Ratschläge für Merkels Internet-Gipfel: Wunderkinder bringen noch keine digitale Wende

Morgen trifft sich nun die IT-Internet-Digital-Elite im Kanzleramt mit Angela Merkel, um mit der Bundeskanzlerin zu beraten, wie man die digitale und vernetzte Ökonomie in Deutschland zu Glanz und Ruhm bringen könnte. Außer SAP könne man den US-Giganten des Netzes nicht sehr viel entgegensetzen. In Europa sieht es teilweise noch desaströser aus. Was sollte nun die Bundesregierung tun:

„Ich rate der Kanzlerin und jedem anderen, der sich des Themas annimmt, die Internetbranche nicht als Fokus neuer Aktivitäten zu nehmen. Da bestehen viele Chancen, keine Frage, aber die Lösung wäre nur ein Cluster aus Knowhow, Finanzen, Gründern, wie er in den USA besteht, und das beschliesst man nicht ‚mal eben‘, dafür muss man den Standort neu ausrichten. Es besteht ohnehin eine gewisse Chance, dass Medien und Politik zu sehr auf B2C und dort auf die Giganten fokussiert sind. Ich glaube aber, dass es wenig sinnvoll ist, ein deutsches Google zu entwickeln. Man greift nicht ausgerechnet den Weltmarktführer 15 Jahre nach seiner Gründung auf seinem Kerngeschäft an, manche wünschen sich das aber“, sagt Berater Christoph Kappes gegenüber dem Ich sag mal-Blog.

Wunderkinder bringen nicht die digitale Wende

Die Lösung würde er in der Konzentration auf nationale Stärken sehen.

„Und das ist die weltweit wohl einmalige Verschmelzung von IT und Prozess-Knowhow in unseren Spitzenbranchen Automotive, Logistik, Maschinen- und Anlagenbau. Ein gutes Konzept nutzt das Fundament und unterstützt diese Branchen bei den nächsten Entwicklungsstufen wie Internet of Things einerseits, und entwickelt andererseits auf den dortigen Fachdomänen wieder Startups. Wir brauchen keine Wunderkinder, die als zwanzigste Anbieter webbasierte ToDo-Listen anbieten, und wir sollten auch eine Blase in Berlin vermeiden. Unsere Stärke ist eher unsere Dezentralität, da denken viele Diskutanten leider viel zu simpel, weil sie wieder nur kopieren können, diesmal Kalifornien. Den Kopisten gehört aber in einer Wissensgesellschaft nicht die Zukunft. Die Zukunft ist ein Netz aus Midi-Clustern, die nach einheitlichen, orchestrierten Prozessen arbeiten“, so die Empfehlung von Kappes.

Man müsse die Kraft der Ideen und Stärke der Forschungslandschaft besser vermarkten, fordert Udo Nadolski, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Harvey Nash in Düsseldorf.

„Weitere SAPs zu schaffen, ist sicherlich kein einfaches Unterfangen. Aber was mir zuvorderst hier einfällt, wäre eine sehr pragmatische und unbürokratische Innovationsförderung. Es mangelt in Deutschland und Europa nicht an Ideen. Es fehlt uns die Kraft, diese Ideen umzusetzen. Das bedeutet Innovationsförderung und Kapital sowie eine gezielte Unterstützung von kleinen Organisationen“, so Nadolski.

Die meisten Startups würden an simplen Managementfehlern scheitern. Viele Gründer seien mit ausreichend Kapital ausgestattet worden, konnten damit aber nicht richtig umgehen. Es gehe also nicht nur um eine monetäre Unterstützung, sondern auch um eine fachlich-inhaltliche Beratung. Zudem müssten wir uns als Gesellschaft wieder in eine Aufbruchstimmung versetzen, wenn es um die digitale Zukunft des Landes gehe. Es dominiere eine latente Unzufriedenheit. Das müsse sich ändern.

Man sollte einen Steve Jobs an die Spitze von Fraunhofer stellen

An der Forschungslandschaft liege es jedenfalls nicht, dass wir als vernetzte Ökonomie noch so weit zurückliegen. Vielleicht sollten die etablierten Organisationen und Unternehmen anfangen, wie Bundesliga-Vereine Scout-Systeme zu entwickeln, um vermarktungsfähige Innovationen zu suchen. Steve Jobs habe das auch nicht anderes gemacht. Die Konzepte und Prototypen für die digitale Ökonomie seien schon längst in Deutschland vorhanden.

