers Martin Bartonitz vor allem durch Regelbrechung. Man muss in der Lage sein, Altvertrautes nicht mehr in den gewohnten Bahnen zu betrachten: Anders denken und nicht mehr einfach weitermachen, weil man es ja immer schon so gemacht hat. Nicht wegsehen, sondern hinterfragen. In seinem jüngsten Beitrag beruft sich Bartonitz auf einen Vortrag von Gary Hamel („Reinventing the Technology of Human Accomplishment“).

Kein Manager sei mehr in der Lage alles zu wissen, was die einzelnen Experten seines Teams sich an Können angeeignet haben, so Hamel. Damit wandelt sich die Rolle des Managers. Hamel fordert einen Paradigmenwechsel im Management, weg von der Schaffung menschlicher Automaten. „Wer den Menschen nur als Automaten betrachtet, verpasst, dass dieser ein in höchstem Maße adaptives Wesen ist, ganz im Gegenteil zu einem hierarchisch organisierten Unternehmen“, schreibt Bartonitz und zitiert den ehemaligen Controller Niels Pfläging:

“Die Zwangsjacke, die sich Unternehmen durch exakte Pläne anziehen, wird immer enger. Doch alle Unternehmen können sich aus ihr befreien.”

Aber wie und mit welchem Personal?

Gefragt sind heute Selbstorganisation statt Hierarchie, Möglichkeitsräume statt pseudoexakter Planungen, Fehlerfreundlichkeit statt Standardisierung. Kein Befehl und Gehorsam, sondern Abschaffung der Ziegelstein-Diktatur in den Organisationen von Wirtschaft und Staat. Und was für ein Nachwuchspersonal kommt von den Universitäten im Geiste von Bologna? Akademische Automaten.

„Die heutige Universität ist keine ‚universitas‘ mehr, sondern eine Summe von Fachhochschulen“, kritisiert der Medienphilosoph Norbert Bolz in dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Wer hat Angst vor der Philosophie?“ (erschienen im Wilhelm Fink Verlag).

Das verwaltete Studium finde eifrige Verfechter mittlerweile auch bei den Studenten, um deren „Zurichtung“ es den Bildungsplanern geht. Die Angst um den Job rufe nach handfestem, abfragbarem Wissen. Unreglementiertes Denken passt nicht in die Doktrin des Bologna-Prozesses. Es lässt sich nicht in das Schema von Ranglisten, Test und Training pressen. Antik war die Muße, modern ist die Verbeamtung des Denkens. Die Universitätslehre vermittelte Sinn, der Bologna-Prozess ruft nach einer operationalen Praxis.

Dekanate mutieren zum Service-Center. Lehre und Forschung werden durch Module und Projekte ersetzt. Den Professoren und Studenten wird heute das Apportieren beigebracht.

„Wer sind die Gewinner des Bologna-Prozesses? Zu den Gewinnern gehören die Verwaltung, deren Bedeutung ins Groteske angewachsen ist, und die Wissenschaftsfunktionäre in den Gremien“, bemerkt Bolz.

Gewinner seien aber auch die Professoren, die lieber Lehrer sein möchten, und die Studenten, die lieber Schüler bleiben wollen. Es ist der Verrat an der akademischen Freiheit des Denkens. In den Wissenschaftsfabriken mit ihren Sprachcodes und Trainingscamps wird nicht der Regelbruch kultiviert, sondern die Stoff-Bulimie: Reinschaufeln, auskotzen, vergessen. Wissenschaft funktioniert wie ein Jahrmarktsverkäufer:

Professor Zerr: Schöner Scheitern statt Benchmarking

„Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, kritisiert Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule.

Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings.

„In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metaphern verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu machen. Das ist das Programm unserer Universität“, sagt Zerr.

Es wäre nach Ansicht des IT-Personalexperten Udo Nadolski schon ein großer Fortschritt, wenn sich Manager, Politiker und Wissenschaftler von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren würden.

„Den von Joseph A. Schumpeter geprägten Begriff der kreativen Zerstörung muss man in seinen Konsequenzen auch zu Ende denken. Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt die Wirkungen von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen“, erläutert Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash.

Überall dort, wo Talent, Technik und Toleranz aufeinandertreffen, könnten richtige disruptive Innovationen oder Sprunginnovationen entstehen, meint der Zukunftsforscher Dr. Karlheinz Steinmüller.

