Vom Fluch des Denkens in Aggregaten – Schumpeter und die Rolle von Innovationen für Volkswirtschaften

Meine leicht ironisch formulierte Reiseempfehlung an die politischen Entscheider in den krisengeschüttelten Euro-Ländern hat bei ein paar makroökonomisch beseelten Wirschaftsbloggern Reflexe ausgelöst, die dem ehrwürdigen Pawlow einige Freude bereitet hätte. Die Twitter-Disputation habe ich gestern dokumentiert.

Warum sollte eine Exkursion nach Cupertino in die Apple-Zentrale auch falsch sein? Mit meinem Sohn werde ich in der zweiten Juni-Woche ins Mekka der Informationstechnologie aufbrechen und einen kleinen Tagesausflug auf den Spuren von Steve Jobs machen – Berichte und Interviews darüber gibt es natürlich auch.

Reisen erweitern den Bildungshorizont. So könnten die gebeutelten und verzweifelten Euro-Politiker wieder Optimismus und Kraft tanken, wenn sie erfahren, wie man weltweit selbst in der schlimmsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit Rekordgewinne erzielt und welche Rolle dabei Innovationen spielen. Und genau an dieser Sollbruchstelle arbeitete sich Joseph Schumpeter in seiner kritischen Würdigung des makroökonomischen Werkes von John Maynard Keynes ab. Das war also in meiner „platten und peinlichen“ Kolumne ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Makroklempner, ihre deduktive Brille abzusetzen und auch mal einen induktiven Blick zu wagen. Da Schumpeter im Gegensatz zu Keynes ein Eigenbrötler war, fehlten ihm prominente Promotoren, um seine Ansichten über Konjunkturzyklen zu verbreiten und der Allgemeinen Theorie von Keynes entgegenzusetzen. Schumpeter war das schlechtere PR-Talent.

Dabei sind seine Ausführungen zum „Fluch des Denkens in Aggregaten“ wichtiger und notwendiger denn je. Die Summe von Einzeleintscheidungen kann man im nachhinein höchst simpel im Brustton der Besserwisserei interpretieren. Das Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes dürfte bei den Makroklempnern wohl einen vorderen Platz auf der persönlichen Bestseller-Liste einnehmen. Da stürzt man sich mit Verve auf Monokausalitäten und Korrelationen, um der Öffentlichkeit die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsverlaufs zu erklären – belastbar sind diese Aussagen aber immer nur im Rückspiegel.

Geht es um die Zukunft, rangieren die Gewissheiten der VWL-Mechaniker auf dem Level von Kaffeesatz-Leserei. Das ist schlecht fürs Ego. Also muss man lautstark um sich schlagen, um die brüchigen ökonometrischen Analysen in irgendeiner Weise zu retten.

Ich könnte übrigens den Markoklempnern noch eine finanzwissenschaftliche Abhandlung aus meiner studentischen Feder ins Besserwisser-Biotop kippen: Dort ging ich in unendlichen Zahlen-Kolonnen der Frage nach, ob es eine optimale Staatsverschuldung für Staaten gibt. Das Dumme an meinen Empfehlungen ist nur, dass sich diese unberechenbare politische Klasse einen Teufel um meine Analysen schert und scheuklappenselig einfach nur an den nächsten Wahltermin denkt. Ist ja auch fatal, dass es den machiavellistischen Faktor in der Politik gibt. Lässt sich mathematisch nur schwer in Formeln gießen.

Das wird das Thema meiner nächsten The European-Montagskolumne sein. Ich verspreche den aggregierten Wirtschaftswunder-Denkern, dass ich ihre empfohlene Stellschrauben-Wenn-Dann-Ceteris-Paribus-Arithmetik ausführlich würdigen werde – also Spardiktat etwas lockern und zumindest eine „atmende Fiskalpolitik“ betreiben etc..

Umgekehrt wünsche ich mir, dass die VWL-Mechaniker sich mit der Frage auseinandersetzen, ob nicht Keynes und die Post-Keynesianer ein verzerrtes Bild des Wirtschaftslebens zeichnen. So wird die Rolle der Innovationen bei der Frage der Investitionszurückhaltung entweder völlig ausgeblendet oder heruntergespielt.