„Fraunhofer und MP3 sind ein gigantisch schönes Beispiel für die Schwächen bei der Eroberung neuer Märkte. In einer kürzlich veröffentlichten Studie geht hervor, dass sich Fraunhofer in Fragen der Management-Kompetenz im unteren Drittel eingruppiert. Die bescheinigen sich selbst eine hohe Innovationskraft aber nur eine sehr begrenzte Umsetzungskraft. Und da liegt der Hebel. Man sollte einen Steve Jobs an die Spitze der Fraunhofer-Gesellschaft stellen“, sagt der Harvey Nash-Chef.

Das komplette Interview mit Udo Nadolski beschäftigt neben dem Gipfeltreffen mit der Rolle von CIOs für Innovationen in eigenen Organisationen und der zunehmenden Bedeutung von sozialen Netzwerken für die Leistungsfähigkeit von Unternehmen.

Dazu erscheint am Dienstag im Fachdienst Service Insiders noch ein ausführlicher Bericht.

Was Steve Jobs zu den aktuellen Entwicklungen in seinem Unternehmen sagen würde, beleuchtet Gizmodo: Neun Änderungen, wegen denen Steve Jobs im Grab rotiert.

7 Gedanken zu “Ratschläge für Merkels Internet-Gipfel: Wunderkinder bringen noch keine digitale Wende

  1. sehr wichtiger Blog Beitrag zur Sensibilisierung. Trotzdem glaube ich, dass wir in Deutschland gar nicht so schlecht aufgestellt sind, wenn man sich auf Inhalte und Qualität und nicht auf Funding, Marktkapitalisierung und User-Zahlen beschränkt.

  2. Zum Bericht ‚Wunderkinder bringen noch keine digitale Wende‘: Ich stimme zu, daß es wenig sinnvoll wäre, ein zweites ´Google‘ bringen zu wollen. Aber was soll das heißen: „das beschliesst man nicht ‘mal eben’, dafür muss man den Standort neu ausrichten“? Auch dafür wäre ja ein poltischer Anstoß bzw. Beschluß durchaus hilfreich, denn anderenfalls würde man hier, wie ich das verstehe, nur auf die sog. ‚Selbstheilungskräfte des Marktes‘ hoffen, und an die glaubt nur noch die FDP (von deren Strategen ja auch der mittlerweile verdächtige Terminus ‚Standort‘ stammt), Aber was gäbe es denn außer Googel noch zu tun? Nun: Google selbst hat darauf bereits verschiedene Antworten gegeben – etwa mit Unterprogrammen wie ‚Google-Earth‘ oder ‚You-Tube‘. Auch da haben wir den Anschluß bereits so sehr verpaßt, daß es wenig sinnvoll erscheint, da noch hinterher zu laufen. Aber wer selbst im Internet aktiv ist, dem fallen noch weitere offene Möglichkeiten ein. Nur ein Beispiel: Wir erleben auf unserer Homepage, daß da einmal besuchermäßig Flaute herrscht, während an anderen Tagen gleich zehnmal so viele Besucher erscheinen – und da hätten wir ansich sehr gerne gewußt, was da los ist, woher diese Leute kommen, wer sie sind und wie sie sich strukturieren. Entsprechend Bill Gates Buch ‚Digitales Business‘ können die Unternehmen mithilfe der Computerisierung viel intelligentere Strategien entwickeln als noch zur Zeit des Telefons – und das könnten auch die diversen Homepagebetreiber, wenn sie ein Programm besäßen, mit dessen Hilfe sie Einblick in die Struktur ihrer Besucherzugänge hätten, Es müßte doch möglich sein, soetwas zu entwickeln und die Internetnutzung dadurch noch effektiver und intelligenter zu machen, ohne daß dabei das Datenschutzrecht der Besucher tangiert wird.
    Ich denke, in solche Richtungen könnte auch eine nationale Alternative gehen. Was ist zur Zeit etwa bei den Linken los? Es herscht ein inneres Chaos, das mit einer intelligenteren comptuergesteuerten Strategie vielleicht hätte verhindert werden können Usw. Usw.

  3. EIn Land kann nur so gut sein, wie seine Investoren. Die USA haben nicht die besseren Gründer, sie haben die besseren Investoren. Und das Problem kann Merkel nicht lösen. Das kann sie nur schlimmer machen. Die falschen Retter sind schlimmer als gar keine.

  4. Pingback: plus-me.at GOOGLE | (DE) Auf der #Informare12  haben wir das Internet der Dinge vorgestellt bekommen….

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