Datenschutz, Datenschatz und der Rausch der Tiefe: Überlegungen zu Facebook

Der Facebook-Aktienkurs befindet sich „im Rausch der Tiefe“, wie es heise.de so schön ausdrückt. Heute erreichte das Papier einen neuen Tiefstand. „Gegen Mittag (Ortszeit) rutschte das Papier im New Yorker Handel unter die Marke von 30 US-Dollar, bewegte sich auf die 29 US-Dollar zu und liegt zur Stunde noch auf diesem Niveau. Das bedeutet einen weiteren Verlust von rund 7 Prozent gegenüber dem Schlusskurs der vergangenen Woche. Auch verschiedene Berichte über mögliche Aktivitäten des sozialen Netzwerks vermochten den Kurs nicht zu befeuern. Die bereits vergangene Woche gemeldeten Spekulationen zur einer Übernahme von Opera ließen laut Financial Times lediglich die Aktie des schwedischen Software-Unternehmens steigen. Und die am Dienstag berichteten Pläne für ein eigenes Facebook-Smartphone konnten die Börsianer offenbar ebensowenig erwärmen wie die vom Blog Techcrunch kolportierte Übernahme des Gesichtserkennungs-Dienstes Face.com“, so heise.de.

Ist damit die Talsohle bald erreicht? Experten gehen davon aus, dass sich der Aktienkurs bei 25 bis 30 Dollar stabilisieren wird. Mal schauen. Etwas weniger aufgeregt als die Medienberichte der vergangenen Tage hat Marketing-Professor Ralf Kreutzer von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht im Interview mit mir ausgedrückt:

„Wenn man alle Phantasie schon einpreist, wohin soll sich ein Kurs dann entwickeln? Dann ist die Phantasie raus und es ist keine weitere Erwartung absehbar. Bis neue, innovative Konzepte präsentiert werden, die wirklich deutlich machen, dass es Facebook in Zukunft in viel höherem Maße wie bisher gelingen wird, ihren Datenschatz konsequent zu monetarisieren. Da sind jetzt die Manager von Facebook gefragt.“

Schaut man sich den Status quo der Geschäftsausrichtung an, sei Facebook gut positioniert, betont Professor Kreutzer: „Wir brauchen maßgeschneiderte Werbung. Mit der berühmten Gießkannenmethode kommen Unternehmen heute nicht weiter. Das ist viel zu kostenintensiv. Jetzt sind wir auf dem Weg, dass man an vielen Stellen One-to-One- Angebote machen kann. Ein Unternehmen spricht seinen einzelnen Kunden mit relevanten Angeboten sehr gezielt an. Das uns nicht alle Werbemaßnahmen gefallen, ist klar. Aber wenn ich pro Tag Werbung bekomme, für die ich ein Opt-in gegeben habe, dann signalisiere ich damit ja die Relevanz. Wenn ein Unternehmen das überstrapaziert, weil es mir drei E-Mails am Tag schickt, dann bin ich relativ frei, das auch wieder abzubestellen. Von daher haben wir schon viele Handlungsmöglichkeiten und ich würde mir von Seite der Politik wünschen, dass gesagt wird, Werbung ist genauso wertschöpfend, wie die Produktion eines Produktes. Wenn ich ein Produkt produziere und nicht werben darf und keiner mein Produkt kauft, dann bin ich als Unternehmen nicht erfolgreich“, so Kreutzer, der zum Thema „Marketing as a Service: Privacy and One-to-One Solutions – Two Sides of the Same Coin“ auf der Social Media Marketing-Konferenz in Amsterdam am 11. Juli einen Fachvortrag halten wird.

Was jetzt wichtig sei: Über die Verwendung des Datenschatzes müsse Facebook eine gesunde Sensibilität herbeiführen. Hier müsse der Nutzer für sich erkennen, wo er für alle sichtbar sein möchte oder wo nicht. Nachdem die ganze Börsenphantasie im Einstiegskurs schon enthalten war, sei Facebook jetzt gefordert, zu liefern.