Was notwendig sei, um ein günstiges Klima für Störer und Innovatoren zu schaffen, sei eine Kultur des Karnevals, Narrentums und des Scheiterns. Das gelte für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Management und Medien. Mit dem Bologna-Prozess erzeugen wir das Gegenteil. Da sind wir schon mitten in der Thematik der zweiten Session des Blogger Camps am Mittwoch von 19,30 bis 20,00 Uhr: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Teilnehmer: Katja Andes (Ideacamp UG), Lars Mensel (The European-Debattenmagazin), Dirk Elsner (blicklog), Andreas Klug (Ityx), Hannes Schleeh und Heinrich Rudolf Bruns. Moderation: Meine Wenigkeit.

Regelbrecher statt akademische Automaten wird auch das Thema meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ sein. Statements bis morgen (spätestens bis 14 Uhr) wieder hoch willkommen.

Auf der Suche nach dem Social-CIO: Wie innovativ ist die Informationstechnologie in Unternehmen?

Mit dem Thema Innovationen durch IT beschäftige ich mich schon seit ewigen Zeiten. So schrieb ich sieben Jahren einen Artikel über eine von mir organisierte Expertenrunde mit dem leider viel zu früh verstorbenen IT-Kenner und Buchautor Dr. Lothar Dietrich. In Düsseldorf diskutierten wir die Frage, warum eigentlich in der Regel der Finanzvorstand an die Spitze des Unternehmens vorrückt oder Juristen und eher selten der Chief Information Officer (CIO). Das Management eines Unternehmens habe oft eine ablehnende Haltung gegenüber den Entscheidungen der IT-Abteilung.

„Grundsätzlich muss auch die Frage diskutiert werden: Was verstehen wir eigentlich unter IT? Das ist nicht mehr nur die Bit-und-Byte-Ecke, also Rechenzentrum und Programmierung“, sagte Dietrich damals.

Das ist immer noch ein Problem. IT-Führungskräfte müssten sich viel stärker als Innovationsträger in ihren Unternehmen positionieren. Allerdings gibt es eben auch noch Sünden der Vergangenheit zu bewältigen. Im Zuge des Internet-Hypes Ende der 90er Jahre wurden viele technikgetriebene Investitionen getätigt, die die Profitabilität nicht erreicht haben. Deswegen werden Entscheidungen der IT-Abteilung vom Management immer noch doppelt geprüft. Die Vielfältigkeit der CIO-Aufgaben ist schon in der Düsseldorfer Runde betont worden. Der CIO als Moderator zwischen den Fachabteilungen, dem Management, damit er im Idealfall die Unternehmensstrategie auf die IT-Infrastruktur und die Anwendungen abbilden kann.

„In der verarbeitenden Industrie kommt der IT eher eine Service-Rolle zu, da heisst es ‚IT-Strategy follows the Corporate-Strategy’. Das gilt aber für die Service-Industrie weniger, denn dort muss die IT sehr deutliche Impulse ins Business geben, da das Produkt dort stark durch IT geprägt ist“, erklärte IBM-Manager Dietrich. „Deshalb hat auch der IT-Manager hier die Aufgabe, die IT dahingehend zu prüfen, inwieweit damit auch Geschäftsmodelle, nicht nur Prozesse verändert und verbessert werden können.“

Die Struktur müsse so hergestellt werden, dass ein Unternehmen mit seiner IT flexibel genug aufgestellt sei, um Innovationsführer im Bereich seiner Industrie werden zu können. Es gelinge aber nicht vielen Unternehmen, von der Unternehmensstrategie die Prozessstrategie und daraus irgendwann eine IT-Strategie abzuleiten, so Dietrich weiter. Ein entscheidender Faktor sei hier der Unterschied zwischen Investitions- und Kostensenkungsseite. Es werde allerdings immer noch zu stark den Sirenengesängen der Globalisierung hinterhergelaufen. Man betrachte die IT zu einseitig als Hebel für Kostensenkungen und weniger als Innovationstreiber für neue Geschäftsmodelle:

„Wir müssen uns viel stärker mit dem innovativen Ansatz beschäftigen“, forderte Dietrich.

