Über die verkrampften Industriekapitäne der Deutschland AG und das Problem der digitalen Demenz

Zwei Welten prallen im Netz aufeinander: Bürokratie und hierarchisches Management gegen verspieltes Experimentieren. Unternehmen, für die ein Twitter-Account schon die Zeitenwende bedeutet, werden daran verzweifeln. Schicksalhaft ist diese Gemengelage allerdings nicht, wie der Zukunftsforscher Alvin Toffler bereits in den 1970er Jahren prognostizierte. Denn die klassischen Organisationsformen als Ursache der betrieblichen Ärgernisse lösen sich auf. Schon vor vierzig Jahren beobachtete der Gesellschaftsfuturologe eine Tendenz, die das System der Bürokratie immer mehr herausfordert und schließlich ganz ersetzen wird: Toffler sprach von der „Adhocratie“. Bürokratien eignen sich bestens für Aufgaben, bei denen viele Mitarbeiter ohne Spezialausbildung Routinearbeiten ausführen. Es sind statische Gebilde und dauerhafte Strukturen mit einem einfachen hierarchischen Aufbau aus dem Maschinenzeitalter. Da regierten noch Generaldirektoren im Kommandoton.

Adhocratien verlangen völlig andere Führungsmechanismen und Technologien. Das langsame Tempo des Maschinenzeitalters gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. „Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters“, so Marshall McLuhan in seinem legendären Opus „Die magischen Kanäle“.

Man spürt die Verkrampfung der Industriekapitäne der Deutschland AG, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. Der Grafiker Quentin Fiore formuliert das in seinem Opus „Das Medium ist die Massage“ mit drastischen Worten: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte.

„Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Der traditionelle Manager hasst die Welt der Blogs, Foren und Netzwerke. Alles eine Zeitgeisterscheinung. Er kann einen Tweet nicht von einem Tweed unterscheiden. Letzteres hängt ja als Sakko in seinem Kleiderschrank. Warum sollte es da noch etwas anderes geben. Neumodischer Kram. Das Netz richtet sich aber nicht mehr nach den Gesetzen der Tweed-Kanalarbeiter.

Vielleicht sollten die Führungskräfte der Wirtschaft im Umgang mit dem Social Web einfach ein wenig lockerer werden und sich an dem amerikanischen Organisationspsychologen James C. March orientieren, der für eine „Technologie der Torheit“ plädiert. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden.

Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist des Controllings.

Wie man damit fertig werden kann, beantwortete Marshall McLuhan mit Verweis auf eine Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe. Dem Matrosen in Poes Abhandlung über den „Sturz in den Malstrom“ bleibt nichts anderes übrig: Er nutzt die Strömung des Wirbels gegen ihre eigene Gewalt. Man muss mit der Geschwindigkeit gehen können, um danach erst an jenen Stellen langsam zu werden, wo es sich lohnt. Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben, so das Credo des Organisationspsychologen Peter Kruse. Das Ganze ist ausführlich in meinem Beitrag für Service Insiders nachzulesen: Social Media und die Technologie der Torheit – Über die Ohnmacht des Tweed-Managers.

Ganz schlimm wird die Verkrampfung, wenn sie in digitale Demenz umschlägt, wie bei dem Neuro-Bild-Guru Manfred Spitzer. Damit er wieder mehr Kontrolle und Selbstbeherrschung über sein neuronales Dasein bekommt, schlagen Ärzte und Apotheker das Computerspiel „Der Landwirtschaftssimulator“ als geeignete Antistress-Therapie vor.

Umgeben von Kühen, satten Weiden und langsam durch die Gegend tuckernden Traktoren kann der weltbeste Bild-Neuro-Guru seine dementen Akkus wieder aufladen. Ob nun das Fahrzeug nach links oder rechts fährt, ist bei diesem Programm zur Rehabilitation völlig egal. Ab und zu gackern die Hühner, um den Demenzkranken bei Laune zu halten.

Jedes andere Computerspiel würde den Spitzer-Geist zu sehr beanspruchen: Kombinatorik, Reaktionsschnelligkeit, Taktik, Strategie, Raffinesse, Merkfähigkeit und Feinmotorik sind die Grundlagen für erfahrene Gamer. Spitzer könnte auf der Gamescom in Kölle nicht einen Tag überleben – virtuell.

Wie sich der Sohn mit seinem Sohn am morgigen Gamescom-Pressetag so schlagen werden, erfahrt Ihr auf meinem Youtube-Kanal.

Wie dramatisch die virtuellen Phantomschmerzen des Gehirnforschers wirklich sind, ist Gegenstand meiner morgigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“.

Vernetzt Euch, das ist nicht wohl kein geeignetes Motto für Herrn Spitzer. Aber es wird das Leitthema des Blogger Camps vom 28. bis 29. September in Nürnberg sein. Es ist nach Ansicht von Heinrich Rudolf Bruns, Mitglied des „Bloggenden Quartetts“, auch ein probates Mittel, um die Weisheit der Vielen für das Berufsleben zu nutzen:

Wegen neuronaler Verirrungen sollte aber niemand in den Tod geschickt werden – auch nicht literarisch. Das hat auch ein Frank Schirrmacher nicht verdient.

Digitale Demenz ist übrigens kein Alleinstellungsmerkmal von Pfitzer. Auch die Lobbyisten des Leistungsschutzrechts leiden kräftig unter den 0/1-Allergien.

7 Gedanken zu “Über die verkrampften Industriekapitäne der Deutschland AG und das Problem der digitalen Demenz

  1. Prima. Danke, lieber Helfried Schmidt. Haben Sie Lust, beim Blogger Camp in Nürnberg am 28. und 29. September mitzumachen?

  2. Pingback: [DE] Über die verkrampften Industriekapitäne der Deutschland AG und das Problem der digitalen Demenz | Ich sag mal « Digital Naiv – Stefan63's Blog

  3. Pingback: [DE] Über die verkrampften Industriekapitäne der Deutschland AG und das Problem der digitalen Demenz | Ich sag mal « Digital Naiv – StefanP's Business Blog

  4. Pingback: [DE] Über die verkrampften Industriekapitäne der Deutschland AG und das Problem der digitalen Demenz | Ich sag mal « Digital Naiv – StefanP's Business Blog

Kommentar verfassen