Schumpeter wendet ein, dass damit der Kern des wirtschaftlichen Wandels ignoriert wird. In Wahrheit werden Volkswirtschaften permanent durch Innovationen, Technologien und neuen Geschäftsmethoden umgepflügt und revolutioniert. Und häufig sind es Einzelpersönlichkeiten wie Steve Jobs oder der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, die komplette Wirtschaftsbranchen ins Wanken bringen und neue Wirtschaftsbranchen entstehen lassen – wie die Telefonie-Expansion Ende des 19. Jahrhunderts. Wie dieser Wandel aussieht, kann auch in aggregierten Größen analysiert werden. Entsprechende Interviews, Meinungen, Studien und Recherchetipps sind hoch willkommen. Bis Freitagabend nehme ich das gerne auf. Heute gibt es noch eine Kolumne über die Zukunftsaussichten von Facebook – so gegen 15 Uhr auf Service Insiders.

10 Gedanken zu “Vom Fluch des Denkens in Aggregaten – Schumpeter und die Rolle von Innovationen für Volkswirtschaften

  1. André Kühnlenz

    „Reflexe“ also! Ich war nur genervt, weil du mich in ein Topf geworfen hast, in dem es angeblich um volkswirtschaftliche „Glaubenskriege“, wie in den 70er Jahren gehen würde… Ohne es auch nur ein Deut zu begründen…(Dies wäre ja vielleicht sogar berechtigt gewesen, wenn ich mich für Konjunkturprogramme oder einen Wachstumspakt ausgesprochen hätte, was ich aber gar nicht getan habe…). Das ging mir einfach ein bißchen arg durcheinander…

    Und kann es sein, dass Du mit „Stellschrauben-Wenn-Dann-Ceteris-Paribus-Arithmetik“ meinst, dass es sich um theoretisches Geschrubbel aus dem Lehrbuch handeln würde, die nichts mit der Praxis oder Realität zu tun hat. Da wären dann Belege auch nett gewesen. Also die Statistiken zeigen, dass die volkswirtschaftliche Logik, die Stephan Ewald bei sich skizziert hat und die ich Dir gestern in den Kommentaren auch noch mal darlegt habe, knallhart in Spanien am Wirken ist…

    Auch das ist keine Frage von Glauben oder Ausrichtung in der Volkswirtschaftlehre, sondern das ist die Realität, zumindest, wenn man Statisiken Glauben schenkt, aber vielleicht magst du die ja auch nicht… So, nun kommst Du und sagst irgendwas mit Innovation und Apple, da sollten die Länder doch drauf schauen, in der Krise Rekordgewinne und so…

    Nachdem Du gestern soviele Fragen gestellt hast, wäre es also nett, wenn Du hier mal etwas ausführlicher werden würdest…

    Muss man sich Deiner Meinung nach also gar nicht mit Statistiken oder Makroaggregaten beschäften, weil sie ja fern von jeder Praxis sind? Wie kommt man dann zu dem Schuss, dass irgendwas Glauben ist und irgendwas kein Glauben, wenn Du dafür plädierst nicht immer auf die Aggregate zu schauen? Wobei können Erfahrungen von Apple denn helfen, welches Problem zu lösen? Ich werde einfach nicht schlau daraus, was du uns eigentlich sagen willst…

  2. Hallo André, das sind ja nicht nur Lehrbücher, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Politikberatung der Wirtschaftsforschungsinstitute und sonstigen VWL-Experten, die sich in diesem Gefilde tummeln. Natürlich muss man sich mit aggregierten Größen beschäftigen. Aber ob Du die Problemlage in Spanien mit Deiner Empfehlung löst, bezweifle ich. Eine Antwort auf Deine Fragen werde ich also einbetten in meine nächste Montagskolumne.

    Auch Spanien werde ich aufgreifen und Deine Empfehlungen ausführlich würdigen. Wenn Du Lust hast, auch über ein Telefoninterview am Donnerstag, dann mache ich zudem noch einen Podcast. Freitag bin ich den ganzen Tag auf Achse. Schreiben werde ich am Samstag. Autorisierungen sind nicht möglich. Es gilt das gesprochene Wort. Soweit zu den Spielregeln.

  3. André Kühnlenz

    Und die Frage, „ob nicht Keynes und die Post-Keynesianer ein verzerrtes Bild des Wirtschaftslebens zeichnen“ – ja, keine Ahnung, was Du meinst? Ich bin kein Keynesainer, finde aber einiges, was die Ausrichtung zu sagen hat, beachtenswert… Bei einem so globalen Gesamturteil, wie du es einfordert, fühle ich mich jedenfalls überfordert…

    Irgendwie entstehen hier nur Frage über Fragen?

    Was meinst Du mit verzerrt? Denkst du es gibt Leute, die kein verzerrtes Bild des Wirtschaftslebens zeichnen? Und wer ist das? Speziell denkst, es gibt Makrotheoretiker, die in Deinen Augen kein verzerrtes Bild des Wirtschaftleben zeichnen?