Es gehe ihm dabei nicht um Commodity-Themen. Denn auf diesem Gebiet seien Länder wie China oder Indien die kostengünstigeren Produktionsstandorte. Voraussetzung für Innovationen sei es, das Know How aus den Köpfen der einzelnen Mitarbeiter zu bündeln sowie darüber hinaus Wissensmanagement-Systeme zu installieren, um die Zusammenarbeit zwischen einzelnen Abteilungen im Unternehmen zu verbessern und daraus innovative Ideen entwickeln zu können.

„Bisher ist es oft so, dass jeder Fachbereich nur seine eigene Scheibe sieht. Die Abteilungen interessiert oft herzlich wenig, was links und rechts geschieht. Da kommt wieder der CIO ins Spiel, der sogenannte Work Flows, also Arbeitsprozesse, die durchs gesamte Unternehmen gehen, koordiniert“, so Dietrich weiter.

Wirkliche Innovationen kommen eher von Aussenseitern, Quertreibern oder sind schlicht Zufallsprodukte. Um das zu fördern, benötigt man weniger Barrieren, weniger Restriktionen und weniger Steuerung. Für CIOs, die immer noch um ihre Pflichtenhefte kreisen, eine Zumutung, wie meine heutige Service Insiders-Kolumne belegt: Was CIOs und Unternehmenschefs von der „mobilen Elite“ lernen können – Neun von zehn IT-Chefs verweigern den Einsatz von Social Media-Werkzeugen.

IT-Abteilungen sollten sich eigentlich von der digitalen Avantgarde inspirieren lassen und ihnen keine Techno-Diktate vorschreiben. Das Gegenteil ist leider der Fall. Der Großteil der CIOs hat die Bedeutung von sozialen Netzwerken nicht erkannt oder delegiert die entsprechenden Aufgaben an Mitarbeiter.

„Stellvertreter mit Social Media-Aufgaben zu betrauen, sei aber so ziemlich das Schlechteste, was einem in diesem Umfeld einfallen könne. Das zumindest schreiben die Berater von Gartner, die solche Ignoranz in einem Ranking der Signale, denen zufolge das Management Social Media nicht verstanden habe, geißeln“, berichtet das CIO-Magazin.

Mit dem unbegrenzten Zugang zu Informationen sei jedoch ein anderer Ansatz erforderlich, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu wahren. Indem man Social Media-Tools in die Tagesarbeit der Mitarbeiter integriere, ließen sich die Kommunikation zwischen Kollegen, Kunden und Geschäftspartnern über Hierarchiegrenzen hinweg beleben. Unter diesen Vorzeichen sei ein „Social CIO“ besser positioniert.

Wie social Unternehmen und CIOs wirklich sind, wird auf dem Social Media Breakfast des Beratungshauses Harvey Nash am 9. November in München diskutiert. Hauptredner ist talkabout-Geschäftsführer Mirko Lange. Die Panel-Runde wird von dem Service Insiders-Kolumnisten Gunnar Sohn moderiert.

Das virtuelle Blogger Camp wird sich am Mittwoch, den 24. Oktober von 19,30 bis 20,00 Uhr mit den Wirkungen der digitalen Dauer-Disruption auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik auseinandersetzen.

Welche Relevanz Apps für die Arbeitswelt haben, würde mich übrigens mal interessieren. Eine Anregung an Statista, die gerade ein Ranking der beliebtesten Tablet-Apps veröffentlicht haben.

VATM-Studie: Zur Lage der TK-Dinosaurier – Warum Apple und Google besser sind

Gesamtumsatz der TK-Dienste bleibt stabil – Wettbewerber tätigen mehr als die Hälfte der Investitionen – Deutsche telefonieren und simsen so viel wie nie zuvor – Datenübertragungsmenge im Mobilfunk steigt um ein Drittel – Mobiles Internet treibt Non-Voice-Umsätze – Nur geringes Wachstum bei Glasfaseranschlüssen – 28,1 Millionen Breitbandanschlüsse. Mit dieser Kaskade an Superlativen bin ich heute auf der Pressekonferenz des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) – also fast alles was in der TK-Branche Rang und Namen hat und nicht Deutsche Telekom heißt. In einem einstündigen Vortrag (!) wurde von Professor Torsten J. Gerpott eine Studie von Dialog Consult präsentiert – sehr viel Zeit für die Fragen der Journalisten gab es nicht.

Also alles in Butter bei den TK-Anbietern? Weit gefehlt. Zieht man die semantische Rabulistik ab, stagnieren die Umsätze und in der Langzeitbetrachtung geht der TK-Markt deutlich nach unten. Man könnte auch sagen, dass die Hütte brennt.

