Umsätze oder Geräte-Zoo? Über den zerstückelten Android-Markt und eine Empfehlung an Microsoft, Apple zu kopieren

In meiner Dienstagskolumne bin ich ausführlich auf das Interview mit Ralf Rottmann von grandcentrix eingegangen. Schwerpunkt war für Service Insiders natürlich die App-Landschaft für Kundendialoge. Abstürzende Applikationen, Fehlanzeige bei Service-Apps und überforderte Entwickler, die mit irgendwelchen Tools ihre Kunden in die mobile Welt heben wollen. Es gibt sehr viel Schrott auf dem Markt der mobilen Applikationen, kritisiert Rottmann:

„Man sieht, wie sich die Entwicklungen der 80er und 90er Jahre wiederholen. Jeder kann leicht auf den App-Zug aufspringen und super leicht Entwickler werden. Wie man bei GeoCities damals blinkende einfache Webseiten gesehen hat, weil das eine einfach zugängliche Technologie war, sieht man es heute bei Apps.“

Da seien sehr viele Laienspieler am Werk. Gleichzeitig führe dieser vermeintliche Goldrausch auch dazu, dass jeder erst einmal auf den Zug aufspringt.

„Es werden oft irgendwelche Apps in den Store geschoben, in der Hoffnung den nächsten Millionen-Seller entdeckt zu haben. Die Erfahrung zeigt, dass das so nicht funktioniert. Es sind Softwareentwicklungsprojekte und es gelten die gleichen Mechaniken und Mechanismen wie bei der ganz normalen und klassischen Softwareentwicklung auch.“

Wenn es um anspruchsvolle Aufgaben für den Unternehmensalltag geht, bietet die App-Economy noch nicht sehr viel. Netzexperten sehen hier Änderungsbedarf: „Big Data”, „Mobile” und „Social” erfordern nach Auffassung von Karl-Heinz Land, Chief Evangelist & Senior Vice President Social iCommerce bei MicroStrategy, ein neues Denken der Manager. Soweit der kleine Auszug aus meinem gestrigen Artikel. Das Rottmann-Interview hat aber noch weitere interessante Inhalte aufzuweisen.

Einen App-Experten darf man natürlich nicht verlassen, ohne auf iOS und Android einzugehen. Ich hatte ja schon mal kritisch angemerkt, dass Statistiken über den Smartphone-Markt etwas differenzierter ausgewiesen werden sollten. Hinter iOS steckt immer ein Apple-Gerät, hinter Android ein Geräte-Zoo. Und genau hier sehe ich die Schwäche des Android-Marktes. Zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt auch Rottmann.

iOS versus Android

„Es ist ja bekannt, dass iOS-Nutzer kauffreudiger sind und für Inhalte eher Geld bezahlen wollen. Das liegt mit Sicherheit auch an der Einfachheit von iTunes und man nicht umständlich Google Wallet oder PayPal braucht. Die reine Marktanteilsdiskussion ist falsch. Es sagt nur aus, dass mehr Leute Android-Geräte haben als iPhones.“

Was wirtschaftlich am erfolgreichsten funktioniert, könnte man nicht gleichsetzen mit der am weitesten verbreiteten Technologie-Plattform. Die Fragmentierung im Android-Markt wirke sich wirtschaftlich negativ auf den Umsetzungsprozess aus.

„Wenn ein Kunde heute sagt, baut mir eine Anwendung für Android und wir das von 2.2 bis 4.0.4 Unterstützen, dann wird es teurer als iOS. iOS fängt gerade auch an zu fragmentieren, aber natürlich nicht in dem Umfang. Apple hat auch eine Aufgabenstellung, die einfacher ist. Die sind nicht unbedingt schlauer. Durch die sehr kontrollierte Hardwaresituation hat Apple es leichter“, so Rottmann.

Die Android-Hersteller würden eigene Oberflächen, Hardwareknöpfe und sonstige Abwandlungen entwickeln. Das gehe zu Lasten der Nutzerfreundlichkeit. Beim neuen mobilen Betriebssystem von Microsoft sei die Problematik ähnlich: „Meine Prognose, Microsoft kauft Nokia und kopiert das Apple-Modell“, erklärt App-Experte Rottmann.

Warum Microsoft Nokia kaufen sollte

Bislang gibt es kein mobiles Endgerät für das kürzlich von Microsoft vorgestellte Betriebssystem und es ist damit zu rechnen, einen ähnlichen Geräte-Wildwuchs zu erleben wie auf dem Android-Markt. Siehe: Apollo 8 von Microsoft: Houston, wir haben immer noch ein Problem – Endgeräte.

Deshalb plädiert Rottmann dafür, dass Ökosystem von Apple zu kopieren.

„Apple kopiert auch von sehr erfolgreichen Modellen. Vom Design bis zu allem anderen. Niemand diktiert Microsoft, was sie in der Telfonie und im Mobile Business machen müssen. Bis sie das übertragen haben und zuerst einmal in einem Android-Modell agieren, ist es okay. Vielleicht haben sie den Mut und sagen, wir machen das nicht mehr. Wir bauen in Zukunft eigene Windows-Phones und kaufen dafür Nokia. Dann hat das eine echte Chance“, spekuliert Rottmann.

Wie der Social TV-Markt funktionieren könnte, erläutert Rottmann am Schluss des Interviews. Da er seine Thesen auf dem Social Commerce-Kongress in Amsterdam vortragen wird und ich mir das am ersten Tag anhören werde, greife ich das heute nicht auf. Mehr dazu in der nächsten Woche. Der Kongress findet am 10. und 11. Juli statt. Hier geht es zur Facebook-Seite des Kongresses.

