Die Angst des Managers vor dem Social Web

Klaus Eck und Rainald Goetz haben mich zu meiner morgigen The European-Kolumne inspiriert. Irgendwie ist es doch verwunderlich, wie wenige Führungskräfte wirklich aktiv im Social Web in Erscheinung treten. Einen Grund benennt Eck: „Enterprise 2.0 und Social Media passen so gar nicht zu einer Philosophie der Mittelmäßigkeit, in der jeder unauffällig und scheinbar risikolos seinen Weg gehen kann. Durch die neuen Entwicklungen werden wir alle in unserem Schaffen sichtbarer. Diese Transparenz wirkt sich auf alle Bereiche in den Unternehmen aus und verändert diese langsam.“

Entscheider würden oftmals auf eine Social Media-Nutzung verzichten, weil dieses Gedöns ihnen Angst macht.

„Sobald eine Führungskraft in Social Media aktiv wird, muss sie damit rechnen, auch mit unliebsamen Fragen konfrontiert zu werden. Das erfordert vom Einzelnen viel Mut und eine klare Haltung. Social Media basiert auf Kommunikation mit Menschen. Diese verhalten sich nicht immer logisch und nachvollziehbar“, betont Eck.

Und Unberechenbarkeit ist Gift für die Geisteswelt der Controlling-Süchtigen.  Sozusagen die German-Angst vor dem Shitstorm. Ohne Dirigentenstab, Sprachregelungen, Powerpoint-Folien und Autorisierungsmaschinerie sind Manager nicht überlebensfähig.

Zu leicht erkennt man die Nacktheit des Kaisers hinter einer Fassade der Phraseologie. Das Führungspersonal der Deutschland AG ist völlig ungeeignet für Netzdiskurse, die nicht den Befehl-und-Gehorsam-Drehbüchern der Firmen-Generäle folgen. Als Symbol dieser aalglatten Ikonen rhetorischer Leerformeln sehe ich Johann Holtrop, die Hauptfigur in dem neuen Roman von Rainald Goetz, der überhaupt keine Ähnlichkeiten mit so erfolgreichen Topleuten wie Thomas Middelhoff aufweist. Oder doch? Das Goetz-Werk ist ein erschreckendes Panoptikum der deutschen Wirtschaftselite. Holtrop ist auswechselbar. Ein Schnösel und Wichtigtuer, der sich mit den allerabgedroschensten Plattitüden durchs Leben boxt. Er erzählt überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.

„Holtrop selbst merkte nicht, wem er was nachplapperte, wo er sich bediente und von wem er was übernommen oder gestohlen hatte“, so Goetz.

Das wird die Wissenschaftsministerin sehr gut nachempfinden können.

Durch diese Defizite entstand die besondere mimetische Energie, „die Holtrop das von außen anverwandelte, was ihm fehlte.“

Er implantierte der Außenwelt seine Ideen, indem er sie kopierte und zugleich so manipulierte, dass sie seine Ideen für ihre eigenen hielten. Ein genialer Blender, der es im Social Web so schwer hat, seine Selbstinszenierung am Leben zu erhalten. Senkrechtstarter wie Guttenberg können das bezeugen. Weiteres dann morgen in der Kolumne.

Zur zeitlichen Überbrückung schlage ich als Lektüre folgendes vor:

Warum Seilschaften an der Netzlogik scheitern.

Frau Schavan wird wahrscheinlich nicht begeistern sein, dass ich nun doch zugesagt habe, einen Buchbeitrag mit dem Arbeitstitel „Pandemie-Gefahr: Über die Ausbreitung des Promo-Virus plagiatus in der politischen Klasse“ zu schreiben. Genügend Beispiele werden mir ja fast jeden Monat geliefert.

6 Gedanken zu “Die Angst des Managers vor dem Social Web

  1. Dankeschön für Deinen Beitrag und den Lesetipp!
    Sehr gut auf den Punkt gebracht…
    Die Angst vor offener Kommunikation und kritischem Diskurs sitzt leider tief bei vielen Managern…
    Viele haben es auch überhaupt nicht gelernt, mit (eigenen) Fehlern umzugehen.
    So kann keine fruchtbare Diskussionskultur entstehen…Weder im Unternehmen selbst – noch im social web.
    Viele Grüße
    Christina

  2. Pingback: Warum man bei Facebook nicht mehr alle Beiträge sieht und was das für Marken bedeutet | Maurice Morell, Kommunikation

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