In der Präsentation von Professor Gerpott heißt es aber, dass die Umsätze „nahezu stabil“ sind. Das gilt vielleicht im Vergleich zu 2011. Aber auch da gibt es eine negative Tendenz von 60,2 auf 60,1 Milliarden Euro. In den besten Zeiten erreichten die Telcos einen Gesamtumsatz von 68,8 Milliarden Euro. Das war in den Jahren 2005 und 2006. Scheinbar findet sich hier eine wohl nicht zufällige Parallelität zur Situation der Anbieter von Service-Rufnummern (Mehrwertdienste). Auch da geht es seit 2006 bergab. Bei der VATM-Veranstaltung wurde für die Service-Rufnummern aber nur die Umsatzprognose für 2012 vorgestellt und umjubelt.

Eine Zeitreihe wie beim TK-Gesamtumsatz ist nicht vorgestellt worden. Dann muss man eben zum Zahlenwerk des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) in Bad Honnef greifen. Das WIK hat ja klar nachgewiesen, dass die Anbieter von Service-Rufnummern ihren Höhepunkt beim Anrufvolumen und bei den Umsätzen schon längst überschritten haben, obwohl das von vielen Experten der Call Center-Szene nach wie vor bestritten wird. Seit 2006 geht es bergab. Es gebe gravierende Veränderungen im Nutzerverhalten, die sich nachteilig für telefonische Dienste auswirken. Beim Smartphone sei das gut zu beobachten:

„Wenn die Leute ausgetestet haben, was sie damit machen können, dann kommt die Lust auf weitere Anwendungen. Das ist wie eine Spirale – es verstärkt sich immer weiter. Beim Online-Banking überprüfe ich vielleicht erst einmal nur meinen Kontostand. Wenig später folgen dann auch Überweisungen, die ich bequem über Apps vornehmen kann. So setzt sich das in anderen Anwendungsfeldern fort. Es gibt eine sehr steile Lern- und Erfahrungskurve. Der positive Effekt, wenn etwas wirklich bequem und einfach über das mobile Netz klappt, wirkt wie ein Katalysator“, so WIK-Abteilungsleiter Ralf Schäfer.

Die volle Wucht der mobilen Dienste sei noch gar nicht spürbar, weil man noch weit von einer Sättigung des Marktes mit Smartphones und Tablet-PCs entfernt sei.

„Wir befinden uns im ersten Drittel der Lebenszykluskurve. Hier werden die Verkaufszahlen in den nächsten Jahren gigantisch steigen. Schauen sie sich die Werbung von Elektronikmärkten an. Hier finden sie fast nur nach Smartphones und keine klassischen Handys mehr. Schauen sie sich die Werbung der Mobilfunk-Netzbetreiber an. Da spielt Telefonie gar keine Rolle mehr. Beispielsweise bei Vodafone. Da stehen nur noch Datentarife und Apps im Vordergrund. Das geht klar zu Lasten der Service-Rufnummern. Aber selbst die klassischen Websites geraten unter Druck, wenn ich unterwegs über Apps meine Dinge erledigen kann. Auch soziale Netzwerke lösen immer mehr die alten Kommunikationswege ab“, sagt Schäfer.

Über die App-Economy ist auf der VATM-Pressekonferenz so gut wie überhaupt nicht geredet worden. Entsprechend kritisch fielen meine Fragen aus an Dr. Christian Kühl, VATM-Präsidiumsmitglied und Chef von dtms, und Professor Gerpott.

Mit dem klassischen TK-Geschäft ist auf Dauer also kein Blumentopf zu gewinnen. Was wirklich passiert, hat Roman Friedrich von Booz &a Co. am Anfang des Jahres sehr viel klarer und deutlicher auf den Punkt gebracht. Ich verweise auf mein Blogpost „Die App-Economy wächst, aber nicht die Telefon-Dinosaurier“.

„Es gibt einen weiteren Druck auf die Umsätze. Das zeichnet sich seit einigen Jahren ab“, so Friedrich.