Interviews werde ich auch in Amsterdam führen. Wer dort ist und Interesse an einem Gespräch hat, kann sich ja im Vorfeld bei mir melden: gunnareriksohn@gmail.com

Interessant auch:

Facebook: Timeline von Facebook Seiten ab 10. Juli auch für Mobile Geräte.

Twitter demontiert seine Plattform, weil es sich dies leisten kann.

Hier noch ein Geräte-Zoo: Intel mit über 20 Windows 8 Tablets auf der IFA 2012.

3 Gedanken zu “Umsätze oder Geräte-Zoo? Über den zerstückelten Android-Markt und eine Empfehlung an Microsoft, Apple zu kopieren

  1. Pingback: plus-me.at GOOGLE | (DE) Ende zu Ende Lösungen aus einer Hand haben auch den Vorteil nur eines Ansprechpartners….

  2. Wir (@westaflex) haben uns von Anfang an, nur für Android entschieden und würden es immer wieder tun.

    Unsere Kunden bspw. gestandene Handwerker sind nicht an einem Lifestyle-Gerät interessiert, sondern an bruch- und wasserdichter Technik. Sie wollen weder Geld für Apps noch für Datentransfer ausgeben und nutzen ihr Multimedia-Telefon (noch) zum telefonieren, Bilder machen und SMS schreiben. In ihrer Frühstückspause laden sie Daten via freiem Hotspot hoch und synchronisieren Mail und BILD-Zeitung.

    Wir geben mittlerweile Android Tablets und Smartphones als Gratis-Beigabe zu Bauprojekten, um mittels unser Hilfs-Apps unseren Innen- und Aussendienst zu entlasten.

    Da wir konsequent Dienste in die Datenwolke auslagern und die Google Business Apps nutzen, brauchten wir keinerlei DV-Infrastruktur – ausser Android Hardware – vorhalten. Wir haben dadurch auch keinerlei Herausforderungen beim BYOD Ansatz.

    Wie gesagt: native Apps und wenn HTML5, dann nur für Chromebooks rsp. Chrome Browser Marktplatz.

    Der angesprochene Geräte-Zoo spielt gar keine Rolle, sofern man nicht auf Gamification oder Augmented Reality setzt. Übrigens unterstützt das neue Berglöwen Mac-Release bestimmte Intel-Apple Rechner auch nicht mehr (nachdem die PowerChips ja schon beim Schneeleoparden wegfielen). Gleiches wird für NFC und LTE Optionen gelten: Hardware wird zu Schüttgut.

    Die Herausforderung bei Android sind eigene Hersteller-Oberflächen wie Motoblur oder HTC Sense und individuelle App-Marktplätze, wie Amazon, AndroitPit, HTC Hub usw. neben dem Google Play. Aus App-Anbietersicht wird ein vor-betanktes Branchen-Handy kommen, wie seinerzeit USB-Sticks oder SIM-Lock Geräte mit Anwendungsprogrammen wie irgendwelcher Gratis-Virenscanner auf neuen Laptops. So wie die Deutsche Bahn bspw. einen eigenen nicht-öffentlichen App-Marktplatz und nur HTC Androiden im Einsatz hat.

    Gleiches gilt für erste Apps in der Fertigung. Hier hat Microsoft neben Siemens noch einen Namen, sofern Android Tablets durch ihre Offenheit nicht schon Platzhirsch sind. In der rauen Produktions-Umgebung ist kein Apple gefragt…..

    Noch ein Wort zu den App-Entwicklern: unsere Erfahrungen sind eine unglaubliche Arroganz in Projektzeit und Budget, so dass wir längst auf andere europäische Länder ausgewichen sind. Dort herrscht durch die Euro-Krise eine hohe handwerkliche Kompetenz zu Festpreis-Niveau.

    Und zu guter letzt: ein Handy-Besitzer ist (leider) noch kein Handy-Benutzer. Es ist der Grund, warum Android trotz seiner hohen Verbreitung einen kleineren Anteil an kostenpflichtigen App-Nutzern hat.

    PS: Auch wir gehen davon aus, dass Microsoft entweder Nokia oder RIM günstig kaufen werden. Gegen Microsoft Apps spricht, dass Windows Mobile nicht zu Win7 rsp. Win8 kompatibel sind. Und nur Android Java und das weit verbreitete Flash unterstützt.

  3. Bernd Stahl

    @jwesterbarkey: erst mal Glückwunsch zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell (in der Nische) …

    Wenn ich versuche, das zu verallgemeinern, komme ich allerdings schnell an Grenzen:

    * Wenn man keine existierende IT-Infrastruktur vorfindet oder berücksichtigen muss, ist BYOD natürlich kein Problem. Der Mainstream sieht allerdings ganz anders aus.
    * Gaming könnte ein richtiger Trend werden. Augmented Reality evtl. auch. D.h. hier gibt es dann doch Probleme mit dem Zoo, zusätzlich zu den Hersteller-Oberflächen.
    * Der App-Markt ist fragmentiert. Der Long Tail ist „schnell und billig“. Es gibt aber auch Apps, die eher den klassischen SW-Projekt-Zyklen folgen.
    * Aus Ihrem vorletzten Absatz könnte man schliessen, die Handy-Besitzer sind im Android-Markt, während die Handy-Nutzer sich im iOS-Markt befinden …

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