„Es müssen zwei Sachen sichergestellt werden. Facebook muss in der Lage sein, für werbende Unternehmen relevante Nutzungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Und das muss gelingen, ohne Fans zu verlieren. Ich weiß nicht, ob wirklich die Aktionäre die großen Fans von Facebook sind. Ich glaube, es sind momentan eher die Nutzer. Hier ist der Zuckerberg-Konzern gut beraten, Vertrauen als zentrale Währung im Alltagsleben und im werblichen Umfeld immer wieder neu zu verdienen. Um deutlich zu machen, lieber Nutzer, du vertraust mir viele Daten an und du kannst mir auch vertrauen, dass ich mit diesen Daten vertrauensvoll umgehe. In beiden Feldern muss sich das Facebook-Management als guter Anwalt beweisen. Für Unternehmen und Kunden“, resümiert Marketingprofessor Ralf Kreutzer.

Bleibt spannend. Hier geht es zum gesamten Facebook-Opus aus meiner Feder.

Meine Service Insiders-Kolumne erscheint jetzt immer am Dienstag und die The European-Kolumne immer am Mittwoch. Dann kann ich an den Wochenenden mehr in den Biergarten pilgern, weniger sparen und den Euro stabilisieren. Stichwort Nieder mit dem Spardikat 🙂

Interessant auch: Pipe macht Echtzeit-Filesharing über Facebook möglich, erschienen bei golem.de.

5 Gedanken zu “Datenschutz, Datenschatz und der Rausch der Tiefe: Überlegungen zu Facebook

  1. Clemens

    Lieber Herr Sohn, weshalb machen Sie denn Experten-Interviews? Ich dachte Sie halten nichts von Experten?! Befragen Sie doch stattdessen mal nen einfachen Nutzer 😉

    vg

  2. Ich habe nichts gegen Experten. Ich sagte nur, dass jeder Experte auch ein Nichtexperte sei. Ich halte nur nichts von Experten-Heiligsprechungen: Deshalb zählt ja auch der viel zu früh verstorbene Paul Feyerabend zu meinen Lieblingsphilosophen. So schrieb er, dass ein Dadaist zugleich Anti-Dadaist war. „Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert mein Lieblingsphilosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“.

    Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen. Das finde ich richtig gut 🙂 Übrigens befrage ich regelmäßig alle möglichen Leute, die zu einem bestimmten Thema eine Meinung haben. Ich rufe doch ständig in meinem Blog dazu auf, mir Statements zu schicken, für Interviews zur Verfügung zu stehen. Das wird auch reichlich genutzt von einer bunten Mischung aus Netz-Interessierten. Wenn Du in Bonn oder Umgebung bist, lade ich Dich gerne ein zu einem Bibliotheksgespräch.

  3. Clemens

    Ich halte auch (generell) nichts von Heiligsprechungen – seien es jene von Experten, Nicht-Experten, Dingen oder Theorien/Ideologien. Betr. Dadaismus: dieser ist dann doch auch nur ein allgemeiner Grundsatz/Idee, die Welt zu sehen bzw. zu erklären und spricht sich somit seine eigene Existenzberechtigung ab?!

    Ich verfolge Deinen Blog leider noch nicht so lange, werde es aber zukünftig tun und mich gelegentlich mal zu Wort melden. Oder in Bonn vorbeischneien.. 😉

  4. Anonymous

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Diskussionsstränge über das Thema intensiv verfolgt und aktiv mitgestaltet…

    Strang 1: Ein Thread im offiziellen Forum der Eintracht Frankfurt
    Strang 2: On- und Offline-Unterhaltungen mit meinen ‚Facebook-Freunden‘

    Es mag nicht repräsentativ sein, doch der Grundtenor ist wie folgt: Wir (ca. 100 User), Altersgruppe 30 – 50 Jahre, mehrheitlich mit höherem Bildungsniveau, nutzen Facebook ausnahmslos als kostenfreie Kommunikationsplattform. Werbung wird nie angeklickt! ‚Apps‘ nur vereinzelt (z.B. Spiele).

    Hat nicht General Motors kürzlich vermelden lassen, dass sie den Facebook-Werbeetat streichen, weil Marketing via Facebook nichts bringt? Das waren eigentlich Alarmsirenen für jeden, der noch mit dem Erwerb von FB-Aktien geliebäugelt hat…

    Wie dem auch sei – Facebook ist ein Sandkasten zum Spielen, kein grosses Geschäft. Und das Risiko, dass ein Konkurrent für die User attraktiver wird, schwebt ja auch ständig über diesem ‚Geschäftsmodell‘!

    Grüsse aus Frankfurt
    Hackentrick

Kommentar verfassen