  4. Natürlich stochert jeder im Nebel. Nur diese verdammten Gewissheiten und Modellannahmen der Makroökonomen sind störend. Ihre an die Naturwissenschaften angelehnten Pseudo-Theorien. Hier erwarte ich einfach mehr Demut und Bescheidenheit. Meine postkeynesianischen Professoren waren fast alle konvertierte Mathematiker, die von ordnungspolitischen Zusammenhängen noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatten und sich in ihrer Modellschreinerei verliefen. Einer war am Schluss der Vorlesung der Verzweiflung nahe, wenn wir es wagten, einen Abgleich mit der Realpolitik vorzunehmen. Dann brach die von ihm verwendete Kreide mitten in den Ableitungen, die er an die Tafel kritzelte.

  5. André Kühnlenz

    Schon klar, und ich bin ja auch weit davon entfernt, VWL-Theorien über den Klee zu loben. Mich stören viele Modelle genau wie Dich und die Argumente in Politikberatung oder in einigen Wirtschaftsforschungsinstituten finde ich mitunter ebenfalls zweifelhaft – vermutlich aus anderen Gründen als Du, aber egal…

    Nur eben bei den Auswirkungen der Austerität geht es eben nicht um Modelle oder realitätsferne Annahmen. Die kommen erst dann ins Spiel, wenn man begründen will, wieso man davon positive Effekte erwartet oder wenn man positive Effekte von Konjunkturpaketen erwartet – jeweils natürlich auf eine längere Sicht. Und hier argumentieren einige Ökonomen tatsächlich so, als wären dies Glaubensfragen und hier ist ja auch der Frust von Leuten, die eher aus der Praxis kommen, mehr als verständlich…

    Und wenn ich sage, dass es das Vernüftigste wäre, dass man verübergehend Defizite einfach laufen lassen müsste, hat das weder mit dem einen noch mit anderen zu tun, noch mit irgendwelchen Modellannahmen. Hier geht es um simple Logik und der Tatsache, dass ich den Bekenntnissen der Austeritätsbefürworter wenig abgewinnen kann. Und dafür muss man eben kein Keynesianer, Postkeynesianer, Neukeynesianer oder Sonstwaskeynesianer sein. Verstehst du meinen Ärger, wenn ich das Glaubensbekenntnis der einen kritisiere, und von Dir vorgehalten bekomme, ich würde ein Glaubenbekenntnis ablegen?

    Dagegen bist du ja dann wohl eher auf der Seite, die keine Alternative zu den laufenden Austeritätsprogrammen sehen. Gut, die Meinung kann man ja durchaus vertreten, dann muss man sie halt auch begründen, wenn man nicht selber als „Blinder Austeritätsgläubiger“ dastehen will… (Das nur zu dem Teil, bei der Rolle der Innovation und Apple sind wir damit noch lange nicht… )

  6. Nein, bin ich nicht. Ich sehe beide Lager skeptisch. Es reduziert sich alles auf Sparzwang oder nicht. Hinter den Kulissen geht es dabei weniger um makroökonomische Modelle, sondern um Schuldzuweisungen, um politisch in seinem Heimatland nicht abzusaufen. Jedes land sollte jetzt einen Kassensturz machen und alle Wahrheiten auf den Tisch legen. Auf dieser Grundlage kann weiter debattiert und gehandelt werden.

  7. Nachtrag. Bin gerade mit meiner neuen Kolumne fertig geworden. Diesmal „nur“ über die Zukunftsaussichten von Facebook nach der Börsen-Horrorwoche. Wie sieht es mit einem kurzen Telefoninterview am Donnerstag aus, lieber André? Uhrzeit ist mir wurscht. Ich müsste Dich allerdings auf einem Festnetztelefon anklingeln, sonst wird die Aufnahme zu schlecht.

  8. Gerade bekomme ich den neuen The European-Redaktionsplan. Ich wollte auf den Mittwoch wechseln, um mir nicht immer den Sonntag um die Ohren hauen zu müssen. Meinem Wunsch ist entsprochen worden, so dass ich ab nächster Woche schon den Mittwoch besetzen darf. Die Interviews würde ich trotzdem gerne am Donnerstag führen.

  9. André Kühnlenz

    Eigentlich ne nette Idee mit dem Podcast… Auch schön, dass du da an mich gedacht hast. Nur kann ich derzeit schwer abschätzen, ob ich dafür am Donnerstag Zeit haben werden…

  10. Bis morgen Abend müsste ich das wissen für die Tagesplanung am Donnerstag. Morgen geht es nicht und am Freitag bin ich den ganzen Tag auf Achse.

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