Die Netzbetreiber müssen schleunigst auf ihre Kunden hören, ansonsten verschwinden die Dinosaurier der Telekommunikation. Denn wer zu spät kommt, den bestrafen Apple und Google. Und bei Apple, Herr Professor Gerpott, ist es nicht nur das Hardware-Geschäft (siehe den Audio-Mitschnitt meiner Fragen). Schauen Sie sich an, wer im App-Geschäft am meisten Umsätze macht? Da finden Sie wohl fast kein VATM-Mitglied. Es sind Apple und Google.

Die TK-Konzerne selbst wollen ihre Hausaufgaben machen, um mit dem Preisdruck fertigzuwerden. Es werden mehr Dienste angeboten und trotzdem gehen die Preise zurück. Gut für die Verbraucher, schlecht für die Netzbetreiber. Kompensieren will man diese Gemengelage durch strukturelle Programme zur Kostensenkung. Gespart werden soll beim Netzbetrieb, durch das gemeinsame Betreiben von Netzen (Network-Sharing), durch Lean Management, Outsourcing und Synergien über Ländergrenzen hinweg – was bis zu Zusammenschlüssen auf internationaler Ebene geht, wie das Beispiel VimpelCom-Orascom beweist.

Wachsen wollen die Netzbetreiber in Angeboten für Geschäftskunden, in der besseren Pflege der Kundenbasis und in der Ausweitung des Portfolios, wie es sich Telefonica auf die Fahne geschrieben hat. Zudem soll es Dividenden-Versprechen statt Kurspflege geben. Ob das Ganze aufgeht, darf bezweifelt werden. Um die Gewinne vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) zu verbessern, wird mehr auf der Kostenseite gearbeitet und weniger an der Steigerung der Umsätze. Eine andere Option haben die TK-Dinos wohl nicht.

Wer macht die Musik im zukunftsträchtigen Mobil-Geschäft? Die Taktgeber sind auch hier Apple und Google. Von den verstaubten Telefonie-Läden ist wenig zu sehen. Das kann man jährlich auf der Mobile World erleben. Es reicht eben nicht aus, eine Digitaleinheit zu gründen, um an der Expansion der Netz-Ökonomie zu partizipieren.

Von den Netzbetreibern wird man wohl wenig sehen an Innovationen, die die Digitalisierung der Wirtschaft vorantreiben. Das ist das klassische Dilemma von Unternehmen, die ein einziges Produkt in den Markt getragen haben, um Profite einzufahren – Telefonie via Sprache. Werden die Anforderungen komplexer, wie bei der digitalen Heimvernetzung, scheitern die Telefonkonzerne. Um Neugeschäfte zu generieren, müssten diese Firmen in eine höhere Liga aufsteigen. Die Bereitschaft bei den Kunden ist da, für vernetzte Services zu bezahlen.

„Die Pläne und Erkenntnisse gibt es auch bei den Anbietern. Das bekommt man aber nicht von heute auf morgen umgesetzt“, erläutert Unternehmensberater Friedrich.

Dafür benötigt die Branche neue Köpfe und ein neues Denken. Wer zögert, wird von Apple und Google überrollt.

Auf der VATM-Veranstaltung wurde dann noch auf eine höchst bedenklich Zahl hingewiesen, die man völlig unverständlich mit der Nachfrage nach schnelleren Breitband-Anschlüssen erklärte.

Knapp 70 Prozent der DSL-Anschlüsse haben eine maximale Empfangsgeschwindigkeit von bis zu 6 Mbit pro Sekunde. Vom Ziel der Bundesregierung, bis 2014 in der Fläche auf Anschlüsse mit über 50 Mbit pro Sekunde zu kommen, sind wir meilenweit entfernt. Bislang liegt man bei 0,8 Prozent.

Gerpott betonte dann noch, dass sicherlich das Angebot eine entsprechende Nachfrage generieren würde. Richtig. Ohne Ausbau der Breitband-Infrastruktur werden sich keine neuen Geschäftsmodelle entfalten. Hier ist Industriepolitik gefragt. Das hat Friedrich auch besser auf den Punkt gebracht:

„Es gibt eine ganz starke Korrelation zwischen der Infrastruktur-Ausstattung eines Landes und dem Sozialprodukt. Hier fallen wir zurück. Im weltweiten Maßstab sinken unsere Investitionen für Festnetz, Mobilfunk und Breitbandkommunikation. Wir verschenken damit Wachstum. Das ist leider ein Ergebnis der Regulierung.“

Hier noch der rund einstündige Vortrag von Professor Gerpott als Audioaufzeichnung: